18. Jan. 2022
Wirtschaft

Energiepreise am Anschlag: IGBCE-Chef fordert rasche „Krisenintervention“ vom Bund

Der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis kündigt an, dass seine Gewerkschaft auf die steigenden Energie- und Verbraucherpreise reagieren wird. | Foto: Helge Krückeberg, Canva, Montage: Rundblick

Mitten in der vierten Welle der Corona-Pandemie gehen die Infektionszahlen weiterhin steil nach oben. Doch die größten Sorgen der Industriegewerkschaft IGBCE kreisen um ein anderes Problem. „Wir müssen davon ausgehen, dass das Thema Energiepreise und Energieversorgung sowohl für Privatleute als auch für die Industrie dauerhaft ein Thema sein wird“, warnte IGBCE-Chef Michael Vassiliadis gestern in der Jahrespressekonferenz. Der Vorsitzende der drittgrößten Gewerkschaft Deutschlands spricht sich für mehr neue Gaskraftwerke, finanzielle Entlastungen für Verbraucher und einen Krisengipfel für die energieintensive Industrie aus. „Wenn wir nicht schnell agieren, sehe ich schon Schwierigkeiten für einige unsere Unternehmen“, sagte Vassiliadis und forderte eine „rasche Krisenintervention“. In den besonders energieintensiven Industriebereichen Keramik, Papier, Glas und Aluminium herrsche bereits Alarmstimmung aufgrund der hohen Gas- und Strompreise. Einige Betriebe hätten ihre Produktion bereits gedrosselt. „Aber kein Unternehmen – zumindest nicht von denen, mit denen ich gesprochen habe – ist daran interessiert, jetzt sein Personal abzubauen, weil sie die Leute danach wieder suchen müssen“, sagte der 57-jährige Gewerkschafter. Die IGBCE plädiert deswegen für eine Deckelung des Industriestrompreises „auf einem international ebenbürtigen Niveau“.

IGBCE fordert Entlastungen für private Haushalte

Für private Haushalte fordert die IGBCE als Reaktion auf die Energiepreis-Explosion ein „schnell wirkendes Entlastungspaket“, zumal auch Lieferengpässe noch für einige Teuerungen sorgen würden. „Den Vorschlag der Bundesregierung, für sozial Schwächere einen Heizkostenzuschlag zu bezahlen, finde ich richtig. Aber es reicht nicht in der Breite“, sagte Vassiliadis und fügte hinzu: „Es gibt Armut in Deutschland, und das wird durch die aktuelle Energieentwicklung verschärft.“ Der Gewerkschafter brachte eine höhere Pendlerpauschale, ein Vorziehen von EEG-Entlastungen und Klimageld sowie einmalige Förderpauschalen für bestimmte Einkommensgruppen ins Spiel. Welchen Umfang das Paket haben soll, sagte Vassiliadis nicht. Als mögliche Obergrenze für die Entlastungen nannte er ein Bruttojahresgehalt von 50.000 Euro. „Das ist guter Arbeitnehmer-Mittelstand.“ Vassiliadis kündigt an, dass der Anstieg der Verbraucherpreise auch Auswirkungen auf künftige Tarifverhandlungen haben wird. Mit Blick auf die Reallohnentwicklung gab sich der Gewerkschafter kämpferisch. „Klassische Entgeltforderungen müssen Priorität genießen“, gab Vassiliadis als Devise aus und sagte: „Wir müssen die Knappheit an Fachkräften einpreisen.“ Die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale wischte der gelernte Chemielaborant, der bereits mit 16 Jahren der IG Chemie-Papier-Keramik beitrat, beiseite. Das sei ein „Kampfbegriff aus den siebziger Jahren“. Vassiliadis: „Wenn ich mir anschaue, was in der heutigen Kostenrechnung unserer Industrien auf den Lohn entfällt, dann glaube ich, gibt es eher eine Energiepreisspirale.“

Vassiliadis: "Das Elektron sollte nicht politisiert werden"

Dass die Ampelkoalition die Energiewende beschleunigen möchte, bewertet SPD-Mitglied Vassiliadis als positiv. Unter den aktuellen Bedingungen hält er ein Gelingen der Transformation jedoch für unrealistisch. „Dafür ist eine andere, klare und schnelle Politik nötig“, sagte er. Vor allem die Versorgungssicherheit bereitet dem IGBCE-Chef große Sorgen. „Da bleibt nur ein radikaler Ausbau von Gaskraftwerken. Die Kapazitäten, die da benötigt werden, sind gigantisch“, sagte er. Konkret gehe es um 30 Gigawatt zusätzlich – also etwa die Strommenge, die durch den Ausstieg aus Kohle- und Atomkraft wegfallen. Dem Zukauf von Atomstrom aus Frankreich oder anderen Nachbarländern solle die Politik bitte keine Hürden in den Weg stellen. „Das Elektron sollte nicht politisiert werden. Wir brauchen jede Energie, die wir kriegen können. Importe sollte nicht auch noch mit politischen Filtern ausgestattet werden“, sagte Vassiliadis und sprach sich außerdem für ein Umdenken bei der „Farbenlehre beim Wasserstoff“ aus. Neben dem CO2-neutralen „grünen“ Wasserstoff müsste etwa auch „blauer“ Wasserstoff zulässig sein, der aus Erdgas hergestellt wird. Zudem forderte der IGBCE-Vorsitzende, dass Wasserstoff vorrangig in der Industrie eingesetzt wird: „Für mich ist nicht schlüssig, dass man den nicht vorhandenen Wasserstoff als Entlastung für Gaskraftwerke verbrennt.“

Umfrage zeigt: Ansteckungsgefahr im Betrieb eher gering

Vassiliadis stellte auch die Ergebnisse einer Umfrage unter 1500 Beschäftigten zu den Arbeitsbedingungen in der Corona-Pandemie vor. Demnach stehen 70 Prozent der Befragten voll hinter 3G am Arbeitsplatz, 11 Prozent halten die Maßnahmen für überzogen. Der überwiegende Teil der Arbeitgeber achtet laut Umfrage sehr genau auf die Einhaltung der 3G-Regeln. „Ohne Nachweis kommen wir gar nicht rein“, sagen 73 Prozent. 18 Prozent bewerten das Kontrollsystem ihres Unternehmens jedoch als „eher halbherzig“ und 2 Prozent sagen sogar: „Der hat keinerlei Überblick.“ Jeder zehnte Beschäftigte bewertet die Ansteckungsgefahr im Betrieb daher auch als hoch. Die Hälfte der Befragten findet die Gefahr „vergleichsweise gering“. Zehn Prozent der Befragten, sagen sie ist „fast null“.

Einer Impfpflicht stehen 61 Prozent der Befragten wohlwollend gegenüber, 22 Prozent lehnen sie ab.  „Das Thema Impfpflicht ist ein heißes. Im Betrieb finden wir die Debatte tendenziell etwas sachlicher als in der Öffentlichkeit“, sagt Vassiliadis und fordert eine schnelle Entscheidung: „Wenn wir jetzt noch zwei Monate diskutieren, brauchen wir auch keine Impfpflicht mehr. Dann ist man entweder geimpft oder man hatte es.“ Homeoffice ist in den meisten Betrieben offenbar kein Problem. Laut 16 Prozent der Befragten wird das Arbeiten von Zuhause von ihrem Arbeitgeber allerdings nicht gerne gesehen.  „Homeoffice wird bekämpft, wo es nur geht“, sagen 3 Prozent der Befragten.

Quelle: IGBCE

Corona-Krise kostet Gewerkschaft weitere Mitglieder

2011 zählte die IGBCE noch 672.195 Mitglieder. „Das Jahr 2021 haben wir mit 591.000 Mitgliedern abgeschlossen. Wir haben also 2,4 Prozent an Mitgliedern im Vergleich zum Vorjahr verloren“, sagte IGBCE-Vorstand Francesco Grioli. Die Corona-Pandemie mit ihren Beschränkungen sei Gift für die Gewerkschaftsarbeit. „Es geht ein bisschen was an Diskussion und an Persönlichkeit verloren“, begründete Vassiliadis den Mitgliederschwund und sagte: „Wir brauchen für die Zukunft eine digitale Variante von Gewerkschaftsarbeit.“

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #009.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link