
Als Niedersachsen 1946 gegründet wurde, war das eine Zusammenführung ganz unterschiedlicher Gegenden und Landschaften. Die selbstbewussten Oldenburger im Norden, die nicht minder auf Eigenständigkeit bedachten Braunschweiger im Osten, dazwischen die Hannoveraner mit ihrer wechselvollen Geschichte. Und dann noch das kleine frühere Fürstentum Schaumburg-Lippe, das sich direkt an der Grenze zum benachbarten Nordrhein-Westfalen befindet. Heute zählt dieser Landkreis 165.000 Einwohner und gehört nicht zu den herausragenden der 38 niedersächsischen Kreise, weder Politiker noch Institutionen aus dieser Region machen viel von sich reden. Dabei ist nun am 6. Juni ein besonderes Jubiläum: An diesem Tag ist es 100 Jahre her, dass es eine Volksabstimmung über den Anschluss des kleinen Staates an Preußen gab. Das war am 6. Juni 1926.

Gibt es einen Grund, abschätzig auf Schaumburg-Lippe zu schauen? Der Historiker Heiko Holste, der im Bundespräsidialamt arbeitet, hat sich intensiv mit der Geschichte des kleinen Landes befasst. Jüngst ist ein Buch erschienen, das die Entwicklung gerade in der Weimarer Republik beleuchtet und mit der Tatsache abrechnet, dass dieses frühere Fürstentum immer mal wieder gern belächelt wurde – auch von den unmittelbaren Nachbarn, den Hannoveranern. Dass Schaumburg-Lippe überhaupt so lange eigenständig blieb und mit damals 48.000 Einwohnern Anfang der dreißiger Jahre das kleinste deutsche Land war, hat viel mit der Bismarck-Politik zu tun, schreibt Holste: Der alte Reichskanzler habe Hannover und Kurhessen an sein Preußen angegliedert, das kleine Schaumburg-Lippe aber politisch unabhängig gelassen. Dies sei ein Akt der Verschleierung der wahren Machtverhältnisse im Deutschen Reich gewesen – denn alle hätten doch gewusst, dass sich ein Land wie Schaumburg-Lippe nie ernsthaft unabhängig von Preußen hätte entwickeln können.
Aber noch einmal die Frage: Kann man Schaumburg-Lippe deshalb belächeln? Holste warnt davor und weist auf einige Fakten hin, die im Deutschland-Vergleich gerade vorbildlich wirken: Friedlich und konsensorientiert hätten die Schaumburg-Lipper im November 1918 den Übergang von der Monarchie zur Demokratie gemeistert – während andernorts, etwa in Braunschweig, revolutionäre Umtriebe das Land erschütterten. Die Landtage hätten ihre Wahlperioden ausgeschöpft und bis 1933 habe es stabile demokratische Regierungen gegeben. Die SPD habe mit der liberalen DDP eine Mehrheit gehabt, Treue zur Weimarer Reichsverfassung habe die politisch leitenden Kräfte ausgezeichnet. Als eine der letzten demokratischen Regierungen ist die von Schaumburg-Lippe am 9. März 1933 vom neuen Reichskanzler Hitler abgesetzt worden. Es gibt also, folgt man Holste, ein paar sehr positive und beispielhafte Signale aus diesem kleinen Land. Der Autor führt das vor allem auf das Wirken des SPD-Politikers und Regierungschefs Heinrich Lorenz zurück. Von 1927 bis zu seiner Absetzung 1933 war Lorenz „Staatsrat“, also faktisch Ministerpräsident. Schon vorher sei er die zentrale Figur der Entwicklung gewesen. Holste beschreibt ihn als pragmatisch und auf Ausgleich ausgerichtet. Große Reden habe Lorenz ungern gehalten, seine Stärke habe dann mehr im Agieren hinter den Kulissen bestanden.

Schrittweise entwickelte sich so in Schaumburg-Lippe ein modernes Staatsgebilde. Im November 1918, im Augenblick der Revolution, wurde auch in diesem Land das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht eingeführt. Wählbar indes waren zunächst nur Männer, die älter als 27 waren. Ein „Arbeiter- und Soldatenrat“, der gebildet wurde, sei weit weniger umstürzlerisch aktiv gewesen als Institutionen gleichen Namens in anderen Reichsgebieten. Der Hauptinitiator sei vielmehr der konservative Bürgermeister Bückeburgs gewesen. Kurze Zeit später dankte der Fürst zu Schaumburg-Lippe ab. Holste widerspricht nun vehement der oft verbreiteten Theorie, es habe hier eine große Anhängerschaft zur Monarchie gegeben, die auch Heinrich Lorenz eingeschlossen habe. Dass der Übergang hier recht gewaltarm vollzogen wurde, sei vielmehr Ausdruck der politischen Entwicklungen in vielen Kleinstaaten gewesen und keineswegs eine Besonderheit. Sonderbar war allerdings die Verfassung, die sieben Regierungsmitglieder vorsah – fünf vom Landtag gewählte ehrenamtliche Vertreter und daneben zwei hauptamtliche Vertreter. Beim hauptamtlichen Personal griff man auf die beiden Mitglieder des bisherigen fürstlichen Ministeriums zurück. Aber Holste beschreibt, dass Lorenz gleichwohl seinen Einfluss stark ausübte – auch wenn er zunächst formell nicht in der ersten Reihe stand.

Allerdings waren die Demokraten zu Zugeständnissen gezwungen – auch aus Mangel an finanziellen Möglichkeiten des Kleinstaates. Dem zurückgetretenen Fürsten gehörte die Landeszeitung Schaumburg-Lippe, und diese habe sich dann für dessen Interessen stark gemacht. So wurden drei Schlösser und die Festung Wilhelmstein auf dem Steinhuder Meer in den Besitz des ehemaligen Machthabers übertragen. Die Verfassung, die dann beschlossen wurde, enthielt auch einige Merkwürdigkeiten. So gab es formell ein großes Gewicht für die beiden hauptamtlichen Regierungsmitglieder, die dann meistens gut ausgebildete Juristen sein sollten. Außerdem sah eine Regelung vor, dass der Landtag nur beschlussfähig war, wenn zwei Drittel der Mitglieder anwesend waren – ein Modell, das die Opposition als Einladung zur Blockadepolitik verstehen konnte. 1922 hatte Heinrich Lorenz dann einen sozialdemokratischen Kandidaten für die Nachfolge eines der hauptamtlichen Regierungsmitglieder gefunden, den Berliner Sozialdemokraten Erich Steinbrecher. Im Jahr darauf wurde der Versuch unternommen, Schaumburg-Lippe an Preußen anzugliedern. Steinbrecher wollte ein gemeinsames Vorgehen mit dem Land Lippe erreichen, das ebenfalls über die Angliederung an Preußen nachdachte. Da im Mai 1924 eine Volksabstimmung über die Loslösung Hannovers von Preußen keine Mehrheit bekam, fühlten sich die Preußen-Befürworter weiter im Aufwind. Aber die andere Seite, Landbund und Handwerkerbund, versuchten in Schaumburg-Lippe eine Gegenbewegung und wollten über einen Volksentscheid die Auflösung des Landtags erreichen – und die dortige Mehrheit für einen Anschluss an Preußen abwählen. Im August 1924 stand das Ergebnis fest: 95 Prozent waren für die Landtagsauflösung. Da aber nicht mindestens die Hälfte der Wahlberechtigten teilgenommen hatte, war das nötige Quorum nicht erreicht worden.

In den folgenden Landtagswahlen 1925 verlor die SPD die absolute Mehrheit, doch mit der DDP konnte sie weiter regieren. Der geplante Anschluss an Preußen blieb ein Thema – zumal die Verwaltungspraxis den Schritt unbedingt nahelegte. Wie Holste schildert, waren 1928 mindestens 45 preußische Behörden mit schaumburg-lippischen Angelegenheiten befasst, auch das OLG Celle, preußisch gesteuert, erledigte Fälle, die von der schaumburg-lippischen Justiz nicht zu Ende verhandelt werden konnten. Jede Menge Verwaltungsvereinbarungen legten diese Verfahren fest. Die Schaumburger Landesregierung bereitete eine Fusion mit Preußen vor und ordnete für den 6. Juni 1926 eine Volksabstimmung darüber an. Maßgeblich hatte das Staatsrat Steinbrecher vorbereitet. Konservative Kräfte von Landbund und Heimwerkerbund waren dagegen und stritten für die Selbstständigkeit. Die Beteiligung an der Abstimmung war mit 68,6 Prozent recht hoch. Aber die Befürworter der Eigenständigkeit lagen mit 53,3 Prozent klar vorn, die Anschluss-Anhänger erreichten nur 46,7 Prozent. Nach diesem Scheitern waren einige Fusionsbefürworter nun in Sorge, Preußen könne seine Verwaltungshilfe einstellen – und nahmen Kontakt zur Hansestadt Bremen auf, die womöglich einspringen könne. Doch eine Vereinbarung kam nicht zustande, dafür versuchte man im Februar 1930 erneut eine Angliederung an Preußen, diesmal per Landtagsbeschluss. Auch ein Vertreter der rechtsgerichteten DNVP wollte zustimmen – sah sich aber dem Druck der Fusionsgegner ausgesetzt. Er gab sein Mandat zurück, und der Nachrücker sprach sich dann gegen die Angliederung an Preußen aus. Damit war das Projekt endgültig gescheitert.
Heiko Holste: Der Freistaat Schaumburg-Lippe und sein Staatsrat Heinrich Lorenz, Wallstein-Verlag, 213 Seiten, 25,- Euro. ISBN: 978-3-8353-5891-1


