7. Aug. 2018
Kommentar

Ehrenamt: Wo das Geld einmal nicht die Welt regiert

Darum geht es: Vielleicht müsse man stärker über das Ehrenamt reden - insbesondere über Anreize und Fördermittel für Menschen, die sich freiwillig engagieren. So sagte es CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer in der Debatte um eine Dienstpflicht. Aber geht es denn beim Ehrenamt ums Geld? Ein Kommentar von Martin Brüning. [caption id="attachment_34113" align="aligncenter" width="780"] Übung der Jugendfeuerwehr  - Foto: Stephan Dinges[/caption] In Zeiten voller Kassen kommt Politikern das Wort „Fördermittel“ schnell über die Lippen. Und es wird inzwischen zumeist kritiklos zur Kenntnis genommen, dass allerorten Fördermittel verteilt werden. Man könnte meinen, dass kein Bereich in Wirtschaft und Gesellschaft ohne Staatsgelder überhaupt noch möglich wäre. E-Autos sind angeblich die Zukunft, aber eine Batteriezellfabrik in Niedersachsen soll ohne Steuergelder nicht gebaut werden können. Die Bauern fordern eine Milliardenhilfe wegen des heißen Sommers. Und Wirtschaftsminister Bernd Althusmann verteilte bei einer Harz-Tour fröhlich Förderbescheide, unter anderem an eine Wäscherei und ein Unternehmen, das Auto-Batterien aus Übersee wieder auflädt. Eine bessere Bildung ist den Lobby-Verbänden zufolge nur mit mehr Geld möglich. Und gegen das Insektensterben in Niedersachsen soll mehr Geld vom Bund helfen. Geld ist zum Synonym für Wertschätzung geworden. Wer Geld zur Verfügung stellt, der kümmert sich.
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Zumindest in einem Bereich spielt Geld eine untergeordnete Rolle. Sollte es zumindest. Im Ehrenamt. Wer sich ehrenamtlich engagiert, und das sind weit mehr als drei Millionen Niedersachsen, tut dies um der Ehre willen. Die Ehrenamtler helfen unentgeltlich in Schulen, auf dem Sportplatz oder in der Flüchtlingsarbeit. Altruismus spielt dabei meist eher eine untergeordnete Rolle. Vielmehr geht es um soziale Kontakte, das Beisammensein mit Gleichgesinnten und die Freude am Verein oder an einer Aufgabe. Dafür werden die ehrenamtlichen Helfer in jeder politischen Sonntagsrede gewürdigt, und das ist auch richtig so. Denn abseits der Debatte um eine Dienstpflicht leisten die Freiwilligen einen wichtigen Dienst an der Gesellschaft. Es ist richtig, dass junge Menschen für das Ehrenamt schwieriger zu gewinnen sind. Das hat vielfältige Gründe. Es liegt an der zunehmenden Individualisierung, anderen Interessen, einer anderen Zeiteinteilung und vielleicht auch an einer stärkeren Fokussierung auf das Geld. Fördermittel und finanzielle Anreize sind allerdings nicht die richtige Antwort, um Vereine und ehrenamtliche Arbeit in die Zukunft zu führen. Für die gesamte Gesellschaft wäre es besser, wenn zumindest dieser Bereich vom Wettkampf um Fördermittel weitgehend verschont bliebe. Viel wichtiger wäre es, dass Vereine stärker für die eigene Sache werben und flexibel auf junge Leute zugehen. Zugleich müssten Betriebe wieder stärker die ehrenamtliche Arbeit ihrer Mitarbeiter akzeptieren. Natürlich gibt es in den Unternehmen weniger Mitarbeiter als früher, was zu einer höheren Arbeitsverdichtung führt. Dennoch ist die ehrenamtliche Arbeit eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, für die Unternehmen Raum schaffen müssen. Und auch die Politik hat eine Aufgabe. Statt Geld zu verteilen, könnte sie dazu beitragen, ehrenamtliche Helfer zeitlich zu entlasten. Viele kämpfen derzeit mit der Datenschutzgrundverordnung, andere mit Hygienevorschriften oder dem Finanz-Controlling. Wenn das Ehrenamt aufgrund bürokratischer Vorschriften zum zweiten Bürojob wird, läuft etwas falsch. Nicht Geld, sondern eine Entlastung von Büroarbeit, wäre echte Wertschätzung der Politik. 85 Prozent der Vereine haben einer Studie zufolge inzwischen große Probleme, ehrenamtliche Leitungspositionen zu besetzen. Das liegt nicht an fehlenden Fördermitteln, sondern an bürokratischen Hürden. Dafür fehlt vielen die Zeit. Den Vereinen fehlen dann am Ende die Mitglieder. Der einzige richtige Anreiz wäre deshalb eine massive bürokratische Entlastung. Mail an den Autor dieses Kommentars
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #134.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning