20. Sept. 2017
Kommentar

Die Wölfe, die ich rief

Darum geht es: Der Abgeordnete Frank Oesterhelweg, Schattenumweltminister der CDU für die Landtagswahl, hat gestern in einer emotionalen Rede seine Forderung bekräftigt, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen. Dazu ein Kommentar von Isabel Christian. Man erzählt sich, als FDP-Politiker Hans-Heinrich Sander noch als Umweltminister im Amt war, habe er jeden neu in Niedersachsen angekommenen Wolf mit Handschlag begrüßt. Hat er natürlich nicht. Aber er hätte es gekonnt. Denn noch 2012 vermutete die Landesjägerschaft höchstens zehn Wölfe in Niedersachsen, ein Teil davon Welpen. Zehn Wölfe stellen kein großes Risiko dar. Da fällt es leicht, die Errungenschaft für den Naturschutz zu betonen, indem man den Wolf zurück nach Niedersachsen geholt hat, wie die CDU in ihrem Positionspapier zur vergangenen Landtagswahl schrieb.  Heute sind es aber rund 100 Wölfe, die hauptsächlich in der Lüneburger Heide, im Emsland und nördlich von Bremen leben. Sie bereiten vor allem den Landwirten Probleme, weil sie immer wieder Schafe und Rinder reißen. Und plötzlich ist der Wolf für CDU und FDP der Feind. In einer emotionalen Rede beschwor der CDU-Abgeordnete Frank Oesterhelweg gestern im Landtag den Wolf als Monster, der hinter jeder Waldecke lauert und Landwirte und Familien in Angst und Schrecken versetzt. Er spricht von verstörten Kindern und exekutierten Herden. Ja, ist denn schon Halloween? Nein, aber Wahlkampf. Darin will sich die CDU als Anwalt der Landwirte und Familien inszenieren, ein so emotionales Thema wie der Umgang mit dem Wolf kommt gerade recht. Die mit den Regeln sind die anderen, wir sind die mit Herz. Doch Schockbilder von toten Schafen und die Frage, ob man so ein Schicksal seinem eigenen Hund zumuten würde, führen in der eigentlichen Sache nicht weiter. Hierzu kommt erstaunlich wenig von dem Mann, der sich zukünftig auch um die Wölfe kümmern soll. Zumal Oesterhelweg, sollte er Umweltminister werden, nach denselben Regeln spielen muss wie jetzt Stefan Wenzel. Vollmundig kündigt Oesterhelweg an, den Wolf zum Abschuss freizugeben. Es müsse Zonen geben, in denen der Wolf nichts zu suchen hat und dementsprechend getötet wird, sollte er das nicht begreifen. Doch nicht Wenzel und die Grünen sind schuld daran, dass der Wolf auf der Liste der bedrohten Tierarten steht und dementsprechend nicht gejagt werden darf. Würde der Landtag die Tötung von Wölfen erlauben, so verstößt derjenige, der einen Wolf erschießt, immer noch gegen Bundes- und Europarecht. Die Konsequenzen haben ausgerechnet die Grünen schon gespürt, als nach der Tötung des Wolfs „Kurti“ über hundert Anzeigen gegen Umweltminister Wenzel wegen Verstoßes gegen das Artenschutzgesetz eingegangen waren. Wenzel konnte damals nachweisen, dass „Kurtis“ Verhalten im Sinne des Gesetzes als potenziell gefährlich eingestuft werden musste und deshalb eine Tötung gerechtfertigt war. Doch was soll ein Landwirt dem Gericht erzählen, wenn er einen Wolf erschossen hat, weil dieser seiner Herde zu nahe kam? Menschlich ist das nachvollziehbar, aber vor Gericht wird es nach der derzeitigen bundesweit gültigen Rechtslage keinen Bestand haben. Lesen Sie auch:   Die Geister, die sie selbst beschworen hat, wird die CDU also nicht so einfach los, indem sie mit der Flinte auf sie zielt. Oder es androht - und damit auf Stimmenfang geht. Stattdessen sollte die CDU sich daran erinnern, warum sie damals die Rückkehr des Wolfes gefeiert hat. Wölfe sind keine Monster, sie sind Raubtiere und Teil der ursprünglichen Natur dieses Landes. Anstatt also Tierhalter und Wolfsfreunde gegeneinander auszuspielen, sollte sich die CDU lieber daran beteiligen, praktikable Ideen zu sammeln, wie ein Zusammenleben von Menschen und Wölfen in Niedersachsen wieder möglich gemacht werden kann. Dabei ist das Nachdenken über wolfsfreie Zonen oder die Lockerung der strengen Kriterien für auffälliges Verhalten kein Tabu. Aber etwas, was nur als letzte Möglichkeit in Betracht gezogen und mit viel Fingerspitzengefühl behandelt werden sollte. Die SPD hat Bereitschaft signalisiert, mit CDU und FDP zusammen im Bund für weniger strenge Regeln im Umgang mit dem Wolf zu werben. Doch selbst wenn ein Abschuss unter gewissen Voraussetzungen erlaubt würde, muss auch in Zukunft garantiert sein, dass nicht jeder, der glaubt, einen guten Grund zu haben, auf Wolfsjagd gehen kann. Mail an den Autor dieses Kommentars
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #165.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning