6. Mai 2026 · 
Blick in die WirtschaftEnergie

„Die Wirtschaft folgt der Energie – aber nur dann, wenn auch die Kabel dafür da sind"

In Bakum regiert der gesunde Menschenverstand, in Berlin die Bürokratie. Im Oldenburger Münsterland wird deutlich, was bei der Energiewende dringend anders werden muss.

„Das einzige, was mir an meinem Standort helfen könnte, sind zusätzliche Erneuerbare Leistungen, die aber gar nicht kommen können“, klagt Tobias Averbeck. | Foto: privat

Es gibt Momente, in denen die Distanz zwischen gut gemeinter Bundespolitik und der Realität in den Kommunen in der Dicke einer Tischkante gemessen werden kann. Tobias Averbeck, Bürgermeister der 7000-Einwohner-Gemeinde Bakum, beschreibt auf der Hannover-Messe einen solchen Moment im Jahr 2022: Seine Gemeinde hatte gerade eine Photovoltaik-Anlage fertiggestellt, durfte den Strom jedoch nicht einspeisen. „Warum? Die KfW hat die PV-Anlage gefördert und es gibt ein Doppelförderungsverbot in Deutschland“, erklärt er den bürokratischen Irrsinn. Wer zinsgünstige KfW-Mittel nutzt, verliert den Anspruch auf die Einspeisevergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Da das Regelwerk damals keinen Modus für eine Einspeisung ohne Vergütungsanspruch vorsah, blieb die Anlage trotz Energiekrise komplett vom Netz getrennt. Mit Daumen und Zeigefinger zeigt Averbeck eine erhebliche Spannbreite: „Die Tischkante war ungefähr so dick, in die ich am liebsten gebissen hätte.“

„Sie können sich gar nicht vorstellen, wie die uns die Stecker aus den Händen reißen.“

Doch statt zu resignieren, entwickelte die Gemeinde mit Partnern aus der Region und Österreich eine Lösung, die heute als Leuchtturmprojekt gilt. Bakum gab die einzelnen Gebäudeanschlüsse von Schule, Kindergarten, Rathaus und Sporthallen auf und bündelte sie zu einem zentralen Netzverknüpfungspunkt. „Der Netzanbieter hat das mitgemacht, weil wir grundsätzlich Eigentümer aller Liegenschaften sind." Ergänzt um einen 300-kW-Speicher und weitere PV-Anlagen entstand ein lokales Energienetz, das nicht nur den Energiebedarf der Gemeinde deckt, sondern genug Überschuss für eine Ladesäule für Elektro-Lastwagen an der nahegelegenen Autobahn übrig lässt. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie die uns die Stecker aus den Händen reißen“, sagt Averbeck. Bakum nutzt dabei als einzige Kommune in Niedersachsen einen dynamischen Börsenstromtarif, die Preise kann das Gemeindeoberhaupt bei Bedarf aber auch direkt steuern. „Gerade eben habe ich den Preis auf 25 Cent per Handy runtergesetzt", erzählt er mit dem Smartphone in der Hand. Für ihn ist das Modell eine Blaupause für das ganze Land: „Das ist alles blitzsauber vergaberechtlich ausgeschrieben worden. Das kann jeder in Deutschland genauso tun.“

Bakum geht als „Niedersächsische Klimakommune“ voran, wird aber vom Stromnetz ausgebremst. | Foto: Gemeinde Bakum

Der nächste Schritt soll Windenergie und Wirtschaft direkt verknüpfen. „Wir wollen jetzt eine Windkraftanlage mitten ins Gewerbegebiet bauen, denn: Je kürzer der Weg, desto größer die Wirtschaftlichkeit für alle Beteiligten", sagt Averbeck. Neue Gewerbeansiedlungen lassen da nicht lange auf sich warten. Ein Unternehmen für Elektrokomponenten-Recycling habe bereits unterzeichnet. Sogar namhafte Chiphersteller und Rechenzentren klopfen an. „Die Namen kennen Sie alle, da wird man schon ein bisschen nervös am Telefon“, verrät er. Doch die Sache ist mit einem großen "Aber" verbunden, denn der Bakumer Vorwärtsdrang stößt an eine Grenze, die derzeit unüberwindbar scheint: das Stromnetz. „Die Wirtschaft folgt der Energie – aber nur dann, wenn auch die Kabel dafür da sind", sagt der Bürgermeister. Mit den aktuellen 110-kV-Leitungen sind die ambitionierten Pläne in Bakum nicht umsetzbar. Das Nadelöhr im Verteilnetz der Avacon wird zur Bremse für die wirtschaftliche Entwicklung der gesamten Region. „Im gesamten Nordkreis Vechta kriegen sie nur dann noch einen Netzanschluss, wenn er nicht größer als 250 kW ist“, klagt Averbeck. Das beste Angebot, das er bislang gehört hat, war ein 5,5 Kilometer langer Anschluss an das nächste Umspannwerk für drei Millionen Euro ohne jegliche Redundanz. „Das ist ein Alibi-Angebot", ärgert er sich. „Ehrlicherweise können wir dann auch sagen: Wir brauchen keine Wirtschaftsförderung betreiben. Ich sitze dann auf 7,5 Hektar Ladenhütern."

Nach neuen Lösungswegen sucht auch Prof. Kai Gent von der Mittelstands-Initiative Erneuerbare Energien – allerdings nicht für Kommunen, sondern für die Industrie. Das Geschäftsmodell der Initiative beruhe im Prinzip auf Loriots Filmklassiker "Pappa ante Portas", erklärt er. „Dort wurde Toilettenpapier palettenweise gekauft, weil es im Paket billiger ist. Genau das machen wir mit Windrädern.“ Gent bündelt 21 Mittelständler mit einem Gesamtverbrauch von zwei Terawattstunden. Davon sollen zunächst 250 Gigawattstunden aus Erneuerbaren Energien gedeckt werden, perspektivisch bis zu 450 Gigawattstunden bis 2032. Doch das aktuelle System blockiert diesen gemeinschaftlichen Einkauf. Gent setzt auf Direktstromverträge (PPAs). „PPAs sind für mich das Maß der Dinge. Das Problem ist nur, dass der PPA-Markt total abgestürzt ist“, sagt er. Das Hauptproblem ist die Bonität: Während Großkonzerne problemlos Verträge schließen, fordern Banken vom Mittelstand Sicherheiten, die dieser nicht leisten kann. „Wenn wir keine Sicherheiten liefern können, platzt jedes PPA“, warnt Gent. Er fordert eine staatliche Absicherung über die KfW mit praxisnahen Laufzeiten von fünf Jahren. „Das Ziel muss es sein, uns alle preisgünstig mit Grünstrom zu versorgen. Ein Fördersystem, das dieses Ziel nicht verfolgt, ist nicht lange zu halten.“ Das neue Netzpaket der Bundesregierung ist für ihn daher nur ein „Pflaster an der falschen Stelle“.

Kai Gent (von links), Silke Weyberg und Bärbel Heidebroek diskutieren auf der Hannover-Messe. | Foto: LEE

Dieses Bild der blockierten Potenziale vervollständigt Bärbel Heidebroek, Präsidentin des Bundesverbandes Windenergie (BWE). Die Unternehmerin aus dem Landkreis Helmstedt blickt mit Sorge auf die politischen Weichenstellungen aus Berlin und übt daran noch schärfere Kritik als Gent: „Ich glaube, es ist nicht mal ein Pflaster, es ist einfach nur Ibuprofen.“ Besonders kritisch sieht sie den geplanten Redispatch-Vorbehalt in den flexiblen Netzanschlussverträgen (FCAs). Bisher mussten Netzbetreiber Entschädigungen zahlen, wenn sie Anlagen wegen Netzüberlastung drosselten, was Heidebroek als Motor für den Netzausbau sieht. Der von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) geplante Vorbehalt entkoppelt nun den EE-Zubau vom Netzausbau: Anlagen dürfen zwar schneller ans Netz, müssen aber bei Engpässen entschädigungslos abgeregelt werden. „Flexible Netzanschlussverträge sind für mich als Projektiererin der Killer, wenn ich nicht weiß, wie oft ich abgeregelt werde“, warnt sie. Ohne Kalkulierbarkeit der Erträge fehle jede Grundlage für Bankenfinanzierungen: „Neue Projekte sind tot.“ Aus ihrer Sicht ist diese Entwicklung kein Zufall, sondern politisch gesteuert. „Möglicherweise ist das kein Unfall, sondern das ist intendiert“, vermutet sie und spricht von einer „stillen Sabotage“ der Erneuerbaren Energien.

Für die Netzbetreiber wie Avacon oder EWE stellt sich die Lage als mathematisches Problem dar. Sie stehen einem massiven Ansturm gegenüber: Allein bei Batteriespeichern gebe es laut Avacon-Politikchef Matthias Wantia bundesweit 3000 Anfragen mit einem Volumen von 170 Gigawatt. „95 Prozent der Stunden sind wir als Netzbetreiber total entspannt“, erklärt er, doch in den verbleibenden kritischen Momenten drohe die Überlastung. „Wir haben dann den Vertragsbruch an der Backe“, so Wantia weiter. Die flexiblen Verträge seien daher ein Versuch, den Ausbau mit den physikalischen Grenzen der Kabel zu synchronisieren. „Der Schlüssel liegt am Ende bei der Flexibilisierung aller Beteiligten“, betont er.

„Das kannste einem erklären, der sich den Hut mit dem Hammer aufsetzt.“

In der Praxis führt diese Gemengelage zu absurden Zeitplänen. Bürgermeister Averbeck kann kaum fassen, dass eine neue Leitung von Wilhelmshaven nach Vechta erst 2035 fertiggestellt sein soll. „In welcher Welt leben wir denn, dass wir ein Problem erkennen und dann frühestens in zehn Jahren eine Lösung anbieten?“, fragt er. Er hat kein Verständnis für langwierige Genehmigungen. „Wir können doch jetzt nicht damit anfangen, beim Ausbau einer Bestandsleitung die Vögel zu kartieren – das kannste einem erklären, der sich den Hut mit dem Hammer aufsetzt“, schimpft Averbeck. Kai Gent unterstützt diese Forderung: „Ihr kriegt eure Leitungen nicht ausgebaut, wir kriegen unsere Anlagen nicht ans Netz – das gibt mir richtig Puls. Wenn das nicht mehr funktioniert, können wir gleich ein Schild dranhängen an den Standort: Closed.“

Dieser Artikel erschien am 6.5.2026 in Ausgabe #084.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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