8. Apr. 2021
Wirtschaft

Die Lage des Handwerks: große Unterschiede bei Branchen und Regionen

Die Corona-Krise geht an vielen Handwerksunternehmen vorbei - aber bei weitem nicht an allen. Das geht aus den aktuellen Konjunkturdaten der Handwerkskammer Hannover hervor. „Das Handwerk steht in der Krise gut da, wir sind ein Stabilisator der Wirtschaft", sagte Kammerpräsident Karl-Wilhelm Steinmann am Donnerstag in Hannover. Nahezu über alle Branchen hinweg sind die Handwerksbetriebe im Kammerbezirk immer noch optimistisch. Der Geschäftsklimaindex liegt nach dem ersten Quartal bei 115. Steinmann sprach von einer Überraschung, dass der Wert immer noch über der 100er-Marke und damit im positiven Bereich liege. Allerdings: Im Vorjahr lag der Wert noch bei 150. Trotz der Corona-Krise ist auch die Zahl der Ausbildungsplätze im Handwerk leicht gestiegen. Für das kommenden Ausbildungsjahr stieg die Zahl der Verträge um fast fünf Prozent. Über alle Branchen hinweg haben laut Steinmann über 80 Prozent der Unternehmen keine Corona-Hilfen in Anspruch genommen, nicht mal ein Fünftel der Betriebe nutzte das Instrument der Kurzarbeit. Diejenigen, die auf Hilfe angewiesen war, können allerdings nicht zufrieden sein. Nach wie vor seien nicht alle November- und Dezemberhilfen vollständig ausgezahlt, ein Drittel der Unternehmen warte immer noch. Steinmann kritisierte zudem die Komplexität der Anträge und die Vielzahl an Zuständigkeiten. Die Handwerkskammer Hannover zählte mehr als 3500 Beratungen für Betriebe, die Gelder bei der N-Bank beantragen wollten.

Kammerpräsident Karl-Wilhelm Steinmann - Foto: MB.

Die aktuelle Stimmung zwischen den einzelnen Branchen reicht Steinmann zufolge von „himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt“. Während es zum Beispiel im Bauhandwerk nach wie vor überhaupt keine Probleme gibt und der Index dort sogar bei 132 Punkten liegt, ist die Stimmung bei den Dienstleistern „dramatisch schlecht“. Kein Wunder: Friseure und Kosmetikbetriebe mussten lange schließen und können nach wie vor durch rigide Hygienekonzepte nur eingeschränkt arbeiten. Den Daten zufolge verzeichnen 86 Prozent der Betriebe Umsatzrückgänge, fast die Hälfte war auf Zuschüsse des Bundes angewiesen. Die Kammer mahnte die Politik, dass gerade das Dienstleistungshandwerk von einem zunehmenden Tempo der Impfkampagne über die Maßen abhängig sei. Auch andere Branche leiden in der Corona-Krise. Bei jedem zweiten Kraftfahrzeugbetrieb gingen die Umsätze zurück, weil das Neu- und Gebrauchtwagengeschäft stagniere und die Mobilität in den vergangenen Monaten eingeschränkt war. Auch das Nahrungsmittelhandwerk, zum Beispiel Bäcker oder Caterer, verzeichnet Umsatzrückgänge, ein Drittel der Unternehmen musste hier Kurzarbeit beantragen, zudem droht ein Stellenabbau. Steinmann zeigte sich überzeugt, dass viele Unternehmen nach der Krise wieder auf die Füße kommen werden. „Es wird aber auch Bereiche geben, zum Beispiel im Dienstleistungshandwerk, wo die Boom-Zeiten nicht wiederkommen.“

Zum Teil deutliche Unterschiede sind auch zwischen den einzelnen Landkreisen zu beobachten. Während das Stimmungsbarometer in den Kreisen Schaumburg und Diepholz bei 127 beziehungsweise 125 Punkten liegt, sind es im Kreis Hameln und in der Stadt Hannover nur 108 Punkte. In Hannover könne dies auch zum Beispiel mit der großen Anzahl von Friseur- und Kosmetikbetrieben sowie der Messe-Problematik zusammenhängen, hieß es. Hameln kämpfe dagegen mit einer Strukturschwäche in der Region. Steinmann, dessen Betrieb auch im Kreis Hameln-Pyrmont liegt, appellierte an die Kommunen, Wertschöpfung in den Regionen zu halten und verwies auf einen geplanten Schulneubau in Hameln. Dort soll es nach einer europaweiten Ausschreibung eine sogenannte Totalunternehmerschaft geben. Handwerker in der Region beklagen, dass dadurch die Aufträge nicht an das heimische Handwerk gehen. Bei einem weiteren Schulneubau im Kreis soll es allerdings keinen Generalunternehmer geben, so dass hier örtliche Betriebe zum Zug kommen können.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #066.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning