20. Juni 2017
Kommentar

Die kritischen Daten fehlen

Darum geht es: Kultusministerin Frauke Heiligenstadt hat gestern den ersten Bildungsbericht für Niedersachsen vorgestellt, der auf umfangreichen statistischen Daten basiert. Ein Kommentar von Isabel Christian. Pünktlich zum Ende des Schuljahres (und fast zum Ende der Amtszeit dieser Regierung) hat auch Kultusministerin Frauke Heiligenstadt ein Zeugnis bekommen. Es ist der Bericht „Bildung in Niedersachsen 2017 im Spiegel der nationalen Bildungsberichterstattung“, wie der sperrige Titel lautet. Auf Basis der Zahlen, die für den nationalen Bildungsbericht herangezogen werden, haben Wissenschaftler jetzt einige Schwerpunkte für Niedersachsen herausgearbeitet. Das Sorgentelefon wird sie deshalb aber nicht anrufen. Denn der Bericht fällt in weiten Teilen positiv für ihre Politik aus. Eine Eins mit Sternchen gibt es zum Beispiel für ihre Bemühungen, den Krippen- und Kitaausbau voranzutreiben. Überraschend, wenn man den Streit zu dem Thema in den vergangenen zwei Jahren noch einmal Revue passieren lässt. „Die Heiligenstadt kriegt’s nicht hin“, war die Essenz vieler kritischer Stimmen gewesen. Ganz unberechtigt war und ist die Kritik nicht, das zeigt auch der Bildungsbericht. Niedersachsen hinkt immer noch dem Bundesdurchschnitt hinterher, von Betreuungsquoten wie in Brandenburg (57 Prozent) oder Sachsen-Anhalt (58 Prozent) kann man hierzulande nur träumen. Aber mit über 44.000 zusätzlichen Krippenplätzen seit 2006 hat sich Niedersachsen im Ländervergleich am stärksten verbessert. Das ist doch schon mal was. Oder nicht? Die Absicht der Ministerin hinter dem Auftrag für den Report ist klar: Daten und Fakten sammeln, um in der Debatte mit Opposition, Schulträgern und Gewerkschaften zu zeigen: „Seht her, es war nicht alles schlecht.“ Das ist ein kluger Schachzug, schließlich argumentiert es sich mit Statistik leichter als nach Bauchgefühl. Doch nun muss Frauke Heiligenstadt aufpassen, dass ihre politischen Gegner die Zahlen nicht gegen sie verwenden. Es ist etwa schon lange von einer „Entwertung der Hochschulreife“ die Rede. Universitäten beklagen, dass das, was die Ministerin als Erfolg verkauft, in Wahrheit eine Schwemme junger Menschen an der Universität bedeutet, die lieber eine Ausbildung als ein Studium aufgenommen hätten. Die Ministerin wehrt sich gegen diese Behauptungen, doch ein Blick in die Hörsäle zeigt, dass sie nicht ganz unbegründet sind. Ebenso tauchen wichtige Fragestellungen in dem Bericht gar nicht auf. So etwa, wie viele Lehrer in Niedersachsen auf einen Schüler kommen. Denn die Anzahl der Lehrer ist auch relevant für das Bildungsniveau eines Schülers. Wer in kleineren Klassen unterrichtet wird, nimmt mehr aus dem Unterricht mit als jemand, der sich den Lehrer mit 30 und mehr Kindern teilt. Ebenso interessant ist die Frage nach den Schulstunden. Wer an einer Gesamtschule unterrichtet wird, hat tendenziell mehr Unterricht als Kinder an einer eingliedrigen Schule. Natürlich orientiert sich die Studie an der, die alle zwei Jahre für das gesamte Bundesgebiet erstellt wird. Der Fragenkatalog ist deshalb vorgegeben, um eine Vergleichbarkeit zwischen den Ländern zu ermöglichen. Aber dadurch, dass strittige Punkte nicht untersucht wurden, werden die kontroversen Debatten auf Bauchgefühl-Basis der Ministerin nicht erspart bleiben. Wenn sie der Opposition also den Wind aus den Segeln nehmen will, sollte sie sich offensiv mit den Themen befassen, die wehtun. Lehrermangel, Schulstundenausfall, Überbelastung von Erziehern – hier müssen verlässliche Daten her, um die Kritiker auf eine sachliche Diskussionsebene zu zwingen. Auch wenn diese für die Ministerin auch schlechte Noten bedeuten können.  Es ist schön, dass Niedersachsen in Sachen Krippenplätze aufholt, und die Ministerin sich stärker für die soziale und regionale Chancengleichheit will. Doch der offene und aktive Umgang mit Schwachstellen ist meist ein besserer Schild gegen Kritik als Verweise auf Erfolge. Mail an die Autorin dieses Kommentars
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #115.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum