3. Nov. 2026
TagesKolumne

Die Hände in Unschuld

Braucht es einen Regentanz, damit der Wasserhahn sich öffnet? Der TagesKolumnist verzweifelt an versteckten Sensoren im WC-Bereich. Zum Glück geht's auch plump.

Da stehe ich wieder ­­– und weiß nicht weiter. Mein Gesicht errötet im Spiegelbild. Mich beschleicht ein leichter Hauch von Panik. Jetzt bloß nichts anmerken lassen. Den Fremden gegenüber die eigene Scham nicht eingestehen. Jedes Mal aufs Neue katapultiert mich diese Situation in meine Schulzeit zurück. Ich stehe allein an der Tafel, muss eine schwierige Gleichung lösen … und alle anderen schauen dabei zu. Froh darüber, nicht selber dran zu sein. Ich spüre die bohrenden Blicke im Nacken. Und doch kenne ich den nächsten Schritt nicht. Damals nicht im Klassenzimmer. Und auch all die anderen Male nicht im späteren Leben, wenn ich also wieder einmal auf einer öffentlichen Toilette war und nun nicht weiß, wie zum Teufel der Wasserhahn einzuschalten ist.

Der Endgegner des TagesKolumnisten: hochmoderne Badezimmer. | Foto: Thank you for your assistant via Getty Images

Muss ich einen Hebel betätigen? Muss ich ihn hochziehen oder zur Seite drehen? Muss ich irgendwo draufdrücken? An einem Rad drehen? Oder einen Sensor betätigen? Wo könnte er sein, dieser Sensor? Unter dem Wasserhahn? Oder doch neben dem Becken? Muss ich einen Fußtaster treten? Mich dreimal im Kreis drehen und einen Regentanz aufführen? Oder doch den Nippel durch die Lasche ziehen? In ganz schlimmen Fällen wiederholt sich das Drama gleich mehrere Male. Am Waschbecken angelangt, ist die Spülung zum Glück schon betätigt worden. Je nach Grad der Modernität musste dazu an einer Kette gezogen, ein Taster gedrückt oder einfach nur der Bereich der Lichtschranke verlassen werden. Habe ich dann am Waschbecken das Wasser schließlich zum Laufen gebracht, muss der Seifenspender gefunden werden. Drücken, quetschen oder wieder wildes aber virenarmes Sensorgefuchtel? Und zu guter Letzt: Der Händetrockner.

Der hygienische Fortschritt ist unaufhaltsam. Ein Glück. Und doch treiben mich die in futuristischen Armaturen versteckten Wasser-, Seifen- und Papierspender-Sensoren regelmäßig in die Verzweiflung. Im niedersächsischen Landtag, dem Herzen des politischen Niedersachsens, wo wir uns alle regelmäßig die Hände in Unschuld waschen wollen, hat die Verwaltung nun nachjustiert: es gibt neue Papierspender. Nicht hinterm Spiegel, sondern seitlich daneben. Die Gründe habe ich noch nicht erfragt, doch kann ich sie mir denken. Sie vermutlich auch. Deshalb konzentrieren wir unsere Nachforschungen und Recherchen erst einmal auf andere Themen – nämlich diesen:

  • Personalprobleme: Was wird aus Axel von der Ohe? Es scheint so, als manövriere sich der Erste Stadtrat aus Hannover gerade ins Aus. Ein vertrauliches Gespräch wurde öffentlich.


  • Lagebild OK: Insgesamt hatte Niedersachsens Polizei im vergangenen Jahr weniger mit Fällen Organisierter Kriminalität zu tun. Eingekaufte Gewalttäter bereiten der Innenministerin aber Sorgen.


  • Hotelbranche: Die Übernachtungszahlen zwischen Harz und Küste erreichen Rekordwerte. Doch steigende Kosten und der Mindestlohn drücken auf die Margen – und die Branche fürchtet um die Minijobs.


  • Personen und Positionen: Ralf Abrahms, Jürgen Oyen, Daniel Saraval und Martina Machulla.

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Ihr Niklas Kleinwächter

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #194.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter
Die Hände in Unschuld | Rundblick Niedersachsen