26. Apr. 2020
Wirtschaft

„Die Frage wird sein: Verbringen künftig mehr Menschen ihre Urlaube in Deutschland?“

Zu den Branchen mit den stärksten Belastungen in der Corona-Krise gehören die Hotels und Gaststätten. Sie sind von den bisherigen Lockerungen der Kontaktbeschränkungen ausgenommen. Wie geht es den Betrieben? Im Interview mit dem Politikjournal Rundblick äußert sich Rainer Balke, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes in Niedersachsen. Rundblick: Wie groß schätzen Sie landesweit den Schaden für Ihre Betriebe, der durch die Corona-bedingten Schließungen bisher entstanden ist? Balke: Beim Gastgewerbe handelt es sich in Niedersachsen nach der Umsatzsteuerstatistik um etwa. 20.500 Betriebe. Der Umsatz des hiesigen Gastgewerbes hat im Jahr 2019 cirka acht Milliarden Euro netto betragen. Die Corona-bedingten Ausfälle haben sich schon ab Mitte Februar 2020 bemerkbar gemacht. Massiv eingebrochen ist das Geschäft dann mit März 2020. Die faktische Schließung begann dann vom 16. März an mit der Beschränkung der Betriebszeiten für die Gastronomie sowie mit dem Verbot touristischer Übernachtungen für die Hotellerie. Wenn wir davon ausgehen, dass das niedersächsische Gastgewerbe im Jahr 2020 bei normalem Verlauf ebenfalls etwa acht Milliarden Euro Jahresumsatz gemacht hätte, dann fallen pro Schließungswoche rund 154 Millionen Euro aus. Da wir uns in der siebten Schließungswoche befinden, summiert sich der Umsatzausfall des Gastgewerbes mittlerweile auf einen Betrag um die 900 Millionen Euro. Rundblick: Gibt es Gruppen, die es besonders schwer trifft – und welche sind das? Balke: Richtig ist, dass große Betriebe mit großen Umsätzen absolut größere Ausfälle haben. Aber auch die kleineren Betriebe sind genauso betroffen. Das tatsächliche Problem liegt darin, dass die Umsätze nahezu vollständig weggebrochen sind. Auch wenn sich etwa ein Drittel der Gaststätten mit einem Außer-Haus-Service über Wasser zu halten versuchen, dürfte dies kaum mehr als 20 Prozent der tatsächlichen Umsatzausfälle in diesen Betriebe ausgleichen. Auch die geringe Anzahl an nicht touristischen Übernachtungen fallen in den Beherbergungsbetrieben kaum ins Gewicht. Rundblick: Inwieweit hilft der Rettungsschirm, der bisher aufgespannt ist? Sind weitere Hilfen nötig – und, wenn ja, welche wären effektiv? Balke: Der aktuelle Rettungsschirm aus Landes- und Bundesgeldern wirkt. Insbesondere das Zuschussprogramm bringt gerade für die kleineren Betriebe bis 50 Arbeitnehmer eine Entlastung. Wissen muss man, dass etwa 95 Prozent unserer Betriebe im Gastgewerbe 50 Arbeitnehmer und weniger beschäftigen. Etwa 73 Prozent der Betriebe beschäftigen weniger als 25 Arbeitnehmer. Wir sind also extrem kleinbetrieblich strukturiert. In diesen Strukturen ist es nur schwer möglich, Eigenkapital zu bilden. Das heißt, dass die wenigsten Betriebe in der Lage waren, die Schließungswochen aus eigenen Rücklagen zu finanzieren. Unsere Umfrage hat ergeben, dass der durchschnittliche Gastgewerbebetrieb in Niedersachsen einen monatlichen Finanzbedarf von rund. 34.000 Euro hat, um seine Kosten zu decken. Personal- und Warenkosten sind da nicht drin enthalten. Bei einem staatlichen Zuschuss von maximal 25.000 Euro reicht das knapp für einen Monat. Schon jetzt, am Beginn der siebenten Woche des Shut-downs steht der überwiegende Teil des Gewerbes mit dem Rücken an der Wand und stellt sich die Frage, ob der Gang zum Insolvenzgericht nötig ist. Rundblick: Reichen die Hilfen, etwa auch das KfW-Kreditprogramm? Balke: Nein. Weitere Hilfen sind nötig – besonders dann, wenn die Corona-Krise das ganze Jahr 2020 über anhalten wird. Weitere Zuschüsse an die Branche sind nötig, will man nicht riskieren, dass gefestigte Strukturen für immer zerstört werden. Aus unserer Sicht bietet sich ein Rettungsfonds auf Bundesebene nach dem Muster an, dass die Landwirtschaft nach der Dürrekatastrophe 2018 erhalten hat. Teil des Rettungspaketes sollte auch die Absenkung der Mehrwertsteuer auf gastronomische Umsätze von 19 auf 7 Prozent sein. Dies würde das Gewerbe in die Lage versetzen, nach Wiederanlaufen des Geschäftes die aufgerissenen Finanzlöcher über die kommenden Jahre durch die Mehrwertsteuerersparnis auszugleichen. Rundblick: Wie kann ein Neustart der Hotels in der Nach-Corona-Zeit aussehen? Balke: Die Politik definiert deutlich, dass das Jahr 2020 bis zur Entwicklung eines Impfstoffes ein Jahr verminderten Kontaktes für die Bürger werden wird. Das wird sich durch Flächenreglementierungen, Abstandsgebote und besondere Hygienemaßnahmen auf alle betrieblichen Bereich auswirken. So auch in der Hotellerie. Zu erwarten sind nach Ankündigungen der Politik Mengenbeschränkungen auch in Hotels, um Ansammlungen von Gästen an bestimmten Stellen im Hotel zu vermeiden. Zudem werden die Unternehmer sich darauf einzustellen haben, dass ihnen ein erhöhtes Maß an Hygiene abverlangt wird. Rundblick: Und was heißt das für die Gaststätten? Balke: Auch hier gilt im Prinzip das gleiche wie im Bereich der Hotellerie. Auch hier ist die Reduzierung der Gästekontakte auf ein tragbares Minimum das Ziel. Das kann heißen – weniger Tische aufstellen, weniger Gäste zulassen. Vielleicht gibt es auch wieder beschränkte Öffnungszeiten. Unproblematischer sind da die Biergärten und Außenbereiche. Klar muss den Gewerbetreibenden sein, dass ein Verstoß gegen die Auflagen schnell dazu führen kann, dass Öffnungsmaßnahmen aus Gründen der Sicherheit von Menschen wieder zurückgefahren werden. Rundblick: Sehen Sie bei der Politik – auch in Niedersachsen – Verständnis für Ihre Situation? Balke: Wir stoßen auf viel Verständnis. Im Gegenzug sind wir aber auch verpflichtet, Verständnis für die Situation zu haben, in der die Politik aktuell steckt. Es geht auf der einen Seite um die Gesundheit unserer Mitmenschen. Auf der anderen Seite um existenzielle wirtschaftliche Zwänge einer Branche. Dennoch muss die Gesundheit von Bürgern, die unsere Gäste sind, vorrangig sein. Die Abwägungsprozesse der Politik zwischen Gesundheit und Wirtschaft sind komplex. Bei ernsthaften Zweifeln kann die Politik nicht anders, als zugunsten der Gesundheit zu entscheiden. Allerdings ist Politik auch gehalten, die Grundlagen der Entscheidung transparent und verständlich zu machen. Die Politik des Hineintastens in eine Wiedereröffnung der Wirtschaft in kleinen Schritten ist in Anbetracht der Fragilität der Erfolge in Sachen Ansteckungszahlen nachvollziehbar. Rundblick: Also Zufriedenheit? Balke: Es gibt auch durchaus Verunsicherung in der Branche. Werden wir genug gesehen? Vergisst man uns am Ende? Wie bewerten unser Gäste unsere hoffnungslose Situation? Wird die Politik an uns denken, wenn es wieder aufwärts geht? Fakt ist, dass die Branche des Gastgewerbes auch vor Corona schon Probleme genug hatte. Sei es der ausufernde Bürokratismus, der Gastronomen mehr an den Schreibtisch als an den Gast leitet. Sei es, dass notleidende Kommunen der Meinung sind, dem Gastgewerbe – insbesondere der Hotellerie – würde es so gut gehen, dass man mal eben eine Beherbergungssteuer oder einen Gästebeitrag einführen kann. Um auf sich aufmerksam zu machen, gibt es verstärkt lokale Tendenzen, auch Demonstrationen zu veranstalten – mit Corona-bedingten Beschränkungen, versteht sich. Dies stellt auch ein Ventil dar, durch die Hoffnungslosigkeit aufgestautes Leid auszuleiten. Rundblick: Gibt es langfristige Änderungen im Betrieb von Hotels und Restaurants, die über Jahre andauern? Balke: Zum einen werden alle Betriebe, die die Krise überstehen, die Aufgabe haben, ihre betrieblichen Verluste auszugleichen. Welche Maßnahmen dazu zu treffen sind, wird auch davon abhängen, was die Politik an weiteren Entlastungsmaßnahmen für das Gastgewerbe entwickelt. Zum anderen werden die Betriebe sich die Frage zu stellen haben, was sie an Vorkehrungen zu treffen haben, die nächste überraschende Krise besser zu überstehen. Ob es überhaupt geeignete Maßnahmen für die Vielzahl an kleinen Betrieben in Anbetracht ihrer wirtschaftlichen Basis gibt, wird man sehen. Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass durch die krisenbedingten Änderungsprozesse in den Menschen, Änderungen des Nachfrageverhaltens der Gäste ausgelöst werden. Führt die Krise in ganz Europa mit den offenbar gewordenen Versorgungsmängeln in einigen Ländern zu einer Rückbesinnung auf den Deutschlandurlaub? Wird durch die Entgeltausfälle bei vielen Arbeitnehmern Urlaub in der Region eine Alternative? Oder kommt es durch die Betroffenheit der Gäste in dieser Form zu einer Konsumzurückhaltung?
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #078.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter