12. Feb. 2026 · 
TagesKolumne

Die Coolste im Land

Eisschwimmen ist wie Politik: Wer bei zwei Grad nicht sofort blau anläuft oder die Orientierung verliert, hat das Zeug zum Spitzenamt. Über Frost-Heldinnen und Warmduscher.

Wenn ich morgens unter der Dusche auch nur den kleinsten Wassertropfen unter 35 Grad Celsius abbekomme, stehe ich kurz vor der Einweisung in die Notaufnahme. Mein Körper versteht Kälte nicht als Erfrischung, sondern als hinterhältigen Anschlag auf meine Gesundheit. Zwei Grad Wassertemperatur sind aus meiner Sicht eine exzellente Grundlage, um das Feierabend-Bier zu kühlen – aber ganz sicher kein Lebensraum für Säugetiere.

Dass es Menschen gibt, die für den Kick oder zur Selbstgeißelung in arschkalte Flüsse springen, war mir bekannt. Dass es dazu aber eine offizielle Europameisterschaft gibt, habe ich erst gestern in der Landespressekonferenz gelernt. Wissenschaftsminister Falko Mohrs ließ über seine Sprecherin Julia Streuer herzliche Glückwünsche an eine wahre Frost-Heldin ausrichten: Lisa Holm (22), Maschinenbau-Studentin aus Osnabrück. Im italienischen Molveno am Fuß der Dolomiten, wo normale Menschen dieser Tage das Bergpanorama bei einem heißen Kakao genießen, hat Holm eine 1000 Meter lange Eiswürfelsuppe durchpflügt. Nach nur dreizehneinhalb Minuten war sie wieder draußen. Mit der Silbermedaille der Eisschwimm-EM um den Hals.

Versteht sich auf Thermodynamik: Maschinenbau-Studentin und Eisschwimmerin Lisa Holm. | Foto: privat

Streuer stellte dazu in der LPK ganz trocken fest: „Maschinenbau und Spitzensport sind vereinbar.“ Ich aber sage: Wer Thermodynamik studiert und gleichzeitig im Eiswasser medaillenreif performt, hat ein Verhältnis zu Belastungsgrenzen, das man eigentlich nicht im Ingenieursbüro, sondern ganz woanders benötigt: in der Politik.

Erstens brauchen wir Leute, die den physischen Schmerz einfach weglächeln können, während sie den Bürgern die nächste Steuererhöhung als „Strukturreform“ verkaufen. Zweitens ist das Eisschwimmen das perfekte Training für jede Koalitionsverhandlung: Auch da springt man gemeinsam ins kalte Wasser, bekommt irgendwann keine Luft mehr und hofft insgeheim nur, dass die anderen als erstes blau anlaufen. Und drittens ist so ein Kilometer im Eis die ideale Vorbereitung für die Bewerbung um ein politisches Spitzenamt: Man ist völlig auf sich allein gestellt, die Strömung kommt von vorn, und wer zwischendurch aufhört zu strampeln, geht sofort unter.

Tauchen wir nun vom kristallklaren Bergsee in Molveno direkt in die trüben Fluten der Leine ein. Während Lisa Holm im Trentino das Eiswasser bezwungen hat, kämpfen die Politiker hinter den Mauern des Landtags in Hannover mit ganz eigenen Stromschnellen. Das sind die Themen des Tages:

  • Wenn der Rechtsstaat abstürzt: Massive IT-Störungen in der Justiz sorgen für Streit: Während die SPD Entwarnung gibt, spricht die CDU von Fehlurteilen und warnt vor einem Fehlstart der E-Akte. Im Visier der Christdemokraten ist zunehmend Justizministerin Kathrin Wahlmann.


  • Haarsträubende Rückzahlungen: Ein Satz aus dem Frühjahr 2020 sorgt noch immer für Streit. Das Friseurhandwerk zieht gegen Rückforderungen der Corona-Soforthilfen vor Gericht und vor den Petitionsausschuss.


  • Pro & Contra: Teilzeit als Freiheit – oder als Wohlstandsrisiko? Die Debatte über Teilzeit ist längst keine Arbeitszeitfrage mehr, sondern eine Systemfrage. Unsere Redaktion streitet darüber.

Starten Sie schön in den Donnerstag mit einer heißen Dusche!
Ihr Christian Wilhelm Link

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #028.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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