In wenigen Jahren schauen wir auf das Ende des Zweiten Weltkriegs mit einer Distanz von 75 Jahren, also drei Generationen. Dann sind die, die bewusst die NS-Zeit miterlebt haben, allesamt älter als 80. Jene, die „mitgemacht“ haben, also aktiv in irgendeiner Weise als mündige Menschen beteiligt waren, erreichen dann die 100. Zwar wird der Anteil der Älteren in der Gesellschaft ständig größer, aber trotzdem gilt bald die Regel, dass die meisten, die über die NS-Zeit diskutieren und streiten, keine belastbare Erinnerung mehr daran haben können. Sie sind also auf das Wissen anderer angewiesen – ihrer Eltern und Großeltern, ihrer Lehrer oder der Autoren vieler Bücher und Filme, die über diese Zeit berichten. Vieles droht verklärt und schräg übermittelt zu werden, das ist immer das Risiko von Geschichtserzählung. Weitaus schlimmer aber wäre es, wenn gar nicht mehr an das Vergangene erinnert wird, wenn Gras darüber wächst.
In Niedersachsen haben wir einen solchen Platz, über den buchstäblich Gras wächst. Der Bückeberg in der Gemeinde Emmerthal bei Hameln, der den Nazis zwischen 1933 und 1937 alljährlich im Herbst für das deutschlandweite Erntedankfest diente, war ein perfekter Ort für die Inszenierung eines gewaltigen Propagandaspektakels. Die Wirkung einer Massenveranstaltung, die auf eine charismatische Person ausgerichtet war, hier seinerzeit Adolf Hitler, konnte an kaum einem anderen Ort so gut gelingen. Wieso waren die Deutschen damals begeistert, als sie Hitler sahen? Warum richteten sie so viele Hoffnungen in diesen Politiker? Warum konnte ein solcher Berg in einem kleinen Ort nahe Hameln an der Weser eine derartige Ausstrahlung entfalten?
Diese Fragen sind wichtig, vielleicht heute wichtiger denn je. Wer die Kunst der politischen Verführung erahnen oder spüren kann, läuft – hoffentlich – weniger Gefahr, ihr irgendwann einmal zu erliegen. Nirgendwo sonst kann man ein solches Thema besser aufarbeiten und vermitteln als an Orten, die einer Diktatur einmal als „Tatorte“ dienten. Das gilt für das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg genauso wie für manche Mahn- und Gedenkstätten in der DDR, die einer Verfälschung der historischen Darstellung Vorschub leisten sollten. Denn auch die SED-Diktatur nutzte gekonnt die Mittel der Propaganda. Daraus folgt im Osten Deutschlands die Verpflichtung, solche Stätten zu erhalten und sie der Nachwelt zu erläutern.
Was aber geschah auf dem Bückeberg nach dem Krieg? Die Tribüne, auf der Hitler sprach, wurde mit Bäumen und Büschen bepflanzt, damit sie überwuchert. Man gab sich nach 1945 offenbar große Mühe, die Spuren zu verwischen. Wegen eines bis heute bestehenden „schlechten Gewissens“ der Menschen, die in der Gegend leben? Mag sein. Auf jeden Fall ist die Haltung einiger Anwohner in Emmerthal, die in dieser Woche in einer Bürgerversammlung geäußert wurde, entlarvend. Man habe selbst keine Schuld auf sich geladen, fühle sich übersättigt von NS-Erinnerungsfilmen im Fernsehen – und irgendwann müsse mal „Schluss sein“ mit den Hinweisen auf die Geschichte des „Dritten Reiches“. Eine Wunde tut also noch weh.
Von Nationalstolz war in der Versammlung die Rede und davon, dass andere Völker viel unbelasteter mit ihrer Historie umgingen. Aus Angst davor, wieder in die Rolle des Schuldigen und Bösen gedrängt zu werden, wollen viele Anwohner des Bückebergs am liebsten keine Gedenkstätte – oder, wenn doch, dann am liebsten ein paar Kilometer entfernt im „Museum für Landtechnik“ in Börry, neben alten Erntemaschinen.
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Wäre das ein Kompromiss? Nein, eine verschämte Gedenkstätte, die möglichst gar nicht auffällt und mehr verdeckt als zeigt, ist schlechter als gar keine. Die Politiker sind in der Verantwortung, auf das Gewesene hinzuweisen und es von Historikern erklären zu lassen – nicht beiläufig und versteckt, sondern offen und direkt. Dabei spricht aus dem Satz, dass der Bückeberg eine Angelegenheit aller Deutschen ist und nicht nur der Emmerthaler aus der unmittelbaren Nachbarschaft, eine tiefe Wahrheit. Es ist die nationale Aufgabe der Deutschen, hier die Erinnerung wach zu halten. Das entspringt aus der geschichtlichen Verantwortung der Nation und ist nicht in das Belieben der Anwohner gestellt. Hier geht es um kein Verkehrsprojekt, keine neue Schule und kein neues Rathaus – allesamt Themen, die sich für kommunale Bürgerentscheide eignen. Es darf nicht ins Belieben eines Ortes gestellt werden, eine nationale Gedenkstätte in ihren Gemeindegrenzen per Bürgerbefragung zu verhindern, weil womöglich damit zu viel Trubel ausgelöst würde. Deshalb ist auch die Aussage der CDU im Landtag („Ohne Bürgerwillen kein Geld“) so falsch wie schädlich. Die Christdemokraten sollten ihre Blockade in dieser Frage aufgeben – und sie sollten erkennen, dass auch das Land Niedersachsen in der Pflicht steht, das Engagement für die hiesigen NS-Gedenkstätten zu verstärken. SPD, FDP und Grüne haben das schon eingesehen. Mail an den Autor dieses Kommentars


