27. Aug. 2017
Kommentar

Die Besitzer von Dieselautos dürfen nicht die Dummen sein

Darum geht es: In der Debatte um die Stickoxid-Belastung in Großstädten hat Umweltminister Stefan Wenzel die Idee geäußert, dass Busunternehmen, Taxizentralen oder Handwerksfirmen ihre Dieselfahrzeuge gegen E-Autos tauschen sollten – damit die Schadstoffwerte gesenkt werden. Ein Fonds könne sie dabei finanziell unterstützen. Dazu ein Kommentar von Isabel Christian. Etwa 100 Kilometer fährt ein Taxi in einer Großstadt wie Hannover an jedem Tag. Hochgerechnet sind das 36.000 Kilometer im Jahr. Viele Taxen sind Dieselautos, denn Diesel ist billiger als Benzin und umweltfreundlicher. Hieß es jedenfalls, als es beim Thema Abgas vor allem um den CO₂-Ausstoß ging. Doch seit bekannt wurde, dass Abgaswerte manipuliert wurden und Dieselmotoren weit mehr schädliches Stickoxid ausstoßen als erlaubt, sind die Dieselautos „Machina non grata“. Da ist der Gedanke von Umweltminister Wenzel naheliegend, zuerst die Dieselautos aus dem Verkehr zu ziehen, die in einer Stadt am häufigsten fahren und damit am meisten zu ihrer Verschmutzung beitragen. Da aber eine Stadt ohne Busse, Taxen oder Kleinlaster nicht funktionieren kann, muss Ersatz her. Und warum nicht gleich in die Zukunft investieren und Elektroautos anschaffen? Lesen Sie auch:   Eine gute Idee, doch zur kurzfristigen Lösung des Problems scheidet sie aus. Die Technik ist zwar fast schon so weit, aber es mangelt an der Infrastruktur. Ein Elektroauto schafft längst mehr als 100 Kilometer, bevor es wieder geladen werden muss. Aber ein Diesel- oder Benzinauto ist immer noch weitaus schneller vollgetankt als ein Elektroauto. Zumal es den Städten noch immer kaum Ladesäulen für Elektroautos gibt. Ganze sechs Schnellladestationen für E-Autos gibt es in Hannover, in Braunschweig sind es immerhin 18 und in Osnabrück zwei. Eine Taxizentrale braucht deshalb nicht nur eine E-Auto-Flotte, sondern auch eine Stromtankstelle mit genügend Schnelladestationen. Und selbst dann müssen Wartezeiten von mindestens einer halben Stunde einkalkuliert werden. In Hannover hat die Üstra im vergangenen Jahr drei rein elektrisch fahrende Busse in Betrieb genommen, die seither auf der Ringlinie 100/200 fahren. Getankt werden sie an speziell dafür eingerichteten Ladesäulen an der Endhaltestelle. Vier bis sechs Minuten dauert eine Ladung, doch immer wieder kommt es zu Problemen, sodass die Busse nicht oder nur verspätet abfahren können. Bei einem Verkehrsmittel, dass sich nach einem festen Zeitplan richten muss, geht damit die Verlässlichkeit, der höchste Wert, verloren. https://soundcloud.com/user-385595761/wenzel-dieselgipfel-war-nur-ein-erster-schritt Damit das Stickoxid in den Städten kurzfristig abgesenkt wird, muss deshalb eine andere Lösung gefunden werden. Ob Fahrverbote richtig sind? Wenn man sie sofort umsetzen würde, ging das zu Lasten der Besitzer von Diesel-Fahrzeugen, und das wäre ungerecht. Es hat allerdings seinen Grund, dass so viele Institutionen von der Wahrscheinlichkeit von Fahrverboten ausgehen. Denn selbst wenn alle Autobauer bereit sind, die Hardware der betroffenen Autos zu tauschen, würde das Monate bis Jahre dauern. Das haben die Nachrüstungen nach dem Skandal um manipulierte CO₂-Werte gezeigt. Diskutiert wird über die Möglichkeit, dass Kommunen temporäre Fahrverbote für Dieselautos erlassen, etwa in Zeiten von starkem Berufsverkehr. Das würde, heißt es, auch helfen, die üblichen Staus zu vermeiden. Der öffentliche Nahverkehr könne davon ausgenommen werden, allerdings müsse man den Pendlern Alternativen anbieten, die normalerweise mit ihrem Dieselauto in die Stadt fahren würden. Bei allem, was am Ende entschieden wird, muss eines allerdings klar sein. Eigentümer von Dieselautos dürfen mit Fahrverboten nicht bestraft werden, denn sie tragen keine Schuld an der Misere. Sie haben ihren Diesel meist in dem guten Glauben gekauft, damit ein umweltfreundlicheres Auto zu erwerben. Die Autoindustrie hat das Problem verursacht und die Politik hat die Lösung um Jahre verschleppt. Zu lange schon wusste man in den Kommunen und der Landesregierung, dass die Luft in den Städten nicht astrein ist. Getan hat sich aber nur wenig. Das muss sich nun rasch ändern. Falls tatsächlich Fahrverbote zum Zuge kommen, müssen die Besitzer von Dieselautos angemessen entschädigt werden. Und diese Wiedergutmachung sollte in einem solchen Fall weit über die 100 Euro hinausgehen, die eine Monatskarte in der Region Hannover kostet. Mail an die Autorin dieses Kommentars
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #147.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning