Klaus Wallbaum und Götz Kubitschek auf dessen Rittergut in Sachsen-Anhalt[/caption]
Kubitschek (47) sitzt in der Bibliothek seines Hauses, eines alten Rittergutes in Schnellroda bei Querfurt in Sachsen-Anhalt. Er setzt seine Worte wohlüberlegt, formuliert nachdenklich und philosophisch. Eigentlich ist der gebürtige Oberschwabe in einer blühenden Zivilisation am Bodensee aufgewachsen, jetzt hat es ihn, seine Frau Ellen Kositza und die sieben Kinder in die Ödnis des Mansfelder Landes geschlagen, die „trockenste Gegend Deutschlands“ mit nur wenigen Wäldern und noch weniger Seen. Es ist das Dorfleben pur. „Hier regt man sich nicht so sehr auf über politische Fragen – wohl aber wird mir seit Jahren nachgetragen, dass ich einmal zu einem Fußballspiel zu spät gekommen bin.“ Die AfD hat in der Region inzwischen stattliche Wahlergebnisse von teilweise bis zu 40 Prozent– und Kubitschek lebt in einem Umfeld, dass ihm, den für gewöhnlich bescheiden auftretenden Schwaben, auch seine Arbeit erleichtert. In dem Rittergut betreibt er einen Verlag mit konservativen und rechtsextremen Schriften, und seit Amazon ihn gesperrt hatte, hat er noch einen eigenen Vertrieb aufgebaut. Das Geschäft floriert, sagt er. „Das konservative Publikum hat einen riesigen Lesehunger, der jahrelang vernachlässigt wurde.“
Ist dieser Kubitschek eine gefährliche Person? Man kann ihn mittlerweile wohl auch einen Vordenker der AfD nennen, da er nicht mehr nur dessen völkischen Rechtsaußen Björn Höcke aus Thüringen berät, sondern auch enge Kontakte zum Partei- und Fraktionschef Alexander Gauland unterhält, sowie zu vielen anderen Akteuren. Als an einem heißen Sommertag eine Abordnung der niedersächsischen AfD um die Landtagsabgeordneten Peer Lilienthal (Hannover) und Harm Rykena (Oldenburg) ihn besucht und vom Politikjournal Rundblick begleitet wird, erfahren auch diese AfD-Politiker von Kubitschek eine Art ideologische Rückenstärkung. Von „Widerstandsbewegung“ spricht der Verleger, seine Rolle sieht er darin, die Debatten „stimmungsmäßig in die richtige mobilisierende Richtung aufzuladen“.
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Die Begriffe der 68er APO kommen bei ihm wiederholt vor – gewendet nun eben auf die andere, die rechte Seite. Die „Selbstverharmlosung“ der AfD sei eine „Krankheit“ – nämlich ihr ständiges Beteuern, doch gar nicht so schlimm zu sein und gar nicht so viel verändern zu wollen. In Wahrheit sei die Linie etwa von CSU-Chef Horst Seehofer, mit symbolischen Schritten die Menschen zu beruhigen, längst ein Auslaufmodell – sie wirke nicht mehr. „Die Leute merken, dass das eine Art Spatenstich-Politik von Seehofer ist – der erste Spatenstich zum Auftakt der Bauarbeiten, dem dann keine weiteren folgen. Ich habe mich früher immer gefragt, ob die, die den ersten Spatenstich setzen, dann auch wirklich selbst weitergraben. So geht es mir jetzt mit Seehofer.“ Was will Kubitschek denn nun verändern, etwa den Staatsaufbau und die Gewaltenteilung – wie es in Ungarn oder Polen geschieht? Er nimmt Ungarn als Stichwort, lobt die dortigen Verhältnisse. Die bekannte Liberalität des Landes („Dort gibt es auch Schwulen-Demonstrationen, aber nicht auf der Haupt-, sondern in einer Nebenstraße“) funktioniere nur, weil es „illibertäre Säulen“ gebe – eine Justiz, die entschlossen und konsequent urteilt, eine Polizei, die „Täter und Opfer unterscheiden“ könne, eine staatsbürgerliche Erziehung und „das Fehlen von Staatsmedien“ als Garanten für eine Vielfalt von Zeitungen und Sendern. So, wie Kubitschek die ungarische Gesellschaft wahrnimmt, ist das für ihn schon ein Vorbild. Tendenzen zu einer autokratischen Herrschaft sieht er dort nicht, oder er leugnet sie. Hier wird deutlich, dass sein Hauptanliegen in einer Werterevolution besteht, bei seinen Vorstellungen von politischen Reformen am Parlamentarismus beschränkt sich der rechtsextreme Vordenker auf Andeutungen. Dankbarkeit, Respekt, Demut, Bescheidenheit, Strenge und Form – all das sind Begriffe, die in den vielen Büchern seiner Bibliothek intensiv beschrieben wurden, von Ernst Jünger oder Armin Mohler und anderen „irgendwo hier im Regal“.


