Morgen zur Eröffnung kann man den Landtag wieder über den Portikus erreichen, kein Gerüst versperrt mehr den Weg - Foto: Jakob Brüning[/caption]
Der Architekt Dieter Oesterlen habe den Plenarsaal „bewusst modern gehalten“, also in Abgrenzung zu den wiederaufgebauten Teilen des alten Welfenschlosses. Ja, man wollte damals an alte Zeiten anknüpfen, schließlich war das Leineschloss einst der Sitz der hannoverschen Könige gewesen. Aber man wollte sich gleichzeitig auch davon distanzieren, Demokratie und Royalismus passen nicht gut zueinander. Und das hieß in den fünfziger und sechziger Jahren eben noch: Glatte und breite Betonfassaden, durchaus klobig wirkend, im Kontrast zu den feingliedrigen und kunstvoll verzierten Außenansichten des alten Schlosses. Hier das Schloss als Symbol des alten, dort der Plenarsaal als Zeichen für das Aktuelle.
[gallery link="file" size="medium" columns="7" ids="27633,27634,27635,27632,27631,27636,27637"]
Ist viel Beton, klotzig zumal, heute noch ein Ausweis von Modernität? Beim Anbau des Sprengel-Museums in Hannover, der vor ein paar Jahren eine heftige Debatte auslöste, ist das versucht worden. Ein riesiger Koloss, anthrazitfarbend, macht sich neben dem Maschsee breit. Das ist nach Jahren noch gewöhnungsbedürftig und sollte ein Statement gegen die immer noch in der Architektur dominierenden Glasfronten sein. Der neue Plenarsaal hätte auch Teil des Vorherrschenden werden können. Als es 2009 in einem Wettbewerb um seine Gestaltung ging, gewann ein südkoreanischer Planer den ersten Preis, der den alten Oesterlen-Saal abreißen und daneben einen gläsernen Pavillon errichten wollte – etwas durch und durch transparentes, Erhabenes, völlig Neuartiges. Ein Tempel. Durchgesetzt hat sich dieses Konzept damals nicht, und das hat mehrere Gründe. Die damaligen Befürworter, Landtagspräsident Hermann Dinkla an der Spitze, versäumten es, in der Stadt Hannover eine Stimmung zugunsten des neuen Entwurfs zu erzeugen.
Auch die Stadt, damals noch geführt vom seinerzeitigen Oberbürgermeister Stephan Weil, verhielt sich in der Debatte eher passiv. So fanden die Kritiker einen Weg, mobil zu machen. Es meldeten sich Oesterlen-Anhänger und Verfechter des Denkmalschutzes, die zum Schutz des alten Plenarsaals aufriefen und den Volksvertretern Ignoranz vorwarfen. Aufkleber wurden verteilt, man sieht sie heute noch an manchen Autos. Die Zweifler im Landtag selbst wurden stärker, auch ein Ausdruck dafür, wie wenig selbstbewusst die Volksvertreter sich heute noch trauen, solche baupolitischen Entscheidungen zu treffen – in Zeiten von zunehmendem Aufbegehren von Bürgern gegen Pläne der Politik, Baupläne vor allem. Der Streit um „Stuttgart 21“, den viele für den Ursprung der „Wutbürger“ halten, hat viele auch in Niedersachsen eingeschüchtert.


