8. Juli 2018
Wirtschaft

Beispiel Hildesheim: Wie Mensch und Maschine prima miteinander klar kommen

Von Karina Scholz Ist die Digitalisierung ein Jobkiller – und wird menschliche Arbeitskraft in der Zukunft überflüssig? Was können wir tun, damit uns die Roboter nicht unsere Arbeitsplätze wegnehmen? Solche Befürchtungen gehören für viele Menschen zum Alltag. Doch mit Zahlen belegen lassen sie sich bisher kaum: So zeigt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung für die Region Nord (Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein), dass durch die Digitalisierung bis 2035 nur 0,23 Prozent weniger Berufstätige erwartet werden. Der Erhebung zufolge gehen der Region bis 2035 zwar mehr als 210.000 Arbeitsplätze verloren, gleichzeitig entstehen aber knapp 200.000 neue. Das niedersächsische Wirtschaftsministerium erwartet statt eines Schwunds von Arbeitsplätzen eher eine Verschiebung von Jobs zwischen Branchen und Berufen. Wie das in der Realität aussieht, zeigt das Beispiel einer Hildesheimer Firma: Beim Luftfahrtzulieferer Arconic ist das „digitale Miteinander“ von Mensch und Maschine bereits Wirklichkeit. Schon Auszubildende lernen das Programmieren, Maschinenbediener müssen weniger schwer heben und werden durch digitale Helfer entlastet. Technikbegeisterte wie Tomke-Hendrik Neugebauer haben sogar Spaß daran. Während seiner Ausbildung programmierte der Industriemechaniker mit seinen Kollegen bereits einen Roboter. Stolz zeigt er die Anlage in einer Gitterbox: „Das haben wir alles selbst konzipiert und gebaut“, erklärt er. Der 22-Jährige und seine Mit-Auszubildenden haben einen ganzen Arbeitsplatz entworfen, dessen Mittelpunkt der einarmige Roboter ist. Der digitale Kollege ist so programmiert, dass er in der Fertigung helfen könnte, etwa beim Anreichen von Bauteilen. Doch vorerst dient er den 17 Auszubildenden des Werks zu Übungszwecken. Geschäftsführer Jens Harde findet für die Notwendigkeit dieses Trainings deutliche Worte: „Der demographische Wandel ist Realität. In fünf Jahren haben wir Riesenprobleme, Fachkräfte zu bekommen. Deshalb wollen wir die Kollegen frühzeitig an digitale Helfer heranführen“, sagt er. Gleichzeitig brauche das Unternehmen weiterhin gut ausgebildetes Personal. „Wir brauchen handwerklich geschickte Leute, wir brauchen hochqualifizierte Ingenieure. Diese Leute brauchen wir an den komplexen Arbeitsplätzen, nicht an den einfachen“, betont Harde. Die „intelligente Verbindung zwischen Prozess und Technik“ ist das Credo von Arconic, um den Fertigungsprozess so effizient und effektiv zu gestalten, dass er auch künftig in Deutschland gehalten wird , anstatt nach China verlagert zu werden.
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Einer, der diesen Fortschritt hautnah miterlebt, ist Maschinenbediener Markus Müller. Seit 18 Jahren arbeitet er in der Produktion von Arconic, seit neuestem mit einem sogenannten „kollaborierenden“ Roboter an seiner Seite. „Der Roboter bestückt die Maschinen, während ich mich um andere Dinge kümmern kann, zum Beispiel um den Drehprozess“, erklärt Müller. Hat der Roboter seine Aufgabe erledigt, übernimmt der Mensch wieder. Kollege Roboter spart der Fachkraft Markus Müller rund drei Stunden Zeit pro Tag. „Das ist ein riesiger Vorteil“, sagt Müller. Hat Markus Müller Angst, dass der digitale Kollege ihn eines Tages ersetzen könnte? „Nein“, schmunzelt er. „Nach 18 Jahren im Betrieb kenne ich meine Rechte und Pflichten und weiß, was meine Aufgaben sind. Es gibt zu viel, was man mit dem Auge beurteilen muss, zum Beispiel wenn an einer Sechskantschraube ein Grat abgeschliffen werden muss. Das schafft kein Roboter, das muss der Mensch machen“, sagt Müller überzeugt. https://soundcloud.com/user-385595761/so-klappt-es-schneller-mit-dem-breitbandausbau Der 39-Jährige hat sogar Spaß an der Digitalisierung. Tüfteln und feinmechanisches Werken liegt ihm im Blut: „Ich bin so ein McGyver-Typ und probiere gerne was aus“, lacht Müller. Roboter-Schulungen findet er deshalb interessant. Genau wie sein junger Kollege Tomke-Hendrik Neugebauer. Auch der Geschäftsführer merkt, dass digitale Technik bei seinen Mitarbeitern gut ankommt. „Wir konnten unsere Leute durch Automatisierung schon bei vielen Arbeitsschritten entlasten, etwa beim Pressen oder Anheben schwerer Dinge“, berichtet Jens Harde. Das freut Arbeitnehmer und Chefs gleichermaßen.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #128.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning