Wer die Amazon-Serie „Reacher“ aufmerksam verfolgt, merkt sehr schnell: Sobald ein schwarzer Audi ins Bild fährt, lässt die Action nicht mehr lange auf sich warten. Die Guten fahren Pick-up, Chrysler oder irgendeine Karre, die seit drei Hauptuntersuchungen eigentlich stillgelegt gehört. Wenn das Logo mit den vier Ringen im Bild auftaucht, will irgendjemand Jack Reacher erschießen, entführen oder zumindest sehr unfreundlich behandeln. Bislang hielt ich das für eine etwas plumpe Methode der US-amerikanischen Serienmacher, Gut und Böse auseinanderzuhalten. Dann trat Audi-Chef Gernot Döllner bei Donald Trump auf.

Denn wer braucht noch einfallslose Drehbuchautoren, wenn der oberste Ringträger aus Ingolstadt selbst Regie führt? Während bei Audi in Neckarsulm mehrere tausend Beschäftigte um ihre Arbeitsplätze zittern, ließ sich der Konzernchef in Georgia schon mal für das nächste Milliardenprojekt feiern. Bei einer Wahlkampfshow von Donald Trump stand er grinsend neben dem US-Präsidenten und versprach ein Vier-Milliarden-Dollar-Investment sowie 4500 neue Jobs. Wo war da Döllners PR-Berater? Lag der gefesselt im Kofferraum eines schwarzen Audi-SUV neben Reacher? Oder ging er gerade das nächste Drehbuch durch, um den Bösewichten in Ingolstädter Premiumfahrzeugen noch mehr Screentime zu verschaffen?
Die empörten Reaktionen aus Niedersachsen kamen so plötzlich wie ein Audi auf der Autobahn, sobald die linke Spur frei ist. Grünen-Fraktionschefin Anne Kura nannte Döllners Auftritt „unterwürfig und peinlich“. SPD-Wirtschaftspolitiker Christoph Bratmann forderte, der Audi-Chef müsse dringend „wieder in die Spur zurückfinden“. Und Ministerpräsident Olaf Lies, zugleich Mitglied im VW-Aufsichtsrat, stellte klar: Eine Wahlkampfveranstaltung sei nicht der richtige Ort, um eine Milliarden-Investition zu verkünden, die auch noch gar nicht vom Aufsichtsrat abgenickt wurde. „Hier wurde ein Unternehmensverantwortlicher zum Teil einer politischen Inszenierung“, ließ Lies über seinen Sprecher Christian Budde ausrichten, der vor diesem Statement unbestätigten Quellen zufolge dramatisch die Sonnenbrille zurechtrückte.
Wenn demnächst ein dunkler Audi A8 um die Ecke biegt, muss nicht nur Jack Reacher auf der Hut sein. Es könnte auch Olaf Lies darin sitzen – auf dem Weg zur nächsten Aufsichtsratssitzung, um Döllner noch mal persönlich zu erklären, was er von solchen PR-Aktionen hält.
Die heutige Rundblick-Ausgabe weist übrigens ebenfalls auffällige Parallelen zu einer typischen „Reacher“-Folge auf. Es geht unter anderem um tätowierte Polizisten, Clankriminalität, ein Justizdrama und jede Menge Geld. Das sind die Themen:
Einen actionreichen Donnerstag wünscht
Ihr Christian Wilhelm Link

