31. Aug. 2026 · 
TagesKolumne

Authentische Erfahrungen gesucht

Der Herbst ist die beste Zeit für Pilger: Für alle, die echte Erfahrungen suchen. Oder Vergebung. Oder Freiheit.

Kein Blick in den Kalender ist nötig: Der Herbst liegt in der Luft. Beste Wandersaison – oder, für diejenigen, die nicht nur den richtigen Weg, sondern auch den Sinn dahinter suchen: Pilgersaison. Beim Pilgern geht es ja darum, seinen Idolen möglichst nahe zu kommen, was schwieriger wird, je länger die Idole schon verstorben sind. Frauenminister Andreas Philippi schwang sich aufs Fahrrad, um zwei bisher weitgehend unbekannte Niedersächsinnen am Ort ihres Wirkens zu ehren: Eleonore Prochaska in Dannenberg und Marianne Fritzen in Lüchow.

Holzschnitt mit dem Porträt einer Frau in Uniform
Holzschnitt-Porträt von Eleonore Prochaska |
Bild: Stadtarchiv Dannenberg / Elbe via Frauenorte Niedersachsen

Prochaska war zu Lebzeiten besser bekannt unter dem männlichen Pseudonym August Renz. Unter diesem Namen kämpfte sie 1813 im bis heute legendären Lützowschen Freikorps gegen die napoleonischen Truppen. Schwer verwundet, musste sie ihre Identität als Frau offenbaren und erlag in Dannenberg ihren Verletzungen. Schon lange vor der Zeitenwende wurde die verwegene Eleonore vom Landesfrauenrat und seinen lokalen Kooperationspartnerinnen mit einem „Frauenort“ geehrt. Das Ministerium lobt sie jetzt für den Mut, sich „eigene Handlungsspielräume zu schaffen“, was man von Behörden sonst wirklich selten hört.

Fast zeitgleich begaben sich einhundert Beschäftigte und Bewohner von Einrichtungen der Caritas im Oldenburger Land auf einen Pilgerweg. Auch Weihbischof Wilfried Theising schnürte die Wanderstiefel und machte sich mit ihnen auf die Suche nach authentischen Erfahrungen. Letzteres hat er mit dem Volkswagen-Vorstand gemeinsam. Der absolvierte am Montag in Hannover die letzte Station seiner Tour zu den Produktionsstandorten und traf auf die echten Beschäftigten, die direkt von seinen unternehmerischen Entscheidungen abhängen. Es ist ein wenig in Vergessenheit geraten, aber Pilgerwege waren einst ein bewährtes Mittel, um Vergebung zu erlangen. Davon ist der VW-Vorstand aber noch ein ganzes Stück entfernt, wie Sie heute im Rundblick lesen können.

Außerdem haben wir diese Themen für Sie:

  • Neue „Lex AfD“?: Bisher können Ortsvorsteher nur von der Partei vorgeschlagen werden, die in der Ortschaft die stärkste ist. Rot-Grün will das jetzt auf die Schnelle noch vor der Wahl ändern.


  • Bürokratieabbau: IHKs und Behörden wollen Fachkräfte schneller nach Niedersachsen holen. Doch die neue Zusammenarbeit ist für die Beteiligten erst ein Zwischenschritt.


  • Interview: Wer heute zwischen 18 und 44 ist, hat weniger gesunde Jahre als Ältere, sagt Juliane Tetzlaff. Warum das so ist und wie man gegensteuern kann, erklärt die Demographin im Interview.


  • Personalien: Ehrung für Gerhard Glogowski, Kritik am VW-Vorstand und „Weiter so“ für den VCI Nord

Die Katholikin in mir mag am Pilgern übrigens diesen Hauch von Freiheit. Ich glaube, nirgends in der katholischen Kirche kann man gleichzeitig dazugehören und sich so frei fühlen.

Vielleicht lassen Sie sich heute auch einen herbstlichen Freiheitswind um die Nase wehen.

Ihre Anne Beelte-Altwig

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #149.
Anne Beelte-Altwig
AutorinAnne Beelte-Altwig

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