Wir haben noch nicht einmal Totensonntag gefeiert, aber es weihnachtet schon wieder sehr. Und wie jedes Jahr stellt sich die Frage, welche Überraschungen uns der Handel diesmal unter den Baum legt. Bei Aldi Süd jedenfalls war der Weihnachtszauber offenkundig etwas zu echt geraten. Statt des üblichen Kunstplüschs wurde bei einer Billig-Haarklammer mit Rentieröhrchen laut der Tierrechtsorganisation Aninova echtes Fell verarbeitet.
Na prima. Irgendwo auf der Welt gibt es also vielleicht eine Pelztierfarm, in der Nerze, Füchse und Marderhunde in viel zu engen Käfigen vor sich hin vegetieren, während im Hintergrund in Dauerschleife „In der Weihnachtskürschnerei“ läuft. Vielen Dank dafür, globaler Welthandel.

Der selbst erklärte „Fur Free Retailer” Aldi Süd hat den Artikel inzwischen aus dem Sortiment genommen und schiebt die Schuld auf einen Lieferanten aus Würzburg. Das Unternehmen, das auch hinter den „Euroshops“ steckt, habe dem Discounter versichert, es seien keinerlei tierische Fasern im Spiel. Bei besagter Handelsgesellschaft hält man sich dagegen lieber bedeckt und verweigerte den Kollegen vom Bayerischen Rundfunk jegliche Auskunft. Das ist schon etwas überraschend, denn wer sein Geld seit Jahrzehnten mit dem Import fragwürdiger China-Produkte verdient, sollte in der Krisenkommunikation eigentlich geübter sein.
Und wo ist eigentlich das Lieferkettensorgfaltspflichtgesetz, wenn man es mal braucht? Man könnte meinen, es sei für genau solche Fälle geschrieben worden. In letzter Zeit wirkt es aber eher so, als wolle die Politik uns vor dem Konsum von Sojaschnitzeln oder alkoholfreiem Gin aus kontrollierter heimischer Produktion bewahren – und nicht vor giftiger, explosiver oder unmoralisch hergestellter Billigware aus Übersee.
Immerhin: Wer die mutmaßlichen Echtpelz-Rentierohren bei Aldi zurückgibt, bekommt seinen Euro zurück. Und kann damit direkt den nächsten ethisch zweifelhaften Weihnachtsartikel finanzieren, der schon irgendwo im globalen Frachtstrom unterwegs ist: gut verpackt, schlecht kontrolliert und garantiert „ohne tierische Bestandteile“ – zumindest solange niemand genauer hinschaut.
100 Prozent frei von tierischen Inhaltsstoffen ist der heutige Rundblick, in dem es stattdessen um folgende Themen geht:
Kommen Sie gut ins Wochenende und halten Sie die Ohren steif!
Ihr Christian Wilhelm Link


