20. Jan. 2026 · 
HintergrundSoziales

Architekten mahnen: "Rollstuhlgerechte Wohnungen werden am Bedarf vorbei gebaut"

Vorschriften zur Barrierefreiheit machen Neubauten größer und teurer. Muss das sein? Auf einer Tagung in Hannover wurde kontrovers diskutiert – und nach Lösungen für alle gesucht.

Jede achte Neubauwohnung muss rollstuhlgerecht sein. Das sieht die Niedersächsische Bauordnung so vor. Doch ausgerechnet diese Wohnungen seien schwer zu vermieten, sagt die Architektin Sandra Gebauer, die früher bei der hannoverschen Wohnungsbaugesellschaft Gundlach tätig war und inzwischen beim Architekturbüro kws in der Landeshauptstadt arbeitet. Zwei Gründe seien maßgeblich: „Entweder sind sie zur falschen Zeit am falschen Ort – oder sie sind zu teuer.“ Julius Blencke vom Büro pk nord, der im hannoverschen Stadtteil Burg das Wohnquartier Gretelriede geplant hat, pflichtet ihr bei: Rollstuhlfahrer bevorzugen oft Wohnungen, die nach geltenden Standards nicht „rollstuhlgerecht“, sondern nur „barrierefrei“ sind, weil diese Appartments kleiner und damit günstiger sind.

Gebauer zeigt anhand von Grundrissen, wie die gesetzlich vorgeschriebene Wohnfläche in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen ist: So muss das Bett von beiden Seiten zugänglich sein. Genügten früher auf jeder Seite neunzig Zentimeter, so müssen es inzwischen 1,20 Meter sein. Ähnlich sieht es im Bad aus. Daher sind, rechnet sie vor, seit den 1990er Jahren sechs Quadratmeter Wohnfläche hinzugekommen – das bedeutet rund 100 Euro Miete mehr. „Es entsteht ein Missverhältnis in der Größe von Bädern und Schlafräumen“, kritisiert sie: Menschen wünschen sich eher mehr Platz im Wohnzimmer oder, wenn schon ein großes Bad, dann zusätzlich zur Dusche noch eine Badewanne.

Eine ältere und eine jüngere Rednerin mit ernstem Blick an einem Rednerpult
Fordern, wieder platzsparender zu bauen: Karin Kellner (l.) und Sandra Gebauer | Foto: Andrea Seifert

Der Vortrag von Sandra Gebauer und ihrer Chefin Karin Kellner war der provokante Schlusspunkt einer Tagung, zu der der Bundesbeauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Jürgen Dusel, und die Architektenkammern auf Bundes- und Landesebene gemeinsam nach Hannover eingeladen hatten. Denn die Schlussfolgerungen der beiden Architektinnen bargen jede Menge argumentativen Sprengstoff. „Die aufoktroyierte Tatsache, dass jede Wohnung barrierefrei sein muss, springt zu kurz“, konstatierte Kellner gleich zu Beginn. Eine Gesellschaft, in der Menschen sich gegenseitig helfen, sei wünschenswerter als das Pochen auf Autonomie. Das gelte auch für Menschen mit Behinderungen. „Wir haben verlernt, zwischen Bedarf und Komfort zu unterscheiden“, betonte die Architektin und Stadtplanerin.

Im Publikum, das neben Architekten auch aus vielen Menschen mit Behinderungen und ihren Interessenvertretern bestand, regte sich Widerstand. „Wo sollen Menschen mit schweren Behinderungen denn hin?“, rief jemand. „Weggesperrt werden!“ und „Auf die Straße!“, antworteten andere bitter. Karin Kellner ließ sich nicht beirren: Für diese Personen müssten mit staatlicher Förderung individuelle Lösungen gefunden werden. Doch vorrangig sei, beim Bauen die Ressourcen des Planeten zu schonen und die Kosten zu reduzieren, um der gesellschaftlichen Spaltung entgegenzuwirken.

Ein Mann in Rollkragenpullover und Sakko spricht am Rednerpult. Eine Gebärdendolmetscherin übersetzt. Auf dem Roll-Up hinter ihr steht: "Demokratie braucht Inklusion."
Jürgen Dusel, der Beauftragte der Bundesregierung für Menschen mit Behinderungen, sagt: "Jahrzehntelang sind zu wenig barrierefreie Wohnungen gebaut worden." | Foto: Andrea Seifert

Die Beauftragten für Menschen mit Behinderungen auf Bundes- und Landesebene blieben in der folgenden Diskussion betont gelassen. „Innerlich habe ich geschrien: Nein! Nein! Nein!, aber wir dürfen uns nicht verhärten“, sagte die Landesbeauftragte Annetraud Grote. Sie sehe ein, dass in Zeiten leerer Kassen und globaler Krisen jeder Verzicht üben müsse: „Auch Menschen mit Behinderungen – aber nicht nur!“ Ihr Kollege auf Bundesebene widersprach: Menschen mit Behinderungen, betonte er, haben bisher schon große Nachteile in Kauf genommen. „Jahrzehntelang sind zu wenig barrierefreie Wohnungen gebaut worden. Es gibt großen Nachholbedarf“, hatte er schon zuvor in seinem Grußwort ausgeführt. Jetzt bekräftigte er noch einmal: Bevor man Menschen mit Behinderungen schon wieder zum Verzicht auffordere, gelte es erst einmal, die Gerechtigkeitslücke zu schließen.    

Noch vehementer kam der Widerspruch von der tschechischen Architektin Šárka Voříšková, die an der Technischen Universität Dresden unterrichtet und am aktuellen „Leitfaden Barrierefreies Bauen 2.0“ mitgearbeitet hat. „Wir führen die Diskussion gerade komplett falsch. Ich bin zu einhundert Prozent überzeugt, dass es nicht die Barrierefreiheit ist, die das Bauen teurer macht“, sagte sie. Mit Blick auf die von Sandra Gebauer gezeigten Grundrisse nannte sie ein Beispiel: Statt in jedem Badezimmer Platz für eine Waschmaschine einzuplanen, könne man gemeinschaftlich zu nutzende Waschmaschinen anbieten – schon sei Platz in den Wohnungen gespart, ohne dass Menschen mit Behinderungen die Nachteile alleine tragen müssen.

Blick in einen gut gefüllten Veranstaltungssaal. Am Rednerpult steht eine Frau mit einem lockeren grauen Dutt.
Architektin Šárka Voříšková zeigt ein Beispiel für barrierefreies Bauen an einer Schule: Die arena-artigen Sitzbänke sind zugleich Rampen für Rollstuhlfahrer. | Foto: Andrea Seifert

Voříšková plädiert ebenso wie Julius Blencke für verschiebbare Wände. In einigen Wohnungen an der Gretelriede lässt sich damit der vorgeschriebene Platz neben dem Bett flexibel nutzen: Bei geschlossener Wand ist er Teil des Wohnzimmers, geöffnet bietet er Bewegungsfreiheit für die Pflege. Wohnfläche allein, sagen die Architekten, sei nicht immer ein Gewinn für Menschen mit Behinderungen. Entscheidend sei gerade für ältere und an Parkinson erkrankte Menschen, dass vom Bett aus das Bad, der Herd und die Spüle auf kurzem Weg zu erreichen seien.

Konkrete Antworten auf die Frage, um wieviel Barrierefreiheit das Bauen teurer macht, geben zwei Studien, die beide schon in die Jahre gekommen sind, erklärte Julius Blencke. „Terragon“, ein mittlerweile insolventer Projektentwickler für Seniorenwohnen, hat 148 Kriterien für Barrierefreiheit abgeklopft und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass sie die Baukosten nur um 0,54 bis 1,26 Prozent steigen lassen. Eine Studie der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen dagegen legt andere Standards zu Grunde und kommt auf zwölf bis 22 Prozent Mehrkosten.

Entscheidend sei, meint Robert Marlow, der Präsident der Architektenkammer Niedersachsen, dass man Barrierefreiheit frühzeitig im Planungsprozess berücksichtige – also nicht wie in dem Beispiel, das Šárka Voříšková nannte: „Neunhundert Wohnungen in Berlin waren schon im Bau, als wir den Auftrag bekommen haben: Plötzlich sollte die Hälfte davon barrierefrei sein. Und wir haben es geschafft“, berichtete sie. Wenn Merkmale von Barrierefreiheit zum Standard in der Industrie würden, würden sie damit auch günstiger als andere Alternativen, argumentieren die Experten: Das gelte ebenso für schwellenlose Eingangstüren wie für Markierungen in der Sporthalle, die auch Kinder mit Sehbehinderungen erkennen können.

In seiner früheren Tätigkeit, berichtete Jürgen Dusel, verantwortete er die Heimaufsicht in Brandenburg. Er erinnert sich an zahllose Angehörige, die „verzweifelt“ nach einem Platz im Pflegeheim suchten – nicht, weil ihre Eltern rund um die Uhr Pflege benötigt hätten, sondern in erster Linie, weil ihre Wohnungen nicht mehr für sie geeignet waren. „Die Pflegeversicherung könnte viel sparen, wenn mehr Wohnungen barrierefrei wären, sodass Menschen dort im Alter wohnen bleiben können“, ist der Bundesbeauftragte überzeugt. Ähnliches gelte für jüngere Menschen mit Behinderungen: „Viele müssen in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe wohnen, weil sie keinen passenden Wohnraum finden.“

„Es gibt diese Forderungen nach Deregulierung mit der Axt“, fasste Sebastian von Oppen von der Bundesarchitektenkammer die Debatte zusammen. Doch die DIN-Normen zur Barrierefreiheit hätten schon ihren Sinn. „Nur: Die Umsetzung muss flexibler möglich sein“, fordert er. Aus dem Publikum meldete sich Andreas Mangelsdorf, der Beauftragte der Landeshauptstadt für Menschen mit Behinderungen, zu Wort. Ja, man könne die formalen Anforderungen zurückschrauben, argumentierte er – wenn Bauherren freiwillig bereit wären, Barrierefreiheit mitzudenken. Doch in der Praxis erlebe er etwas anderes: Er müsse ständig mit Bauherren diskutieren, die die Vorschriften so eng wie möglich auslegen wollen.

Dieser Artikel erschien am 21.1.2026 in Ausgabe #012.
Anne Beelte-Altwig
AutorinAnne Beelte-Altwig

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