Antibiotika: Ärzte und Patienten brauchen mehr Beratungszeit
Darum geht: Politik und Ärzteverbände wollen die Zahl der verschriebenen Antibiotika weiter senken. Mit einem neuen Ratgeber sollen Ärzte besser informiert werden. Ein Kommentar von Martin Brüning.
„Oftmals schießt man mit Kanonen auf Spatzen“, beklagte der SPD-Landtagsabgeordnete Christos Pantazis, selbst Neurochirurg, im Oktober im Gespräch mit dem Politikjournal Rundblick. Nach wie vor nehmen viele Patienten Antibiotika, obwohl das überhaupt nicht nötig wäre und erhöhen damit die Gefahr von Antibiotikaresistenzen. Aber es gibt auch gute Nachrichten: Der Kampf gegen neue Resistenzen dauert zwar, aber es geht voran. Laut Zahlen der Techniker Krankenkasse bekamen im Jahr 2016 spürbar weniger erkältete Beschäftigte Antibiotika verschrieben als noch zwei Jahre zuvor. Die Zahl sank von knapp 33 auf etwas unter 27 Prozent. Bei Patienten, die nur für wenige Tage krankgeschrieben waren, bekamen 19 Prozent Antibiotika. Vor zehn Jahren waren es noch 30 Prozent.
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Das sind gute Fortschritte, die aber zugleich deutlich machen, dass noch viel Aufklärungsarbeit bevorsteht. Denn auf der anderen Seite bekommt immer noch mehr als ein Viertel der Beschäftigten ein Medikament, das überhaupt nicht nötig wäre. 46 Prozent der Antibiotika werden vom Hausarzt verschrieben, knapp zehn Prozent vom Kinderarzt. Hier ist das Problem noch einmal größer. Der Bremer Gesundheitsexperte Gerd Glaeske spricht von einer „medizinische Hypothek“. Eine falsche Antibiotikatherapie könne ein lebenslanges Problem werden. Es könnten immer mehr und immer neue Antibiotikaresistenzen entstehen.
Die weitere Aufklärung der Ärzte durch den neuen Ratgeber ist eine gute und sinnvolle Maßnahme des Landesgesundheitsamtes. Oftmals sitzt das Problem aber auf der anderen Seite des ärztlichen Schreibtischs. Zuerst wird das Antibiotikum von Patienten eingefordert, und dann wird die Einnahme auch noch gestoppt oder reduziert, sobald es ein wenig besser geht. Beides ist vollkommen falsch. Gerade unter jungen Erwachsenen gebe es einen unkritische Umgang mit Antibiotika, stellte die Krankenkasse DAK fest. Die Mediziner sollten gegenüber den Patienten „die Macht des Wortes“ nutzen, hieß es vor ein paar Jahren in einem Kommentar in der Ärzte-Zeitung. Die Mediziner müssten Rückgrat zeigen und Autorität durch klare Ansagen herstellen. Das ist besser gesagt als getan. Wer in den vergangenen Wochen während der Grippewelle eine überfüllte Arztpraxis besuchte, stellte fest, dass für Machtworte, Rückgrat und Autorität nicht besonders viel Zeit war. Lange Erklärungen konnten sich gerade die Haus- und Kinderärzte im Behandlungsakkord nicht leisten.
Hier stellt sich durchaus eine Systemfrage. Falsche Verschreibungen haben ihre Ursache häufig in einer falschen Kommunikation zwischen Arzt und Patienten und das ist oft auch eine Frage der Zeit. Ein internationales Forscherteam hat herausgefunden, dass sich der Arzt in Deutschland durchschnittlich 7,6 Minuten Zeit für die Behandlung eines Patienten nimmt. Damit liegt Deutschland ziemlich genau im Mittelfeld. In Pakistan sind es gerade einmal 1,8 Minuten, in Schweden 22,5 Minuten. Und mit Österreich (5 Minuten) liegt nur ein EU-Mitglied unterhalb des deutsches Wertes. Statt also Geld in Aufklärungskampagnen für Patienten zu investieren, wäre es besser, die Beratungszeit bei medizinischen Behandlungen besser zu honorieren. Vielen Patienten wäre mit ein wenig mehr Überzeugungsarbeit durch den Arzt und einer genaueren Diagnose mehr geholfen, also mit der schnellen Verschreibung eines Antibiotikums.
Mail an den Autor dieses KommentarsDieser Artikel erschien in Ausgabe #65.