Wenn an der Tankstelle die böse Zwei vor dem Literpreis aufleuchtet, ist es in Deutschland wieder Zeit für eine Runde politisches „Dinner for One“. Jeden Tag tischt uns jemand einen neuen Vorschlag auf, um die „Tank-Abzocke“ (Zitat: „BILD“) endlich zu beenden. Und während der Spritpreis von Rekord zu Rekord stolpert, genehmigen sich die Ölkonzerne wie Butler James jedes Mal einen ordentlichen Schluck aus der Pulle.

Die Vorspeise serviert die Deutsche Umwelthilfe: Die Rückkehr zum 49-Euro-Ticket als Schonkost für alle, denen das Autofahren zu schwer im Magen liegt. Die Botschaft: Wer sich den Diesel nicht mehr leisten kann, soll eben Schiene essen. Dass der ÖPNV gerade in ländlichen Gegenden Niedersachsens ungefähr so präsent ist wie die Dinnergäste beim 90. Geburtstag von Miss Sophie, lässt der Koch dabei dezent unter den Tisch fallen.
Den Zwischengang bildet das Berliner Allerlei der Widersprüche: SPD-Chef und Finanzminister Lars Klingbeil, eigentlich einer der Küchenchefs, führt sich beim Thema Spritpreise lieber wie ein lamentierender Restaurantkritiker auf. Er wettert gegen die „Abzocke“ der Ölmultis und fordert vom Kartellamt schärfere Kontrollen, während er sich gleichzeitig weigert, die CO2-Abgabe von der Karte zu streichen. Taxiunternehmen, die verzweifelt auf der Suche nach Soforthilfe sind, dürfte diese Kombination aus moralischer Empörung und staatlichem Hunger nicht satt machen.
Den Hauptgang hat Wirtschaftsministerin Katherina Reiche angerichtet. Ihre Bundeskartellamt-Brühe roch lange nur nach „strenger Beobachtung“ und war eher etwas für den hohlen Zahn. Doch nun hat sie immerhin für ein paar Fettaugen auf der Suppe gesorgt: Auf Druck der SPD will die CDU-Politikerin nun doch an den Tankstellen die Kostentransparenz nach Wiener Art einführen, wonach Preiserhöhungen nur einmal pro Tag möglich wären.
Zum Dessert wird schließlich ein ganz besonderer Verdauungsschnaps gereicht: Die Internationale Energieagentur öffnet ihre Keller und flutet den Markt mit ihren strategischen Ölreserven. Ein hochprozentiger Versuch, den Preisrausch zu dämpfen, während Butler James alias die Mineralöllobby aber schon längst wieder selig lächelnd durch den Saal torkelt.
Am Ende ist es eben doch das gleiche Prozedere wie immer: Der Zuschauer zahlt die Zeche, James trinkt den Alkohol allein und die Politik stolpert regelmäßig über den Tigerkopf der Marktrealität. Cheerio!
Und wenn Ihr Politikhunger jetzt erst richtig auf Touren gekommen ist, haben wir genau das Richtige für Sie. Hier sind die Themen der heutigen Ausgabe:
Mit einer tiefen Verbeugung verabschiedet sich
Ihr Christian Wilhelm Link


