Es ist wohl eine Mischung aus Schock und Erleichterung, die sich am Dienstag in der niedersächsischen CDU breit gemacht hat. In der Nacht zuvor hatte Armin Laschet, der Bundesvorsitzende, in einer ihm vorher von vielen nicht zugetrauten Härte die Entscheidung für seine Kanzlerkandidatur durchgedrückt. Im CDU-Bundesvorstand sprachen sich in einer geheimen Abstimmung zwei Drittel der Anwesenden für ihn als Spitzenmann für die Bundestagswahl aus. Das reichte dann, den CSU-Chef Markus Söder in München zu beeindrucken. Söder zog am Vormittag seine Bewerbung zurück, damit ist die Kanzlerkandidatenfrage in der Union nach einer hektischen Woche entschieden.

Wie es aus niedersächsischen CDU-Kreisen heißt, hätten sich schon einige enttäuschte Mitglieder gemeldet und verstimmt reagiert. Bei vielen von ihnen beziehen sich die Vorbehalte auf die derzeit schlechten Umfragewerte von Laschet, die bei einigen Strategen die Sorge auslösen, CDU und CSU könnten mit ihm an der Spitze im Wahlkampf unter 30 Prozent rutschen und damit ein Regierungsbündnis von Grünen, SPD und FDP möglich machen.
Der niedersächsische CDU-Landesvorsitzende Bernd Althusmann bekräftigte bei einem Statement am Dienstagmittag, er habe seine Haltung in dieser Personalfrage nicht ändern müssen – denn von Anfang an sei er der Meinung gewesen, Laschet sei der richtige Mann das Spitzenamt der Union im Bundestagswahlkampf. Zugleich äußerte er indirekt eine Erwartung an den CDU-Bundesvorsitzenden: „Er wird jetzt Führungswillen, Führungsstärke und Entscheidungsfreudigkeit zeigen müssen.“ Tatsächlich gehörten Althusmann und die niedersächsische Vize-Chefin der CDU, Silvia Breher aus Cloppenburg, schon am 12. April zu denen, die öffentlich ihre Zustimmung zu Laschet erklärten. Da im Funktionsträger-Mittelbau der niedersächsischen CDU viele das anders beurteilten und Widerspruch laut wurde, lud Althusmann für den 18. April zu einer Kreisvorsitzendenkonferenz ein – und das Resultat war, dass die übergroße Mehrheit der Kreisvorsitzenden ihre Präferenz für Söder äußerte.
Man hätte sich noch ein oder zwei Tage Zeit nehmen können, um das Stimmungsbild an der Parteibasis zu ermitteln.
Ganz viele zogen zur Begründung die aktuellen Umfragen heran und äußerten die Erwartung, Söder könne die bessere Wahlkampflokomotive sein. Nun hob Althusmann hervor, dass er dieses Votum der Kreisvorsitzenden in der Bundesvorstandssitzung am Montag vorgetragen habe. Und nicht nur das: Althusmann hat im Bundesvorstand, wie er selbst gestern betonte und wie auch Zeugen bestätigen, vor einer Abstimmung noch am Montagabend gewarnt. „Man hätte sich noch ein oder zwei Tage Zeit nehmen können, um das Stimmungsbild an der Parteibasis zu ermitteln“, sagte er jetzt. Doch Althusmann setzte sich im Bundesvorstand damit nicht durch, Laschets Wunsch nach einer geheimen Abstimmung wurde erhört – und Laschet setzte damit sich selbst als Sieger durch.
Was meinte Althusmann nun mit seiner Mahnung, sich „noch ein oder zwei Tage Zeit zu nehmen“? Die Landtagsabgeordnete Laura Hopmann aus Hildesheim, seit Januar CDU-Bundesvorstandsmitglied, wurde hier etwas konkreter. Man hätte, sagte sie am Dienstag, im größeren Rahmen die Kreisvorsitzenden einbeziehen können. Das, was in Niedersachsen geschah, hatten die meisten CDU-Landesverbände so nämlich vor der Entscheidung nicht getan. Damit wird ein Mangel an Beteiligung der ehrenamtlichen Funktionsträger in der Partei offenkundig. Hopmann, die zuvor Söder bevorzugt hatte, beeilte sich am Dienstag mit der Mitteilung: „Ich werde jedenfalls wahlkämpfen, was das Zeug hält, weil es um eine Zukunftsversion für unser Land und Anpacken in der Pandemie geht.“
Der Union ist es ganz offensichtlich sehr schwer gefallen, den Prozess der Kanzlerkandidatensuche in vernünftige Bahnen zu lenken.
Die CDU-Landtagsfraktion hat gestern intensiv über die Lage diskutiert, und wie Teilnehmer berichten, meldeten sich auch mehrere Abgeordnete zu Wort, die sich traurig oder enttäuscht zeigten über den Ausgang der Abstimmung. Auch Verärgerung darüber, dass die Wortmeldungen in der CDU-Bundesvorstandssitzung quasi wenige Minuten später auf Bild-online verbreitet wurden, ist laut geworden. Wie es heißt, habe es aber keine Kritik am Vorgehen von Althusmann gegeben. Ihm sei hoch angerechnet worden, dass er in der Bundesvorstandssitzung die starke Strömung in der niedersächsischen Partei zugunsten von Söder vertreten habe. Vor Journalisten sagte Althusmann gestern: „Der Union ist es ganz offensichtlich sehr schwer gefallen, den Prozess der Kanzlerkandidatensuche in vernünftige Bahnen zu lenken.“


