23. Juni 2021
Wirtschaft

Alte Gebäude abreißen? Das kann man besser organisieren, meinen manche Architekten

Die Kommunal- und die Landespolitiker diskutieren mit den Wirtschaftsleuten schon seit Monaten, wie eine „Belebung der Innenstädte“ organisiert werden kann. Dazu sind dann auch verschiedene Programme entwickelt worden, und das jüngste Förderkonzept des Landes sieht vor, dass Kommunen zur Aufwertung ihrer Stadt- und Ortszentren auch Zuschüsse bekommen können – beispielsweise für die Anmietung leerstehender Geschäfte, für die Anstellung eines City-Managers oder auch für Projekte, die Um- und Neubauten vorsehen. Auch die Flächenentsiegelung und die klimafreundliche Umgestaltung sollen gezielt unterstützt werden.

Möglicherweise loht sich nicht bei jedem Innenstadt-Gebäude der Umbau - Foto: olcayduzgun

Jetzt mischt sich auch die niedersächsische Architektenkammer in diese Diskussion ein. Heute beginnt das diesjährige „Symposium zur Förderung der Baukultur“, diesmal als eine Online-Veranstaltung. Dazu wird als besonderer Gast der Umwelt- und Bauminister Olaf Lies erwartet. Es geht um Nutzungskonzepte, architektonische Herausforderungen, Innovationen und die große Aufgabe, in jedem Um- oder Neubau auch den Gedanken der Nachhaltigkeit und des stärkeren Klimaschutzes zu verankern – beispielsweise über die Verwendung anderer Baustoffe. Vor Jahren schon hatte die Architektenkammer sich stark gemacht dafür, verstärkt auch auf den Baustoff Holz zurückzugreifen. Die weitläufige Vorstellung, Beton sei stabiler als Holz, sei in der Praxis oft nicht haltbar. Die Bauvorschriften, die etwa beim Brandschutz noch auf eine herkömmliche Beton-Bauweise ausgerichtet sind, sollten angepasst werden.

Durchmischung muss „politisch gefordert und gefördert“

In diesem Jahr hat Robert Marlow, Präsident der niedersächsischen Architektenkammer, eine programmatische Aussage parat. Er stellt zunächst fest, dass in vielen Innenstädten die klassischen Einzelhandelsgeschäfte wegfallen – wegen des Vormarsches des Online-Handels, der nach den Erfahrungen der Corona-Krise noch einmal einen besonderen Schub bekommen hat. Nun sagt Marlow: „Die durch den wegfallenden Handel frei werdenden Flächen müssen genutzt und umgenutzt werden. Ein Abriss von Gebäuden ist nun keine Lösung im Sinne der Nachhaltigkeit. Architekten finden attraktive Lösungen für den Bestand. Auch innerstädtische Verteilzentren der Onlinehändler lassen sich hier integrieren. Auch sie müssen keine Neubauten nach sich ziehen.“ So tritt der oberste Repräsentant der niedersächsischen Architekten in dieser Phase als ein Anwalt derer auf, die den Umbau bevorzugen und vor dem voreiligen Abriss bestehender Gebäude warnen.

Marlow hat noch andere Leitgedanken formuliert, die in dem heutigen Symposium in verschiedenen Beiträgen diskutiert und vertieft werden sollen. So wirbt er nachdrücklich für eine Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen – Architekten und Innenarchitekten sollten mit Stadtplanern und Landschaftsarchitekten gemeinsam Konzepte für die Innenstädte entwickeln. Wichtig seien dabei „klimagerechte und funktional gemischte Nutzungen“. Diese Durchmischung müsse „politisch gefordert und gefördert“ werden. Kommunen und Immobilieneigentümer sollten hier „mit gutem Beispiel vorangehen“. Ein Miteinander von Gastronomie, Dienstleistungen, Werkstätten, Wohnungen und Kindergärten belebe die Stadt. Mehr Grün in der Stadt schaffe attraktive Aufenthaltsräume und animiere die Menschen dazu, länger in den Zentren zu verweilen. Baulücken sollten geschlossen werden, der Autoverkehr solle verringert werden – Busse und Fahrräder sollten mehr Raum bekommen.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #118.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning