27. Aug. 2018
Kommentar

Alltag der Pflege: Ein Tarifvertrag wäre nicht die große Lösung

Darum geht es: Die Gewerkschaft Verdi und der Diakonische Dienstgeberverband Niedersachsen fordern eine bessere Bezahlung für Pflegekräfte. Zudem strebt Verdi allgemeinverbindliche Tarifverträge an. Ein Kommentar von Martin Brüning. Zunächst einmal: In Niedersachsen rechnet die neue Pflegekammer damit, dass sie am Ende 80.000 Mitglieder haben wird. Nicht alle von diesen 80.000 Beschäftigten fühlen sich ausgebeutet. Viele werden ihren Job alles andere als perfekt finden, ihn aber dennoch gerne ausüben. Menschen zu pflegen ist anspruchsvoll, eine harte Arbeit, aber auch ein Beruf, der einem viel geben kann. Das hat er zahlreichen anderen Berufen voraus. Von dieser Seite der Pflege hören wir allerdings höchst selten. Pflegenotstand, katastrophale Arbeitszeiten, mickrige Bezahlung ¬- das ist das Bild, das öffentlich von der Pflege gezeichnet wird. Spahns Pflegeprogramm? Ein schlechter Witz. Die Patienten? Unterversorgt. Die Pfleger? Überlastet. Laut Bundesagentur für Arbeit sind gerade knapp 36.000 Stellen in der Kranken- und Altenpflege nicht besetzt. Experten prognostizieren, dass bis zum Jahr 2030 bis zu einer halben Million Fachkräfte fehlen könnten. Bewerber sind schwer zu finden. Warum nur? Am lautesten klagen diejenigen über die Zustände, die in den vergangenen Jahren nur relativ wenig auf die Reihe bekommen haben. Die Gewerkschaften spielen in der Pflegebranche so gut wie keine Rolle. Die Pflegekammer konnte sich in Niedersachsen und anderen Bundesländern nur deshalb durchsetzen, weil die Mitarbeitervertretung in der Pflege lahmt. Um sich vollkommen überflüssig zu machen, ruft man jetzt auch noch den Staat zur Hilfe, um bundesweit tarifliche Mindeststandards durchzusetzen. Ein bundesweiter Minimaltarif ist wohl die kleinste aller möglichen Lösungen und würde manche Bundesländer vermutlich gar nicht betreffen. Denn auch das gehört zur Wahrheit dazu: Die Bezahlung ist in der Pflege nicht überall gleich schlecht. Die Zwei-Klassen-Gesellschaft unter den Arbeitnehmern schreitet derweil unermüdlich voran. Den Vorteil haben die Mitarbeiter in Branchen, in denen starke Gewerkschaften nach wie vor solide Tarifverträge aushandeln. In den übrigen Branchen wird seitens der Gewerkschaften laut geklappert, ohne dass das für die Beschäftigten bisher nur den geringsten Effekt gehabt hätte. Wo liegt die Mitte zwischen rosarot und schwarz? Natürlich ist die Lage in der Pflege nicht überall so katastrophal, wie sie häufig dargestellt wird. Aber gut ist sie eben auch nicht. Wer Tarifverträge fordert, sollte einmal konkrete Zahlen zur Finanzierung auf den Tisch legen. Denn darüber ist eine gesellschaftliche Debatte mehr als nötig. Die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorgeschlagene Anhebung des Pflegebeitrags um 0,5 Prozentpunkte ist nicht die Lösung. Allein 0,3 Prozentpunkte braucht man, um das aktuelle Defizit einigermaßen auszugleichen. In diesem Jahr wird es wohl bei etwa drei Milliarden Euro liegen. 0,2 Prozentpunkte mehr sorgen zwar für mehr Geld in der Kasse, werden die Finanzierungsfrage aber nicht einmal mittelfristig lösen. Die Forderung nach einem Tarifvertrag klingt immer sehr einfach, aber das wird nicht die entscheidende Antwort sein. Zu wenige Fachkräfte bei gleichzeitig großem Bedarf müsste die Gehälter in den kommenden Jahren weiter steigen lassen – ob mit oder ohne Tarifvertrag. Die Frage ist nur, wer das zahlt. Die Pflege braucht eine ehrliche Diskussion über die grundlegende Finanzierung in der Zukunft – und eine ebenso ehrliche Darstellung der täglichen Arbeit. Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen rosarot und schwarz. Mail an den Autor dieses Kommentars
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #148.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum