(rb) Die Bauern in Niedersachsen können sich gut an wirtschaftlich sehr viel bessere Zeiten erinnern. Als Schweinebraten, Rindfleisch, Suppenhuhn, Grillhähnchen und frisch gelegte Hühnereier noch ihr Geld wert waren. Da wurde an der Ladentheke ein erklecklicher Erlös für alle Beteiligten der Wertschöpfungskette erzielt. Der Handel kaufte zu fairen Preisen ein und hatte dennoch wirtschaftlichen Erfolg im Verkauf. Auf den Bauernhöfen gab es zufriedene Gesichter, denn das Geld für den Liter Milch und das Kilogramm Schweinefleisch half nicht nur bei der Sicherung des Lebensunterhalts auf den Familienbetrieben. Es stellte außerdem die stetig notwendigen Investitionen auf den Höfen sicher.
Doch damit ist es im Agrarland Niedersachsen vielerorts vorbei. Die Krise der Landwirtschaft hat sich längst zu einer Krise der Agrar- und Ernährungsindustrie ausgewachsen. In Teilen des Landes mit intensiver Tierhaltung und Landbewirtschaftung sind inzwischen Zulieferbetriebe, Handwerker, Lohnunternehmen oder Baufirmen betroffen. Auslöser der Misere sind ausbleibende Investitionen auf den Höfen. Da wird die Reparatur eines Stalldaches auf das nächste oder übernächste Jahr verschoben, der dringend benötigte neue Schlepper nicht oder erst später geordert, die alte und längst abgeschriebene Erntemaschine noch nicht ersetzt oder der geplante Neubau anstelle eines baufälligen Kuhstalles erstmal nicht realisiert.
Der Einbruch der Erzeugerpreise hinterlässt Spuren auf den Höfen. Zwar kletterte der Preis für das Schlachtgewicht der Schweine in den vergangenen Wochen wieder ein wenig nach oben. Doch noch immer ist er weit entfernt von einem auskömmlichen Niveau. Bei der Milch ist es schlimmer. Immer mehr Kuh-Bauern geben die Milchviehhaltung auf, andere werden immer größer. Kuhställe mit 600, 800 oder 1000 und mehr Tieren sind keine Seltenheit mehr. Der Konzentrationsprozess schreitet voran.
Gewinner sind die Handelsunternehmen. Sie können immer preiswerter einkaufen, erhöhen den Druck auf die Erzeuger, erlangen immer mehr Marktmacht. Die Übernahme von Kaiser‘s Tengelmann durch Edeka beschleunigt diese Entwicklung. Bedanken dürfen sich die Bauern dafür bei Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Der Niedersachse hatte bei seiner Ministererlaubnis für die Mega-Firmenübernahme wohl kaum das Heil der Landwirte in seinem Heimatland im Blick. Dort ist die Agrar- und Ernährungsindustrie nach der Automobilindustrie immerhin das zweitwichtigste wirtschaftliche Standbein und wesentlicher Job-Motor.
Wie immer in solchen Krisen wird der Ruf nach staatlicher Hilfe laut und lauter. Die Bauern und ihre landwirtschaftlichen Berufs- und Lobbyverbände stehen den Politikern auf den Füßen. Regierungschefs aus ganz Europa treffen sich zu Krisensitzungen. Bundeskanzlerin Angela Merkel verlangt rasches Handeln von der Europäischen Kommission. Sie spricht von einer „Krise in der Landwirtschaft“. EU-Agrarkommissar Phil Hogan hat jetzt eingelenkt. Er schnürt ein weiteres Maßnahmenpaket gegen die Preiskrise in der europäischen Landwirtschaft. Geplant sind Mengenabsprachen auf freiwilliger Basis, um der Milchflut zu begegnen, also quasi eine neue Milchquote durch die Hintertür. Exportkredite und mehr staatlich unterstützte Absatzförderung sollen ebenfalls helfen. So hatte es Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt von der EU verlangt. Nicht zuletzt stellt auch das Russland-Embargo eine bisher unüberwindbare Export-Hürde dar. Eine Antwort dazu haben EU und Bundeskanzlerin bisher nicht zu bieten.
Eher praxisfern mutet da das Ansinnen einiger Agrarpolitiker der Grünen an. Die Europaabgeordnete Maria Heubach, der Bundestagsabgeordnete Friedrich Ostendorff und mehrere Landtagsmitglieder verlangen erneut eine komplette Rolle rückwärts in der Agrarpolitik, um der Krise zu begegnen. Sie setzen auf Umschichtungen bei Direktzahlungen, Veränderungen beim Greening und Programme zur Mengenreduzierung. Das wäre nicht nur eine Kehrtwende, sondern sogar eine Systemumkehr. Hingegen appelliert Niedersachsens Landvolk-Präsident Werner Hilse an die Marktteilnehmer, für wirtschaftliche Erfolge aller Glieder in der Lebensmittelkette zu sorgen. Die Soziale Marktwirtschaft müsse so organisiert sein, dass langfristig das Überleben der Bauern gesichert sei. Notfalls mit Hilfe von Ausfallbürgschaften und Notkrediten. stuDieser Artikel erschien in Ausgabe #60.