Die Energiewende beschleunigen, die Wohnungskrise mildern, die Industrie klimaneutral umbauen und gleichzeitig mehr Raum für die Landes- und Bündnisverteidigung bereitstellen – all diese politischen Großprojekte konkurrieren in Niedersachsen um dieselbe Ressource: Fläche. Gleichzeitig will das Land künftig deutlich schonender mit seinem Boden umgehen. Bis 2030 soll der tägliche Zuwachs an Siedlungs- und Verkehrsflächen auf vier Hektar sinken. Zusätzlich schreibt das Niedersächsische Naturschutzgesetz vor, die tägliche Neuversiegelung – also das dauerhafte Bebauen oder Asphaltieren von Böden – auf weniger als drei Hektar zu begrenzen.

Ein lobenswerter Ansatz, doch inzwischen haben sich die politischen Rahmenbedingungen grundlegend verändert. Die Staatskanzlei räumt auf Rundblick-Anfrage ein: „Bei der Verabschiedung der überarbeiteten Nachhaltigkeitsstrategie im Jahr 2018 und des Fortschrittsberichtes von 2020 waren vier Treiber des Flächenbedarfes noch nicht so ausgeprägt, wie sie es heute sind.“ Gemeint sind damit der Ausbau der Energie- und Netzinfrastruktur, der angespannte Wohnungsmarkt, die neuen Anforderungen an die Sicherheits- und Verteidigungsfähigkeit Deutschlands sowie die industrielle Transformation einschließlich der Ansiedlung von Projekten aus dem Bereich der Zukunftstechnologien. Anstatt jedoch das Ziel infrage zu stellen, setzt die Landesregierung künftig stärker auf eine effizientere Nutzung bestehender Flächen. Innenentwicklung, Flächenrecycling und Mehrfachnutzungen sollen den zusätzlichen Flächenbedarf auffangen. „Die Landesregierung hält an dem Ziel eines sparsamen und verantwortungsvollen Umgangs mit Fläche fest. Ziel ist es, die notwendige Transformation mit einer möglichst flächensparsamen Entwicklung zu verbinden und weitere Anstrengungen wie Entsiegelungen zu unternehmen. Die Transformation ist von erheblicher Bedeutung für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Die Aufgaben dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden“, betont Regierungssprecher Christian Budde.
„Ziel ist es, die notwendige Transformation mit einer möglichst flächensparsamen Entwicklung zu verbinden und weitere Anstrengungen wie Entsiegelungen zu unternehmen.“
Der Blick zurück zeigt, dass Niedersachsen beim Flächensparen schon weit gekommen ist. Im Jahr 2000 wurden täglich noch 16 Hektar neue Siedlungs- und Verkehrsflächen ausgewiesen. Bis 2020 sank dieser Wert auf sechs Hektar. „Seitdem ist die Flächenneuinanspruchnahme weiter gesunken – auf zuletzt 4,9 Hektar pro Tag im gleitenden Mittel der Jahre 2021 bis 2024“, teilt die Staatskanzlei mit. Die Entwicklung zeigt: Noch nie war Niedersachsen dem Vier-Hektar-Ziel so nahe wie heute. Gleichzeitig dürfte es schwerer denn je werden, die letzten Meter bis 2030 zurückzulegen. Auch die Umweltminister von Bund und Ländern gehen inzwischen davon aus, dass selbst das bundesweite Flächensparziel – bis 2030 den täglichen Flächenverbrauch auf unter 30 Hektar zu senken – „nur unter höchsten Anstrengungen erreichbar ist“.
Warum das Flächensparen so schwer geworden ist, wird besonders gut im Energiebereich deutlich. Die heute geltende Vorgabe, bis Ende 2032 rund 2,2 Prozent der Landesfläche für Windenergie bereitzustellen, existierte bei der Überarbeitung der niedersächsischen Nachhaltigkeitsstrategie im Jahr 2018 noch nicht. Das Windenergieflächenbedarfsgesetz (WindBG) wurde von der Ampel-Koalition erst im Sommer 2022 beschlossen. Allein für die Windenergie muss Niedersachsen damit bis Ende 2032 mehr als 100.000 Hektar bereitstellen – eine Fläche nicht ganz so groß wie der Landkreis Holzminden, aber deutlich größer als das gesamte Bundesland Berlin. Tatsächlich von Windrädern, Zufahrten und Nebenanlagen dauerhaft beansprucht wird allerdings nur ein Bruchteil dieser Fläche. Nach Angaben des Landesverbands Erneuerbare Energien (LEE) sind es für das Ausbauziel von 30 Gigawatt bis 2035 rund 0,09 Prozent der Landesfläche. Die Flächen zwischen den Anlagen können größtenteils weiter land- oder forstwirtschaftlich genutzt werden.
Nach der von Olaf Scholz ausgerufenen „Zeitenwende“ steigen auch die Anforderungen an die Landes- und Bündnisverteidigung. Die Bundeswehr, die zuletzt immer weiter geschrumpft war, muss nun viele Liegenschaften wieder reaktivieren oder sogar erweitern – möglicherweise sogar neue Standorte aufbauen. Die Seehäfen erhalten eine viel wichtigere Rolle für Energieversorgung und militärische Logistik, was ebenfalls nicht ohne Flächenzuwachs geht. Und dann verfolgt Deutschland auch noch das Ziel, bei Zukunftstechnologien unabhängiger von China und anderen Staaten zu werden. Neue Produktionsstandorte für Batterien, Halbleiter oder Wasserstofftechnik konkurrieren damit ebenso um Fläche wie Wohnungsbau und Verkehrsinfrastruktur.
Was die neuen Anforderungen in Zahlen bedeuten, ist allerdings noch unklar. „Eine Gesamtabschätzung des zusätzlichen Flächenbedarfs, der aus den Bereichen Energiewende, Wohnungsbau, wirtschaftliche Transformation, Verteidigung und Zivilschutz entsteht, liegt auf Ebene des Landes Niedersachsen derzeit nicht vor“, heißt es aus der Staatskanzlei. „Die einzelnen Vorhaben befinden sich in unterschiedlichen Planungs- und Umsetzungsständen und werden von verschiedenen Fachplanungen gesteuert. Entsprechend verändern sich die jeweiligen Flächenbedarfe fortlaufend.“ Eine zentrale Flächenplanung gibt es also nicht. Stattdessen soll bei jedem einzelnen Vorhaben darauf geachtet werden, den Flächenverbrauch möglichst gering zu halten. Dafür verweist die Landesregierung auf die Fachplanungen sowie die Landes- und Regionalplanung, die neue Wohn- und Gewerbegebiete möglichst flächensparend entwickeln und der Innenentwicklung Vorrang geben sollen.

Im Energiebereich setzt das Land auf mehrere Ansätze, um den zusätzlichen Flächenbedarf zu begrenzen. Ein zentraler Baustein ist das sogenannte Repowering: Alte Windkraftanlagen werden durch deutlich leistungsfähigere ersetzt, sodass auf derselben Fläche mehr Strom erzeugt werden kann. Aus Sicht der Landesregierung ist die Windenergie zudem die „flächensparendste Form der Energieerzeugung, da die Flächen drumherum weiterhin land- oder forstwirtschaftlich genutzt werden können“. Solaranlagen sollen möglichst auf Dächern und Parkplätzen entstehen. Wo Freiflächen nötig sind, setzt das Land auf sogenannte Agri- und Moor-Photovoltaik. Dabei werden die Flächen nicht ausschließlich für Solaranlagen genutzt, sondern gleichzeitig weiter landwirtschaftlich bewirtschaftet oder als Moor erhalten und wiedervernässt. Beim Netzausbau sollen Leitungen möglichst gebündelt werden, um zusätzliche Eingriffe in die Landschaft zu vermeiden. Dasselbe Prinzip gilt auch für neue Industrieansiedlungen und die Landesverteidigung. Neue Unternehmen aus Zukunftsbranchen sollen möglichst auf bereits erschlossenen Industrie- und Gewerbestandorten entstehen. Flächenrecycling sowie kurze Wege zwischen Energieerzeugung und Energieverbrauch sollen den zusätzlichen Flächenbedarf begrenzen. Auch die Bundeswehr soll nach Möglichkeit im Bestand wachsen. „So werden in vorhandenen Liegenschaften zusätzliche Unterbringungskapazitäten für rund 8500 Dienstposten geschaffen“, heißt es aus der Staatskanzlei. Darüber hinaus würden ehemalige militärische Konversionsflächen reaktiviert, um zusätzliche Eingriffe auf bislang unbebauten Flächen möglichst zu vermeiden.

Am schwierigsten dürfte dieser Spagat beim Wohnungsbau werden, wo die Devise schon seit Längerem lautet: Innenentwicklung vor Außenentwicklung. Bevor neue Baugebiete auf der grünen Wiese entstehen, sollen zunächst Baulücken geschlossen, Brachen genutzt, Gebäude aufgestockt oder leerstehende Immobilien wiederbelebt werden. „Ein zentraler Baustein hierfür ist die Novelle der Niedersächsischen Bauordnung. Sie hat das Bauen deutlich beschleunigt und vereinfacht“, wirbt die Staatskanzlei in eigener Sache. Mit der sogenannten Umbauordnung wurden unter anderem Aufstockungen, Umnutzungen und der Ausbau bestehender Gebäude erleichtert. Kritiker befürchten dennoch, dass knappe Flächen zwangsläufig zu steigenden Grundstückspreisen und höheren Mieten führen. Dass die Landesregierung diese Konsequenzen durch eine künstliche Verknappung von Flächen in Kauf nehme, weist Regierungssprecher Budde ausdrücklich zurück. „Im Gegenteil: Durch schnellere Verfahren, mehr Bauaktivität im Bestand, gezielte Förderung und zusätzliche Initiativen zur Wohnraumschaffung wird das Wohnungsangebot ausgeweitet, um preisdämpfend zu wirken", sagt er. Gleichzeitig räumt die Landesregierung ein, dass Innenentwicklung allein nicht ausreichen wird. „Zur Schaffung eines ausreichenden Angebotes an Wohnungen wird aber auch zukünftig eine Flächeninanspruchnahme notwendig sein.“ Neue Baugebiete bleiben damit auch künftig Teil der Wohnungsbaupolitik – allerdings nur dort, wo sie aus Sicht des Landes tatsächlich erforderlich sind.
Von dem Ansatz, zusätzlichen Flächenverbrauch an anderer Stelle durch Entsiegelungen auszugleichen, hält die Landesregierung wenig. „Die Landesregierung verfolgt beim Flächensparen keinen rein rechnerischen Kompensationsansatz. Entscheidend ist vielmehr, den Flächenverbrauch und die Neuversiegelung insgesamt zu reduzieren und neue Vorhaben möglichst flächeneffizient umzusetzen“, stellt Regierungssprecher Budde klar. Dennoch will das Land die Entsiegelung vorantreiben. Seit Anfang 2026 steht den Kommunen dafür ein digitales Entsiegelungskataster zur Verfügung. Darin sollen sie systematisch erfassen, welche versiegelten Flächen sich wieder der Natur zurückgeben lassen. „Gerade ein Flächenland wie Niedersachsen muss Wachstum, Wohnungsbau, Energiewende, industrielle Transformation und Flächenschutz miteinander in Einklang bringen“, sagt Budde. Deshalb setze das Land „nicht auf Verzicht oder künstliche Verknappung, sondern auf eine intelligentere und effizientere Nutzung vorhandener Flächenpotenziale“.


