21. Jan. 2019
Inneres

Wie sollen wir an die NS-Zeit erinnern, sobald die letzten Zeitzeugen gestorben sein werden?

Die Art und Weise, wie in Gedenkstätten an die Vergangenheit, vor allem an die Nazi-Zeit erinnert wird, muss sich nach Ansicht von Experten in den nächsten Jahren erheblich wandeln. „Wir müssen uns auch mit der Frage beschäftigen, ob die Ritualisierung abschreckend wirkt“, sagt Prof. Dietmar von Reeken, Professor für Geschichtsdidaktik aus Oldenburg. Er hat gestern in einer Veranstaltung des Landtags über ein Erlebnis berichtet, das er vor ein paar Jahren beim Besuch einer Schulklasse hatte. Dort sollte von Reeken über die Bedeutung des Volkstrauertages sprechen – aber die jungen Leute hätten sich nur dafür interessiert, warum sie im Unterricht ständig mit der NS-Zeit konfrontiert würden, warum sie Schuld auf sich nehmen müssten, während sich andere Völker für die dunklen Seiten ihrer Geschichte nicht zu rechtfertigen hätten. Von Reeken, der sich sehr für die Vermittlung der Vergangenheit an die kommenden Generationen einsetzt, zieht aus diesem Erlebnis den Schluss, dass man die Formen der Erinnerungsarbeit verändern müsse. Er meine, die große Mehrheit auch der jungen Menschen stünden dem Anliegen von Gedenkstätten wohlwollend und aufgeschlossen gegenüber. Sie hätten aber den Wunsch, dass sich die Vermittlung nicht auf die Darstellung der NS-Massenmorde beschränken dürfe. Verstärkt müsse auch gezeigt werden, wie es möglich sein konnte, dass tausende dem verbrecherischen Hitler-Regime folgten.

„Ausgewogenes Verhältnis von emotionaler Ansprache und sachlicher Aufklärung“

Dieses Thema treibt auch Landtagspräsidentin Gabriele Andretta (SPD) um. Sie hatte für gestern rund 120 Schüler, Auszubildende und Berufsschüler zu einer Veranstaltung in das Parlament eingeladen. Die Jugendlichen aus Hannover, Braunschweig, Peine, Salzgitter, Hildesheim, Aurich, Emden, Wolfenbüttel, Osnabrück, Wallenhorst, Oldenburg und Georgsmarienhütte verbindet ein ehrenamtliches Engagement – sie wirken alle bei der Organisation und pädagogischen Arbeit für niedersächsische NS-Gedenkstätten mit. Was das in der Praxis heißen kann, berichtete eine Abordnung des 1995 gegründeten Vereins „Jugend für Dora“, der sich um die Erinnerungsarbeit rund um das ehemalige Konzentrationslager bei Nordhausen in Thüringen bemüht. Vor fast 25 Jahren, als der Verein gegründet wurde, ging die Initiative von sehr vielen Überlebenden des KZ aus. Nur noch zehn von ihnen hatten sich dann 2014 dort noch treffen können. Jetzt, fünf Jahre später, seien acht von diesen zehn schon gestorben, nur noch zwei Überlebende gibt es. Nun versucht der Verein, über verschiedene Aktionen die Erinnerung an das Geschehene wach zu halten – szenische Lesungen von Berichten der verstorbenen Augenzeugen, Plakataktionen zu den Jahrestagen und ähnliches. Die intensivste und beeindruckendste Form aber, das unmittelbare Gespräch mit denen, die das Grauen selbst erlebt haben, ist immer seltener noch möglich.

Virtuelle Welten können unterstützen

Landtagspräsidentin Andretta hält es für unerlässlich, die geschichtsträchtigen Orte zu pflegen – und nachfolgenden Generationen zu zeigen, was dort einst geschah. Als Problem sieht der Oldenburger Historiker von Reeken, dass die Gruppe derer, die sich gegen die bisherige Erinnerungskultur wehren und sogar bereit sind, NS-Verbrechen zu leugnen, nicht kleiner werde, sondern eher größer. Viele würden sich das vermutlich nur deshalb trauen, weil kaum noch Zeitzeugen da sind, die ihnen wirkungsvoll widersprechen können. Der Leiter der Stiftung Gedenkstätten, Jens-Christian Wagner, hatte vergangenen Oktober erklärt, man müsse künftig stärker Erkenntnisse vermitteln und könne weniger darauf hoffen, dass das Vorführen von früheren Stätten der Gräueltaten schon ein Mitgefühl und eine Beklemmung erzeugen könne. In Arbeitsgruppen sollten die 120 Jugendlichen erklären, wo sie Veränderungsbedarf in der Gedenkstättenarbeit sehen. Mehrere erklärten, ihre Altersgenossen würden sich über „zu viel Pathos“ beklagen und darüber, dass in Gedenkstätten Schuldgefühle vermittelt würden, man versuche, die jungen Leute mit dem Grauen der NS-Zeit geradezu zwanghaft zu überwältigen. Dagegen solle vielmehr ein ausgewogenes Verhältnis von persönlicher emotionaler Ansprache und sachlicher Aufklärung stehen. Diese Vielfalt sei erforderlich. Gedenkstätten sollten in den Orten, in denen sie wirken, stärker öffentlich agieren – auch über die sozialen Netzwerke. Über moderne Brillen, die virtuelle Welten erfahrbar machen, könne man auch vermitteln, wie eng KZ-Häftlinge in ihren Baracken zusammengepfercht leben mussten.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #012.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning