
In Arnd Henzes neuem Buch wird Donald Trump zum Beelzebub. „Mit Gott gegen die Demokratie“ ist aber kein Horror-Roman, auch kein Science-Fiction-Epos – sondern ein Sachbuch mit dem Anspruch, den politischen Erfolg des US-Präsidenten anhand einer unheiligen Allianz mit Gruppen von religiösen Fanatikern zu erklären. Die christlichen Fundamentalisten in den Vereinigten Staaten „haben sich 2016 auf einen ‚Pakt mit dem Teufel‘ eingelassen“, analysierte der Fernsehjournalist und Buchautor Henze kürzlich beim Hanns-Lilje-Forum in der hannoverschen Marktkirche. Um Hillary Clinton als Präsidentin zu verhindern, hätten die christlichen Truppen in der Republikanischen Partei Trump als ihren „Erlöser“ gewählt – obwohl dieser nicht gerade als frommer Mann aufgefallen war. Henze verglich Trump im Gespräch mit dem Theologen Christoph Dahling-Sander, dem Geschäftsführer der Hanns-Lilje-Stiftung, mit dem Perserkönig Kyros, der in der Bibel als Befreier des jüdischen Volks aus dem babylonischen Exil dargestellt wird. Trump solle nun, so Henzes Deutung, die christlichen Nationalisten in den USA aus der „Gefangenschaft der Moderne“ befreien. Er sei ein „Rächer für das Jahrhundert der Niederlagen“, erläuterte der in Niedersachsen geborene Journalist und zitierte aus einer Trump-Rede den Satz: „Für alle, die gedemütigt wurden: Ich bin Eure Vergeltung!“ Als Symbol der unbotmäßigen Verquickung von Religion und Staat, die im Weißen Haus inzwischen betrieben werde, hielt Henze in der Marktkirche die sogenannte „Trump-Bibel“ hoch – eine mit dem Präsidentensiegel, der Unabhängigkeitserklärung und einiger Trump-Folklore versehene Version der King-James-Bibel.

Was in den USA passiert, wird hierzulande häufig als Menetekel für Europa angesehen. Aus Sorge vor dieser Entwicklung hat die evangelische Hanns-Lilje-Stiftung Henzes Buchtitel aufgegriffen und gefragt, wie die Widerstandskräfte gegen einen christlich grundierten Feldzug gegen die Demokratie gestärkt werden können. Neben Henze, der mit seinem Buch eine Art Ferndiagnose der US-amerikanischen Kämpfe aufbieten konnte, schalteten Dahling-Sander und Marktkirchenpastor Marc Blessing auch noch eine tatsächliche Zeitzeugin der jüngeren US-Geschichte mit hinzu. Bischöfin Shelly Wee von der „Evangelical Lutheran Church in America“ kritisierte den christlichen Nationalismus im Trump-Umfeld schon früh sehr scharf. „Wir verehren Jesus, nicht die Bibel“, sagte sie von der Leinwand im Altarraum der Marktkirche aus und bezeichnete die Heilige Schrift als eine Wiege, in der Jesus gewissermaßen zwischen den Buchdeckeln zu finden sei. Sie wandte sich damit gegen eine fundamentalistische Strömung der amerikanischen Christen und der Maga-Bewegung, die in der „Offenbarung des Johannes“ ihr eigenes Schicksal sehen und das „Jüngste Gericht“ herbeisehnen. In diesem letzten Buch der Bibel wird die Apokalypse beschrieben, wenn am Ende aller Tage Jesus mit brennenden Schwertern auf die Erde zurückkehrt und seine Getreuen gegen alle anderen verteidigt. „Jesus hat ‚Nein‘ gesagt zu den Mächtigen“, entgegnete Bischöfin Shelly Wee dieser falschen Lehre und ordnete sie historisch ein. Geschrieben worden sei dieser Text im ersten Jahrhundert nach Christus, als sich die Anhänger Jesu noch im Widerstand gegen das mächtige römische Imperium befanden. In den USA sei die Weltuntergangserzählung derweil im 18. Jahrhundert groß rausgekommen. „Man kann nicht einen einzelnen Abschnitt aus der Bibel ziehen und damit Politik machen“, rügte die lutherische Theologin.
Wie geht Bischöfin Shelly Wee nun aber damit um, dass die Hälfte ihrer rund 15.000 Schäfchen und 350 Pastoren bei der letzten Wahl für Donald Trump gestimmt haben? „Ich liebe meine Leute, die Gott mir als Pastorin anvertraut hat“, sagte die Geistliche aus voller Überzeugung und ergänzte: „Niemand wird Dir zuhören, wenn Du nicht auch an ihrer Bettkante stehst, wenn sie krank sind.“ Ihr Credo lautet: „Wir müssen im Gespräch bleiben.“ Nach der ersten Amtseinführung Trumps habe sie einen Brief an die Gläubigen geschrieben, in dem sie kritisiert habe, wie Trump die christlichen Symbole missbraucht habe. Nicht immer müssten Pastoren die harte Konfrontation suchen, meinte die Bischöfin. Aber für sie sei das ein Luther-Moment gewesen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders…“ Eine Frau, die sie persönlich gar nicht kannte, habe sie hinterher bei einer Veranstaltung geschubst und rüde angeklagt, sie ruiniere die Kirche. Doch auch nach dieser Begegnung bleibt die Bischöfin dabei: „Wir müssen uns umeinander kümmern, auch bei unterschiedlichen Positionen.“

Was sollten die lutherischen Kirchen in Deutschland nun davon lernen? Mit der Haltung von Bischöfin Shelly Wee kann der juristische Vizepräsident im hannoverschen Landeskirchenamt offenbar viel anfangen. In der Podiumsdiskussion im Anschluss an die Ausführungen der US-amerikanischen Bischöfin berichtete Prof. Christoph Goos von seiner Zeit in Halberstadt. Damals habe während der Pandemie der Bischof zwischen Corona-Leugnern und der Innenministerin vermittelt. Die Kirche als Ort der geschwisterlichen Auseinandersetzung? So kann man Prof. Goos verstehen, allerdings zieht er auch Grenzen für die politische Reflexion unter dem Dach der Kirche. Die eine Grenze verläuft dort, wo die Politik keine Rolle spielen sollte: „Wir können auch nicht in jedem Chor alle Unterschiede ausdiskutieren. Manchmal muss man einfach eine Bach-Kantate singen, ohne die Unterschiede zu definieren.“ Die andere Grenze zieht die Landeskirche inzwischen am rechten Rand des politischen Spektrums. Prof. Goos verwies auf die neue Kirchenverfassung und leitete daraus ab, dass Personen, die in öffentlichen Äußerungen Positionen vertreten, die gegen diese Kirchenverfassung verstoßen, nicht in den Gremien der Landeskirche tätig sein dürfen. Für Dahling-Sander von der Hanns-Lilje-Stiftung liegt auf der Hand, dass in Deutschland von der AfD dieselbe Gefahr für die Demokratie ausgehe wie von den christlichen Nationalisten in den USA. Der Stresstest für die Kirche beginne am Montag – also nach dem sonntäglichen Frieden, stellte er fest und fragte bei Prof. Goos nach, ob die Abgrenzung anhand der Kirchenfassung denn schon zum Einsatz gekommen sein. „Glücklicherweise gab es bislang nur wenige Fälle“, verriet Prof. Goos und berichtete von einem Stiftungsvorstand aus Hannover, der auch im AfD-Kreisverband aktiv sei. Auf scheinbar menschenverachtende Veröffentlichungen des Verbands auf Facebook angesprochen, habe man die betreffende Person dazu bewegen können, das kirchliche Engagement einzustellen.

Der religionspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Thore Güldner, erkennt in dieser Haltung seiner Kirche die im Titel der Veranstaltung geforderten Widerstandskräfte bereits wieder. Mit AfD-Wählern im Kirchenchor zu singen, sei nötig, damit diese sich nicht weiter von der Kirche entfernten, sagte der Politiker aus Oldenburg. In den Kirchen in Deutschen sieht er ein Bollwerk gegen die extremen Tendenzen – sowohl gegen den christlichen Fundamentalismus als auch gegen die AfD. Karoline Czychon, die Landesvorsitzende der Jungen Union, warf aber die Frage auf, warum die Extremen überhaupt so einen Zulauf haben, in den USA wie in Europa. „Ich glaube, es gibt eine ganz starke Sehnsucht nach Stabilität in einer immer weiter auseinanderdriftenden Welt“, sagte die CDU-Politikerin. „Der christliche Glaube kann darauf Antworten liefern. Die Fundamentalisten nutzen diese Verletzlichkeit der Menschen aus.“ Ihr Lösungsvorschlag: Die Menschen müssen mit ihren Anliegen ernstgenommen und Probleme auch von der anderen Seite betrachtet werden. Auch Güldner von der SPD sagte: „Die Kirche kann ein Stabilitätsanker sein. Damit machen die nationalistischen Christen Politik. Deshalb muss unbedingt widersprochen werden. Dafür braucht es eine wehrhafte Kirche und gute Politik.“


