
Freiräume, Demokratie, Schulqualität – das sind die Schlagworte, mit denen Niedersachsens Kultusministerin Julia Hamburg (Grüne) ihre große Schulgesetznovelle überschreibt. Ihre Fraktionskollegen Pascal Mennen und Lena Nzume, die beide zur Einbringung des Gesetzes im Landtag das Wort ergriffen haben, würden in der Reihe wohl noch den Begriff „Gerechtigkeit“ ergänzen. Doch eine einheitliche Überschrift für die Bildungspläne der rot-grünen Landesregierung zu finden, fällt schwer. Und so sind es viele Detailbestimmungen, die Ministerin Hamburg am Dienstagnachmittag im Plenarsaal herunterbetete: Die Mitbestimmung der Schüler soll durch Klassenräte gestärkt werden. Die Geschäftsstelle des Landesschülerrats soll gesetzlich verankert werden. Grundschulen sollen künftig jahrgangsübergreifenden Unterricht anbieten können. Oberschulen sollen frei entscheiden können, ob sie nach Schulform oder Jahrgangsstufe unterscheiden wollen. Der Weg für die Reform der gymnasialen Oberstufe wird geebnet, Details regelt aber nicht das Gesetz. Die berufliche Orientierung soll künftig an allen Schulformen vorgeschrieben sein. Ein freier Datenaustausch soll bei der Berufsberatung helfen. Das Fach „Werte und Normen“ soll es künftig auch in Grundschulen geben. Schüler sollen ein Recht auf einen diskriminierungsfreien Schulbesuch bekommen. Kinder mit Legasthenie oder Dyskalkulie sollen mit einem Nachteilsausgleich und Notenschutz nach bayerischem Vorbild unterstützt werden. Schulen mit Sportprofil sollen talentierte Spitzensportler leichter aufnehmen können. Bloß zwei Themen habe die Landesregierung vorerst ausgeklammert, erklärte Hamburg: Zu den Problemen mit den Tagesbildungsstätten und den Tablets sei man noch im regen Austausch mit den Fachverbänden und den Abgeordneten. Dazu also später mehr.
Die Debatte um das neue Schulgesetz erreicht nun eine neue Etappe. Die Beratungen verlagern sich jetzt vom Ministerium ins Parlament. Einige Gegenpositionen aus Parlament und Verbandswelt zeichnen sich allerdings schon jetzt ab:


- Mehr Orientierung auf den Bildungswegen: Dass die berufliche Orientierung im neuen Schulgesetz zentral verankert wird, findet IHKN-Bildungsexpertin Silke Richter sehr gut. Doch auch hier kommt es auf die praktische Umsetzung an, warnt sie. Das Schulgesetz verbleibe allgemein auf einer sehr übergeordneten Ebene. Deshalb setzt sie darauf, die Themen weiterhin eng zu verfolgen. Dazu zählt auch die Frage, wie Bildungsverläufe besser im Blick behalten werden können. Die Schulen stärker mit den Jugendberufsagenturen zu vernetzen und dort eine Datenweitergabe zu ermöglichen, hält Richter für einen richtigen Schritt. Aber die längst angekündigte Schüler-ID verweilt derzeit noch in weiter Ferne. Der Datenaustausch sei immerhin ein erster guter Schritt, damit das Wissen um Stärken und Schwächen der Schüler in den Übergangsphasen nicht verlorengeht, lobt sie. Für die Berufsschulen wünscht sich die IHK-Abteilungsleiterin allerdings noch viel mehr als das: Sprachförderung müsse dort als feste Aufgabe gesetzlich verankert werden, fordert sie. Damit einhergehen müssten dann zusätzliche Lehrerstellen.
- Klassenräte sind den Schülern nicht genug: Der Landesschülerrat zeigt sich enttäuscht über den Gesetzentwurf, den Niedersachsens Kultusministerin jetzt ins Parlament gibt. Insbesondere bei der Einbindung der Schülervertreter in schulische Entscheidungsprozesse haben sie mehr erwartet. „Schülervertretungen dürfen nicht erst informiert werden, wenn alles entschieden ist“, sagt Matteo Feind, der Vorsitzende des Landesschülerrats. Der Vorschlag der Schülervertreter ging allerdings äußerst weit. Sie wollten, dass bei wichtigen Entscheidungen ein Einvernehmen mit der Schülervertretung herzustellen und im Konfliktfall auf Schlichtungsmechanismen zurückzugreifen sei. Doch auch bei kleineren Regelungswünschen gehen die Schülervertreter bislang leer aus, etwa mit ihrer Forderung nach verbindlichen Vorgaben zur Freistellung für die Schülerratsarbeit. Lob gibt es derweil für die verpflichtenden Klassenräte für alle Schuljahrgänge, die das neue Schulgesetz vorsieht. Dies stärke demokratische Lernprozesse im Schulalltag. Damit geben sich die Schülervertreter allerdings ebenso wenig zufrieden wie mit der gesetzlichen Verankerung der Geschäftsstelle des Landesschülerrats werde damit doch lediglich mit dem Landeselternrat gleichgezogen.
- AfD beklagt „Machtverschiebung“: Dass das Schulgesetz die gesetzliche Grundlage für die Neuordnung der gymnasialen Oberstufe per Erlass legen soll, kritisiert Harm Rykena (AfD) scharf. „Das Parlament lehnt sich zurück, das Kultusministerium entscheidet“, sagte er. Inhaltlich kritisiert er, dass der Jahrgang 11 den Status als eigenständiges Bildungsjahr verliere und zu einem reinen Durchgangsjahr werden solle. Dass Politik/Wirtschaft in der elften Klasse künftig kein Pflichtfach mehr sein könnte, bezeichnet er als widersprüchlich vor dem Hintergrund der Bemühungen um die Demokratiebildung. Am Ausbau der Berufsorientierung stört den AfD-Politiker, dass der eigene bildungspolitische Anspruch der Gymnasien fehle. An den Grundschulen, fürchtet er, werden Leistungsstandards verwischt und Bildungsziele geschwächt.


