3. März 2026 · 
HintergrundBildung

Wie Rot-Grün das Schulgesetz ändern will und welche Reaktionen das hervorruft

Ab jetzt berät das Parlament über die Novelle des niedersächsischen Schulgesetzes. Opposition und Verbände melden Redebedarf an.

Kultusministerin Julia Hamburg überantwortet die Schulgesetznovelle jetzt dem Parlament. | Foto: Screenshot/PlenarTV/nkwScreenshot

Freiräume, Demokratie, Schulqualität – das sind die Schlagworte, mit denen Niedersachsens Kultusministerin Julia Hamburg (Grüne) ihre große Schulgesetznovelle überschreibt. Ihre Fraktionskollegen Pascal Mennen und Lena Nzume, die beide zur Einbringung des Gesetzes im Landtag das Wort ergriffen haben, würden in der Reihe wohl noch den Begriff „Gerechtigkeit“ ergänzen. Doch eine einheitliche Überschrift für die Bildungspläne der rot-grünen Landesregierung zu finden, fällt schwer. Und so sind es viele Detailbestimmungen, die Ministerin Hamburg am Dienstagnachmittag im Plenarsaal herunterbetete: Die Mitbestimmung der Schüler soll durch Klassenräte gestärkt werden. Die Geschäftsstelle des Landesschülerrats soll gesetzlich verankert werden. Grundschulen sollen künftig jahrgangsübergreifenden Unterricht anbieten können. Oberschulen sollen frei entscheiden können, ob sie nach Schulform oder Jahrgangsstufe unterscheiden wollen. Der Weg für die Reform der gymnasialen Oberstufe wird geebnet, Details regelt aber nicht das Gesetz. Die berufliche Orientierung soll künftig an allen Schulformen vorgeschrieben sein. Ein freier Datenaustausch soll bei der Berufsberatung helfen. Das Fach „Werte und Normen“ soll es künftig auch in Grundschulen geben. Schüler sollen ein Recht auf einen diskriminierungsfreien Schulbesuch bekommen. Kinder mit Legasthenie oder Dyskalkulie sollen mit einem Nachteilsausgleich und Notenschutz nach bayerischem Vorbild unterstützt werden. Schulen mit Sportprofil sollen talentierte Spitzensportler leichter aufnehmen können. Bloß zwei Themen habe die Landesregierung vorerst ausgeklammert, erklärte Hamburg: Zu den Problemen mit den Tagesbildungsstätten und den Tablets sei man noch im regen Austausch mit den Fachverbänden und den Abgeordneten. Dazu also später mehr.

Die Debatte um das neue Schulgesetz erreicht nun eine neue Etappe. Die Beratungen verlagern sich jetzt vom Ministerium ins Parlament. Einige Gegenpositionen aus Parlament und Verbandswelt zeichnen sich allerdings schon jetzt ab:

Christian Fühner: Hat hier jemand „Schulstrukturreform“ gesagt? | Foto: Screenshot/PlenarTV/nkw
  • Opposition befürchtet Schulstrukturreform: CDU-Bildungspolitiker Christian Fühner macht sich die Kritik des Verbands Niedersächsischer Lehrkräfte (VNL) zu eigen und warnt vor einer „Strukturreform durch die Hintertür“. „Schulformen werden infrage gestellt und gegeneinander ausgespielt“, sagte er im Landtag und bezieht sich damit auf die vermeintlichen neuen Freiräume für die Oberschulen. Fühner erkennt in dem Angebot, jahrgangs- statt schulformbezogen zu arbeiten, nämlich eine Umwandlung der Oberschulen in Integrierte Gesamtschulen. Der CDU-Politiker meint, Ministerin Hamburg wolle die Oberschule in ihrer jetzigen Form abschaffen und einseitig die IGS stärken. Weil die Oberschulen personell besonders schlecht ausgestattet seien, werde der Druck zur Anpassung erhöht. Fühner vertritt außerdem die Position, dass die Kultusministerin den Förderschulen abspreche, inklusive Bildung anzubieten. Er spricht von einem Angriff auf diese Schulform. Die Bemühungen um die Berufsorientierung sind aus Fühners Sicht unzureichend. Er fordert, die BO-Beauftragten an den Schulen wieder einzuführen und sie mit Entlastungsstunden auszustatten. Den angekündigten Nachteilsausgleich und Notenschutz wolle sich die CDU-Fraktion genau anschauen und prüfen, welche Nachweispflichten dafür erforderlich sein sollen.


  • „Der letzte Winter darf sich nicht wiederholen“: Dass Niedersachsen eine gesetzliche Regelung zum Distanzunterricht bekommen soll, wird seitens der IHK Niedersachsen ausdrücklich gelobt. Es dürfe sich in Zukunft nicht wiederholen, dass der Unterricht ausfällt, bloß weil die Schule witterungsbedingt geschlossen bleiben muss, findet Silke Richter, IHKN-Sprecherin für Schul- und Hochschulpolitik. Sie warnt jedoch: Die Corona-Pandemie habe gezeigt, dass beim Distanzunterricht vor allem die schwächeren Schüler schnell verlorengehen können. Es komme daher auf die Umsetzung an, die Berufsstartkompetenz darf darunter nicht leiden: Auch der virtuelle Unterricht müsse qualitätsgesichert sein. Entscheidend dafür sei einerseits die technische Ausstattung von Schule und Schülern. Hier setzt die IHK-Abteilungsleiterin auf Investitionen durch den Digitalpakt-II. Andererseits müssten aber auch die Lehrkräfte entsprechend geschult werden. Im Entwurf für das neue Schulgesetz fehlt ihr an dieser Stelle noch ein entscheidender Punkt, nämlich die Verpflichtung für den Lehrkörper, sich im Bereich der digitalen Lernformate fortzubilden.
IHKN-Bildungsexpertin Silke Richter bewertet die Novelle aus Sicht der Wirtschaft. | Foto: Silke Richter/Studioline
  • Mehr Orientierung auf den Bildungswegen: Dass die berufliche Orientierung im neuen Schulgesetz zentral verankert wird, findet IHKN-Bildungsexpertin Silke Richter sehr gut. Doch auch hier kommt es auf die praktische Umsetzung an, warnt sie. Das Schulgesetz verbleibe allgemein auf einer sehr übergeordneten Ebene. Deshalb setzt sie darauf, die Themen weiterhin eng zu verfolgen. Dazu zählt auch die Frage, wie Bildungsverläufe besser im Blick behalten werden können. Die Schulen stärker mit den Jugendberufsagenturen zu vernetzen und dort eine Datenweitergabe zu ermöglichen, hält Richter für einen richtigen Schritt. Aber die längst angekündigte Schüler-ID verweilt derzeit noch in weiter Ferne. Der Datenaustausch sei immerhin ein erster guter Schritt, damit das Wissen um Stärken und Schwächen der Schüler in den Übergangsphasen nicht verlorengeht, lobt sie. Für die Berufsschulen wünscht sich die IHK-Abteilungsleiterin allerdings noch viel mehr als das: Sprachförderung müsse dort als feste Aufgabe gesetzlich verankert werden, fordert sie. Damit einhergehen müssten dann zusätzliche Lehrerstellen.


  • Klassenräte sind den Schülern nicht genug: Der Landesschülerrat zeigt sich enttäuscht über den Gesetzentwurf, den Niedersachsens Kultusministerin jetzt ins Parlament gibt. Insbesondere bei der Einbindung der Schülervertreter in schulische Entscheidungsprozesse haben sie mehr erwartet. „Schülervertretungen dürfen nicht erst informiert werden, wenn alles entschieden ist“, sagt Matteo Feind, der Vorsitzende des Landesschülerrats. Der Vorschlag der Schülervertreter ging allerdings äußerst weit. Sie wollten, dass bei wichtigen Entscheidungen ein Einvernehmen mit der Schülervertretung herzustellen und im Konfliktfall auf Schlichtungsmechanismen zurückzugreifen sei. Doch auch bei kleineren Regelungswünschen gehen die Schülervertreter bislang leer aus, etwa mit ihrer Forderung nach verbindlichen Vorgaben zur Freistellung für die Schülerratsarbeit. Lob gibt es derweil für die verpflichtenden Klassenräte für alle Schuljahrgänge, die das neue Schulgesetz vorsieht. Dies stärke demokratische Lernprozesse im Schulalltag. Damit geben sich die Schülervertreter allerdings ebenso wenig zufrieden wie mit der gesetzlichen Verankerung der Geschäftsstelle des Landesschülerrats werde damit doch lediglich mit dem Landeselternrat gleichgezogen.


  • AfD beklagt „Machtverschiebung“: Dass das Schulgesetz die gesetzliche Grundlage für die Neuordnung der gymnasialen Oberstufe per Erlass legen soll, kritisiert Harm Rykena (AfD) scharf. „Das Parlament lehnt sich zurück, das Kultusministerium entscheidet“, sagte er. Inhaltlich kritisiert er, dass der Jahrgang 11 den Status als eigenständiges Bildungsjahr verliere und zu einem reinen Durchgangsjahr werden solle. Dass Politik/Wirtschaft in der elften Klasse künftig kein Pflichtfach mehr sein könnte, bezeichnet er als widersprüchlich vor dem Hintergrund der Bemühungen um die Demokratiebildung. Am Ausbau der Berufsorientierung stört den AfD-Politiker, dass der eigene bildungspolitische Anspruch der Gymnasien fehle. An den Grundschulen, fürchtet er, werden Leistungsstandards verwischt und Bildungsziele geschwächt.
Dieser Artikel erschien am 4.3.2026 in Ausgabe #042.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter

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