8. Juni 2020
Inneres

Wie der Katastrophenschutz die Schutzmasken-Reserven gesichert hat

Die Lage bei der Beschaffung von Schutzmasken und -kleidung war zu Beginn der Corona-Pandemie im März und April offenbar viel schwieriger als bisher bekannt. Das hat der Leiter des Katastrophenschutzzentrums im Innenministerium, Mirko Temmler, am Montag in der Landtags-Enquetekommission zur Gesundheitsversorgung mitgeteilt. Zu Beginn der Krise hätten die Mitarbeiter des Lagezentrums die völlig ungewohnte Erfahrung sammeln müssen, auf einem freien und nicht berechenbaren Markt auf die Schnelle Masken und Kittel kaufen zu müssen: „Wir bekommen täglich bis zu 300 Angebote für Masken, davon sind 95 Prozent unbrauchbar, weil die Betreiber unseriös sind oder die Qualität nicht ausreicht. Von den übrigen fünf Prozent bleibt dann nach stärkeren Verhandlungen auch nur noch ein kleiner Teil übrig.“ Zudem drohe die Gefahr, dass China als weltweit größter Produzent von Masken und Kitteln, sowie Malaysia als größter Hersteller von Einmalhandschuhen jederzeit bei einer Krise im Inland den Export wieder stoppen. „Es wäre ein Vorteil, eine eigene Schutzmaterial-Produktion in Deutschland zu haben“, fügte Temmler hinzu. Nur die günstigen Preise von Fernost könne man hier kaum darstellen.

Reserve an Masken hat aus der Not der Corona-Krise geholfen

Die möglichen Kosten des Aufbaus einer Vorratshaltung in Niedersachsen für die Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen in Niedersachsen bezifferte Temmler auf „80 bis 100 Millionen Euro“ für die erstmalige Anschaffung, die Unterbringung in einer Landeseinrichtung, die für Mitarbeiter des Landes schnell zugänglich ist. Berücksichtigt werden müsse, dass Masken und Kittel nicht unendlich haltbar sind und nach einer gewissen Zeit „umgewälzt“ werden müssen. Man müsse sie also verkaufen oder vernichten und dafür Ersatzmaterial anschaffen. Nach den Worten von Temmler war eine große Hilfe zu Beginn der Corona-Krise, dass das Land auf eine „sehr überschaubare“ Notfallreserve von 50.000 Masken zurückgreifen konnte. Diese seien eigentlich für einen möglichen kerntechnischen Unfall bestimmt gewesen, genauer für die Hilfskräfte, die dann die nötigsten Arbeiten hätten verrichten müssen. „Das hat uns in der Anfangsphase sehr geholfen, als sich Kliniken und Pflegeheime meldeten und um Amtshilfe beim Land baten.“ Aktuell sei ein Bestand an Schutzmaterial „für die nächsten Wochen oder Monate“ angelegt, dieses lagere beim Zentrallager des Katastrophenschutzes. Das seien 3000 Paletten. Bisher 400 Amtshilfeersuchen der 49 kommunalen Katastrophenschutzbehörden (Kreise und kreisfreie Städte) habe es bislang gegeben, zwölf Fahrerteams seien aktiv und hätten seit März 25.000 Kilometer zurückgelegt. Alle zwei Tage könne das zentrale Lager jede kommunale Behörde ansteuern und Material liefern – zur Not auch so, dass eine Bestellung nachmittags bis zum Abend des Tages erledigt werden kann.
Nicht der ganze Keller muss voll sein, aber man braucht schon eine Reserve, allein aus Arbeitsschutzgründen.
Nach Temmlers Worten sind im Katastrophenschutzzentrum 230 Mitarbeiter im Zweischichtsystem von frühmorgens bis spätabends tätig, inzwischen dauere dieser Zustand 99 Tage. Mitarbeiter von Bundeswehr, Technischem Hilfsdienst und Rettungsdiensten unterstützten die Arbeit. Die Mitarbeiter seien, wie aus den Aufzeichnungen im Einsatztagebuch hervorgehe, mit 21.000 Vorgängen befasst gewesen, die Hotline des Landes habe 42.000 Anrufe entgegengenommen – der längste habe anderthalb Stunden gedauert. https://soundcloud.com/user-59368422/unterschiedliche-corona-regeln-in-landkreisen-fuehren-zum-akzeptanz-problem In der Enquetekommission sprachen sich Prof. Hubert Meyer vom Landkreistag, sowie die Abgeordneten Uwe Schwarz (SPD) und Volker Meyer (CDU) für den Aufbau eines Zentrallagers an Schutzmaterial aus. Als Ergänzung zu den schon bestehenden Angeboten halte auch er das für sinnvoll, erklärte Temmler. Der frühere Gesundheitsdezernent der Region Hannover, Erwin Jordan (Grüne) äußerte Skepsis und meinte, man dürfe die bisher Verantwortlichen – Gesundheitsämter der Kommunen, jede Klinik und jedes Pflegeheim – nicht aus ihrer Pflicht entlassen, selbsttätig das Material zu bevorraten. „Nicht der ganze Keller muss voll sein, aber man braucht schon eine Reserve, allein aus Arbeitsschutzgründen.“
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #107.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter