18. Dez. 2019
Inneres

Was tun gegen Clan-Kriminalität? Auch Entzug des Vermögens soll leichter möglich werden

Gegen das Auftreten krimineller Großfamilien, sogenannter Clans, will die Landesregierung entschiedener als bisher vorgehen. Sie hofft daher auch auf neue gesetzliche Regeln auf Bundesebene. So wird überlegt, ob der Einzug des Vermögens leichter als bisher möglich sein soll. In einigen Fällen fahren Mitglieder krimineller Banden größere Luxus-Autos, beziehen aber gleichzeitig staatliche Unterstützung. Schon seit zwei Jahren besteht die Chance, bei konkreten Verdachtshinweisen auf den kriminellen Ursprung des Vermögens (etwa über Drogengeschäfte) die Wertgegenstände zu beschlagnahmen und vorläufig sicherzustellen. Der endgültige Entzug geschieht häufig erst nach der Verurteilung, und zwar unabhängig vom Schuldspruch zu einem bestimmten Delikt. Mit der Umkehrung einer Beweislast wäre es möglich, den Entzug des Vermögens der Verdächtigen zu erleichtern: Nicht der Staat müsste ihm dann belegen, dass er seinen Wertgegenstand mit gestohlenem Geld erworben hat, der Betroffene selbst müsste die einwandfreie Herkunft nachweisen. Die Umsetzung einer solchen Absicht in das Strafrecht stößt allerdings auf nicht unerhebliche verfassungsrechtliche Schwierigkeiten, wie Sebastian Zinke (SPD) hervorhob.
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Im Landtag sind sich unterdessen die Fraktionen einig, die Clan-Kriminalität stärker als bisher in den Blick nehmen zu müssen. In aktuellen Debatten, die von der CDU und von der AfD angemeldet wurden, kam das Thema gestern zur Sprache. Uwe Schünemann (CDU) sagte, nur eine Null-Toleranz-Strategie sei hier vertretbar, jedes Vergehen müsse von Anfang an konsequent verfolgt werden. Clan-Kriminalität zeichne sich aus durch das Agieren größerer vernetzter Menschengruppen, die sich gut abschotten und gegenüber ihren Opfern mit Schutzgelderpressung, Bedrohung und Einschüchterung arbeiten. Oft werden Polizisten unter Druck gesetzt. Marco Genthe (FDP) erwähnte die Ermordung eines Syrers in Sarstedt (Kreis Hildesheim) vor sechs Jahren. Angehörige der Familie des Täters, eines Deutsch-Libanesen, sollen den Richter massiv eingeschüchtert haben, dieser soll noch nach seiner Pensionierung Polizeischutz benötigt haben. Schünemann lobte, dass schon im März 2018 eine enge Kooperation zwischen Polizei und Justiz mit Blick auf die Clans vereinbart wurde. In jeder Staatsanwaltschaft gibt es einen besonderen Ansprechpartner – meistens jemand mit Erfahrung in der Bekämpfung der Organisierten Kriminalität. Im Etat für 2020 werden noch einmal neun Stellen zur Verstärkung dieser Arbeit in der Justiz geschaffen. Justizministerin Barbara Havliza sagte, die Amtsträger in Politik, Polizei, Behörden und Gerichten müssten besser geschützt werden. So sei zu überlegen, ob schon die Bedrohung mit einem Vergehen (statt bisher mit einem Verbrechen) zur Strafbarkeit führt – und damit das Eingreifen der Polizei ermöglicht. Da diese Hürde derzeit noch besteht, sind viele Einschüchterungsversuche („Wir wissen, wo Du wohnst“) gegenwärtig nicht strafbar.

Polizisten können leichter eine „Auskunftssperre“ bekommen

Innenminister Boris Pistorius (SPD) sagte, der Staat müsse bei der Bedrohung der Polizisten durch Clan-Mitglieder „besonders wachsam“ sein. Auch wenn solche Fälle nicht zugenommen hätten, seien solche Entwicklungen „völlig inakzeptabel“. Die Polizei tue alles, diese Strukturen in den Blick zu nehmen – und schon seit 2013, früher als andere Länder, habe man entsprechende Lagebilder entwickelt. Leichter als bisher könnten die Polizisten eine „Auskunftssperre“ bekommen, wenn sie in sensiblen Bereichen eingesetzt werden. Das heißt, sie könnten erreichen, dass Außenstehende ihre Adresse und Telefonnummer nicht erfahren können. Eine Verbesserung dieses Schutzes hatte zuvor Jens Ahrends (AfD) gefordert. Der FDP-Politiker Genthe sagte, der Ruf nach neuen rechtlichen Regeln sei einfach, da er den Staat nichts koste. Wirklich nützlich seien jedoch mehr Polizisten, mehr Staatsanwälte und mehr Haftplätze, damit die Justiz auch konsequent handeln könne. Nordrhein-Westfalen habe hier viel entschlossener gehandelt und mehr neue Stellen geschaffen als Niedersachsen. Helge Limburg (Grüne) wies die Anregung der AfD zurück, Clan-Mitgliedern mit mehreren Staatsbürgerschaften, die kriminell geworden sind, die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen. „Viele Täter haben doch nur die deutsche Staatsbürgerschaft, das bringt also nichts. Wir dürfen den Blick auch nicht nur auf die Bekämpfung richten, wir müssen erreichen, dass Kinder gar nicht erst in einer Umgebung aufwachsen, in denen das staatliche Gewaltmonopol nicht mehr akzeptiert wird“, sagte Limburg.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #226.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter