5. März 2026 · 
KommentarKultur

Was ich von Männern gelernt habe

Männer wissen, dass es im Leben keine Fleißsternchen gibt. Eine Hommage an das entspannte Geschlecht.

Eine Frau im TV? Konnte Mann sich lange nicht vorstellen. | Foto: Orbon Alija via GEtty Images

Bedächtig wiegte der Mann den Kopf hin und her. Frauen als Journalistinnen? Im Fernsehen gefällt ihm das nicht. „Die Stimmen sind immer so schrill.“ Die anderen Herren widersprachen nicht. Eben hatte mein Vater seinen Kollegen erzählt, dass seine Tochter ihr Studium abgeschlossen und einen Platz an der Journalistenschule bekommen hat. Ich glaube schon, dass er stolz war. Jetzt sagte keiner etwas. Die Herren wechselten das Thema.

Mir kam das in dem Moment gar nicht seltsam vor. Mit dem Gefühl, dass es vieles gibt, was ich nicht sein oder werden sollte, bin ich aufgewachsen. Frauen als Chefinnen? Furchtbar! Frauen am Altar? Um Gottes Willen! Frauen mit Schuhgröße 41? Geht gar nicht! Also wappnete ich mich. Wo auch immer ich hinwollte, rechnete ich mit Widerstand – und war erstaunt, wenn es gut lief. Dann dachte ich, es müsste ein Fehler passiert sein.

Gelassenheit habe ich von Männern gelernt. Wie hätte ich sie auch von Frauen lernen können, die alle mehr oder weniger genauso aufgewachsen sind wie ich. Vielleicht war es bei der einen mehr die Familie, bei der anderen der Freundeskreis, die Schule oder die Medien, die sie geprägt haben. Aber falsch, so wie wir sind, waren wir alle. Ich glaube, das ist der Grund, warum sich etwas in uns verkrampft, wenn es drauf ankommt.

Wo ich wohne, sind die Straßen eng und unübersichtlich. Am reibungslosesten laviert man zwischen Einbahnstraßen, Ausfahrten und Baustellen, wenn man Blickkontakt mit anderen Verkehrsteilnehmern hält. Aber wenn jemand hinter seinem Lenkrad lächelt und Handzeichen macht, dann ist es mit ziemlicher Sicherheit ein Mann. Ich denke immer, dass die Frauen so mit ihrer „Mental Load“ beschäftigt sind oder mit Selbstkritik, dass sie mich gar nicht wahrnehmen. Ich bin nicht besser: Manchmal übernimmt mein Lieblings-Beifahrer das Winken, weil ich es vergesse.

Wenn ich über Geld und andere Ressourcen verhandeln muss, dann tue ich das mit zusammengebissenen Zähnen. Dass das herüberkommt wie eine Aufforderung, dagegen zu halten, ist mir klar. Der Lieblings-Beifahrer dagegen plaudert und scherzt, denn er zweifelt keinen Moment daran, dass er bekommen wird, was er möchte. Oder ein anderes Beispiel: Unser Chefredakteur ist immer bestens informiert, wie Sie wissen. Ich habe ihn mal nach einem Tipp gefragt. Er antwortete: „Ich bin einfach da und lasse mich ansprechen.“ Können Sie sich eine Frau vorstellen, die einfach dasteht und sich ansprechen lässt? Eben. Wer lernen will, wie man das in Würde tut, muss es von Männern lernen.

Der Bundeskanzler hat sich keine Freundinnen damit gemacht, dass er sagte: „Wir Männer haben eine bessere Begabung und Befähigung, Netzwerke zu bilden und uns gegenseitig auch zu unterstützen.“ Ich hasse es, das zu schreiben, aber er hat nicht Unrecht. Frauen konkurrieren miteinander auf Feldern, auf denen es nichts zu gewinnen gibt (wer den kompliziertesten Kuchen für den Kindergeburtstag bäckt oder wer es ohne Hormontabletten durch die Wechseljahre schafft), und sind einander die schärfsten Kritikerinnen. Das hat natürlich Gründe. Wir haben gelernt, dass Ressourcen von Männern verteilt werden und dass andere Frauen die Konkurrentinnen um diese Ressourcen sind. Es konnte nur eine Madame de Pompadour oder eine Anne Boleyn geben. Heute fällt uns das auf die Füße. Jetzt würde ich gerne behaupten, dass ich das Netzwerken von Männern gelernt habe. Aber das wäre gelogen. Wahrscheinlich passiert das Netzwerken immer gerade dann, wenn Frauen nicht dabei sind.

Manche sagen, in ein oder zwei Generationen werde die Benachteiligung von Frauen herausgewachsen sein. Mädchen machen ja jetzt schon die besseren Schulabschlüsse. Ich gönne es den Mädchen von Herzen, aber ich fürchte, so einfach ist es nicht. Mädchen sind besser an das System Schule angepasst, Männer an das Leben (oder vielleicht eher: das Leben an die Männer). Mädchen wissen, wann es gilt, still zu sitzen und die erwartete Antwort zu geben. Männer wissen, dass es im Leben keine Fleißsternchen gibt. Sie gehen seltener zum Arzt und bekommen trotzdem eher eine Krankschreibung – oder im Ernstfall einen Krankenwagen, der sie direkt in die Stroke Unit bringt.

Von Männern habe ich gelernt, sinnlose Dinge sein zu lassen. Mich auf die Dinge zu fokussieren, die, wie man heute sagt, „einen Unterschied machen“, und andere Menschen so sein zu lassen, wie sie sind. Was ich nicht lernen musste (obwohl es mich selbst wundert, wenn ich das alles über uns schreibe): Auf Frauen zu vertrauen. Ja, es ist manchmal kompliziert zwischen uns. Aber zusammen kriegen wir das hin, Schwestern!

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #044.
Anne Beelte-Altwig
AutorinAnne Beelte-Altwig

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