15. Dez. 2025
Blick in die WirtschaftWirtschaft

Was die Ernährungsindustriebarone am Standort Deutschland zweifeln lässt

Kosten, Bürokratie, Einzelhandel: Zwei Branchenriesen aus Niedersachsen erklären, warum der Standort Deutschland für die Ernährungsindustrie immer herausfordernder wird.

International kaum noch wettbewerbsfähig, von der Bürokratie ausgebremst und der Marktmacht des Einzelhandels ausgeliefert: Wenn Peter Wesjohann und Stefan Wernsing über die Ernährungsindustrie sprechen, dann fallen klare Worte. Im Roundtable der Beratungsfirma RSM Ebner Stolz und dem Agrar- und Ernährungsforum Nord-West (AEF) haben die beiden Industriemagnaten und Familienunternehmer aus dem Oldenburger Münsterland ein schonungslos offenes Lagebild der Branche gezeichnet. Wesjohann führt mit der PHW-Gruppe (4 Milliarden Euro Umsatz), bekannt vor allem durch die Marke Wiesenhof, das größte Geflügelunternehmen in Deutschland. Und auch die Feinkost-, Tiefkühl- und Convenience-Food-Produkte der Wernsing Food Family (1,9 Milliarden Euro Umsatz) sind in praktisch jedem Supermarkt zu finden.

Steht an der Spitze des größten deutschen Geflügelkonzerns: Peter Wesjohann von der PHW-Gruppe. | Foto: Timo Lutz/Team für Industriefotografie
  • Kosten treiben Unternehmen ins Ausland: „Für den heimischen Markt können wir mit unseren Konzepten noch überzeugen und auskömmliche Spannen erzielen. Sobald es aber um Exporte geht, geraten wir an Grenzen: Auf dem europäischen Markt oder gar in den Weltmärkten sind unsere Produkte schlicht zu teuer“, sagt PHW-Chef Wesjohann. Um international wettbewerbsfähig zu bleiben, brauche es ergänzende Standorte im Ausland. „Wir müssen unsere Risikostruktur diversifizieren – und das gelingt nur über Standorte in Ländern wie den Niederlanden, Polen oder Bulgarien.“ Eine Stärke sieht er dennoch im Inland: „Wir sind konzeptionell führend – wir verstehen Prozesse, Strukturen und Vermarktung wie kaum ein anderes Land.“

Das bekräftigt auch Stefan Wernsing. „Unsere Stärke liegt nicht in den niedrigsten Kosten, sondern in Qualität, Spezialisierung und Innovationskraft – und genau das macht Deutschland auch künftig zu einem attraktiven Investitionsstandort“, sagt der Unternehmer. Er verweist auf den großen Binnenmarkt, die hohe Verlässlichkeit in Geschäftsbeziehungen und den hohen Ausbildungsstand der Beschäftigten. Für die Nahrungsmittelbranche komme ein weiterer Faktor hinzu: „Gerade bei kühlpflichtigen und frischen Produkten haben wir einen Standortvorteil, weil Nähe zum Verbraucher entscheidend ist.“

Leitet einen der größten Hersteller von Feinkost- und Kartoffelprodukten in Deutschland: Stefan Wernsing. | Foto: Springer Photography
  • Bürokratie bremst Investitionen aus: Für Wernsing ist nicht nur der Kostenvergleich entscheidend, sondern vor allem die Geschwindigkeit staatlicher Verfahren. Sein Unternehmen errichtet derzeit zwei nahezu identische Werke – eines in Deutschland, eines in Dänemark. Der Unterschied sei frappierend. „In Dänemark sind wir mit den Genehmigungen ein ganzes Jahr schneller“, sagt er. Das Problem liege weniger in den Regeln als in der Kultur der Verwaltung. „Viele Sachbearbeiter möchten konstruktiv sein, trauen sich aber nicht, Entscheidungen zu treffen. Diese Haltung lähmt das System. Für Investoren bedeutet das: Wer in Deutschland bauen oder erweitern will, muss mit enormem Zeit- und Kostenaufwand rechnen – und mit einer Administration, die mehr bremst als unterstützt."

Eine Studie von RSM Ebner Stolz im Auftrag des AEF bestätigt diese Einschätzung. Demnach nennen 52 Prozent der befragten Unternehmen bürokratischen Aufwand und steigenden Regulierungsdruck als extreme Herausforderung. Knapp 80 Prozent sehen Vorgaben wie die EU-Entwaldungsverordnung, das Lieferkettengesetz oder das ESG-Reporting als zentrale Investitionsbremse. Über 50 Prozent der Unternehmen denken inzwischen über Standortverlagerungen nach. Die Analyse beschreibt Deutschland als „gefesselten Riesen“: stark und kompetent, aber durch Verfahren, Nachweispflichten und Zuständigkeitsdickicht massiv ausgebremst. Für viele Betriebe sei nicht Kapital das Problem, sondern fehlende Verlässlichkeit. Langwierige Genehmigungen und politische Volatilität führen dazu, dass Investitionen verschoben oder ganz aufgegeben werden.

  • Marktmacht des Handels so groß wie nie: „Der Handel hat eine Macht entwickelt, die weit über die Preisbildung hinausgeht – auch wenn man fairerweise sagen muss: Diese Entwicklung sehen wir inzwischen in vielen europäischen Märkten", sagt Wernsing. Für Hersteller sei die Abhängigkeit enorm. „Wer bei einem dieser Händler aus dem Regal fällt, verliert im Zweifel sofort 20 bis 25 Prozent seines Absatzes. Das kann sich keiner leisten.“ Wernsing erkennt zwar an, dass der Handel damit auch seine Aufgabe wahrnimmt, die Nachfrage zu bündeln und die Interessen der Verbraucher zu vertreten. Das führe im produzierenden Gewerbe aber zu einer Gegenreaktion: „Diese Macht führt zwangsläufig dazu, dass sich auch die Industrie stärker konzentriert – kleinere Anbieter geben auf oder schließen sich größeren Gruppen an, um überhaupt noch Verhandlungsmacht zu haben.“ Seine Botschaft an Investoren fällt entsprechend deutlich aus: „Wer in Deutschland erfolgreich sein will, muss den Handel als starken Partner anerkennen und zugleich seine Risiken breit streuen – sei es über mehrere Märkte, über Nischenprodukte oder über technologische Alleinstellungsmerkmale.“
Das Konsumverhalten hat sich geändert, die Ernährungsindustrie muss sich anpassen. | Grafik: RSM Ebner Stolz

Die Ebner-Stolz-Analyse bestätigt dieses Bild einer strukturellen Asymmetrie. Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen sieht in der Dominanz des Handels einen wesentlichen Grund dafür, dass steigende Kosten kaum an den Markt weitergegeben werden können. Der Bericht beschreibt ein enges Korsett aus Margendruck, hohen Anforderungen an Qualität und Lieferfähigkeit sowie einer ausgeprägten Abhängigkeit von wenigen Handelsketten. In Kombination mit gestiegenen Energie- und Rohstoffkosten entsteht nach Einschätzung der Studienautoren ein Umfeld, das Investitionen zwar erzwingt, aber zugleich erschwert – und damit die gesamte Branche in ihrer Entwicklung bremst.

  • Digitalisierung als ungenutztes Potenzial: Für Stefan Wernsing steht fest, dass digitale Technologien der Branche spürbare Entlastung bringen könnten – vorausgesetzt, die Infrastruktur stimmt. „Nur wenn Infrastruktur, Konnektivität und Datenzugang funktionieren, können autonome Landmaschinen, smarte Sensorik oder KI-gestützte Anbauverfahren ihre Wirkung entfalten“, sagt er. „Ohne stabiles Internet nützt die beste Technik nichts – dann bleibt der Landwirt gezwungen, selbst auf dem Traktor zu sitzen, statt Ressourcen effizienter einzusetzen.“ Peter Wesjohann sieht im technologischen Fortschritt einen entscheidenden Faktor, um die hohen Kosten am Standort auszugleichen. „Wer in Deutschland produziert, braucht daher effiziente Strukturen – und das gelingt nur durch konsequente Investitionen in Robotik, digitale Systeme und intelligente Steuerung“, sagt er. „Wettbewerbsfähigkeit sichern wir nicht über niedrigere Löhne, sondern über Technologieeinsatz, Prozessintelligenz und die Bereitschaft, uns kontinuierlich weiterzuentwickeln.“

Die Branchenumfrage zeigt folgendes Bild: Zwar investieren rund 80 Prozent der Unternehmen in Automatisierung, doch 60 Prozent halten den Fortschritt für zu langsam. 52 Prozent sehen fehlende Strategien und Zuständigkeiten als zentrales Hindernis. KI-gestützte Sensorik, digitale Prozessketten und automatisierte Dokumentation könnten erhebliche Effizienzgewinne bringen, werden aber vielerorts nur punktuell umgesetzt. Die Studie beschreibt die Branche als „digitalen Flickenteppich“ – mit großem Potenzial, das bislang nur selten in der Breite genutzt wird.

  • Was der Standort jetzt braucht: Für Wesjohann stehen drei Punkte ganz oben auf der politischen Agenda. „Wir brauchen weniger Formalismus und mehr Handeln. Berichtspflichten, die nur für die Schublade sind, helfen niemandem“, sagt er. Zweitens sei die Bildung entscheidend. „Ohne solide Grundlagen wie Lesen, Schreiben und Rechnen verliert jedes Land langfristig an Wettbewerbsfähigkeit.“ Und drittens müsse Arbeit sich wieder stärker lohnen: „Menschen brauchen mehr von ihrem Einkommen zur freien Verfügung. Das stärkt Eigenverantwortung, Konsumkraft und die Bereitschaft, Leistung zu bringen.“

Auch Wernsing hält Lohnverzicht für den falschen Ansatz. „Es ist weder realistisch noch vermittelbar, einem Mitarbeiter zu erklären, dass er morgen weniger verdienen soll, nur weil in Indien jemand für ein Zehntel arbeitet. Der Hebel liegt nicht in der Kürzung, sondern in der Produktivität.“ Das System setze jedoch falsche Anreize. „Wer besser arbeitet und mehr leistet, bekommt am Ende dasselbe wie alle anderen. Und wer mehr arbeiten möchte, stößt schnell an gesetzliche Grenzen.“ Sein Vorschlag: Vergütung müsse stärker an Leistung gekoppelt werden. „Aktuell nivellieren wir zu sehr – gute und weniger gute Leistungen werden gleichbehandelt. Das demotiviert.“

Dieser Artikel erschien am 16.12.2025 in Ausgabe #224.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link