21. Juli 2026 · 
SerieGesundheit

Warum der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung mit gemischten Gefühlen in die Sommerferien geht

Wie nutzen die Politiker und Entscheider die Mittagspause in Hannover? Gehen sie in die Kantine oder in ein Restaurant? Heute: Mark Barjenbruch.

Vielleicht kein Geheimtipp, aber jedenfalls für Eingeweihte: Dass sich im ersten Stock der Ärztekammer Niedersachsen in Hannover eine Kantine befindet, in der jedermann essen kann, muss man schon wissen. Kein Essensgeruch weist den Weg, aber immerhin ein Aufsteller mit dem Menüplan des Betreibers „Essklasse – Catering & Gastronomie“ im Foyer. Mark Barjenbruch isst nicht oft hier. Aber als Nachbar ist der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) bekannt: Beim Kantinentester-Selfie bieten gleich einige Gäste ihre Hilfe an. Barjenbruch bleibt bei einem anderen Gast kurz stehen, gratuliert zum Dienstjubiläum.

Ein Mann im Sakko sitzt lächelnd vor einem Tablett mit Essen. Im Hintergrund sitzen einzelne Gruppen von Essern.
KVN-Vorsitzender Mark Barjenbruch in der Kantine der Ärztekammer. | Foto: Beelte-Altwig

Auf dem Speiseplan stehen zwei warme Gerichte: „Knusprig gebackene Hähnchen-Frühlingsrolle auf asiatischer Gemüse-Reispfanne mit Hoisin, Sesam und Chiliflocken“ und „Deftiges Paprika-Tomaten-Gulasch mit pflanzlichem Kümmel-Dip & Fladenbrot“. Beides kostet für Gäste je 8,30 Euro, für Beschäftigte 7,30 Euro. Außerdem gibt es einen Salat mit Hähnchenspieß zur Auswahl und Mousse au Chocolat als Dessert. Eingeweihte kennen und sehr aufmerksame Beobachter bemerken noch eine Alternative: Ein Schild auf dem Tresen wirbt für Currywurst vom „Lübchiner Strohschwein“ mit Pommes. Die Reporterin bestellt: „Das vegane Essen, bitte“. Die Frau hinter dem Tresen korrigiert: „Vegetarisch!“ Hm, dabei steht „vegan“ auf dem Speiseplan. Denkbar, dass in dieser Situation der Puls von Veganern ansteigt (die Reporterin, die auch Milch- und Ei-Produkte mag, bleibt gelassen).

Apropos Puls: Ernähren Ärzte sich eigentlich gesünder als andere Menschen? Barjenbruch wiegt kurz den Kopf, dann sagt er: „Ich denke, sie sind ein Spiegelbild der Gesellschaft.“ Die meisten, die hier essen, seien ohnehin keine Ärzte, ergänzt er, sondern Mitarbeiter in der Verwaltung. Häufiger als hier isst Mark Barjenbruch mittags asiatisch – oder einen Salat aus der mitgebrachten Lunchbox, erzählt er. Im vorigen Jahr hat er sich an eine Ernährungsumstellung gewagt: Ketogen, also extrem arm an Kohlenhydraten, „aber ein schönes Stück Fleisch geht“. Mittlerweile ist er wieder großzügiger zu sich selbst und erlaubt sich einen Apfel zum Joghurt, auch wenn der eigentlich schon zu viele Kohlenhydrate enthält.

Einige Tische sind besetzt, doch man würde in dem modernen, schmucklosen Ambiente kurz vor den Sommerferien problemlos noch Platz finden. Auf der Terrasse ist es offenbar allen zu sonnig. Früher, berichtet Mark Barjenbruch, haben die KVN und Ärztekammer gemeinsam eine Kantine betrieben. Doch seit Corona arbeiten immer mehr Kollegen im Homeoffice, außerdem sei es eine Gerechtigkeitsfrage, denn andere Niederlassungen hätten keine Kantine. Deswegen betreibt die Ärztekammer in ihrem 2023 fertiggestellten Neubau die Kantine alleine.

Ein gläserner Tresen mit Desserts. Ein Aufsteller wirbt für Currywurst mit Pommes.
Wer nicht nur den Speiseplan liest, sondern auf die Werbung am Tresen achtet, entdeckt die Currywurst. | Foto: Beelte-Altwig

Der Unterschied zwischen Ärztekammer und KVN ist für Außenstehende nicht leicht zu durchschauen. Berend Groeneveld vom Landesapothekerverband brachte es neulich so auf den Punkt: Die Kammer sei zuständig für die „Ethik“, der Berufsverband für die „Monetik“. Auf die Mediziner übertragen bedeutet das: Die Ärztekammer regelt, wer als Arzt oder Facharzt praktizieren darf und welchen ethischen Grundsätzen Ärzte verpflichtet sind. Die KVN hat den Auftrag, die ärztliche und psychotherapeutische Versorgung flächendeckend in Niedersachsen sicherzustellen. Auf Bundesebene verhandelt die Kassenärztliche Vereinigung die Arzt- und Psychotherapeutenhonorare mit den Krankenkassen.

"Ärzte und Juristen sind manchmal wie Hund und Katze."

In diesem Jahr geht Mark Barjenbruch mit einem zwiespältigen Gefühl in die Ferien, erzählt er: Einerseits freut er sich auf den Familienurlaub mit den erwachsenen Kindern. Andererseits drückt das Gesetz zur Stabilisierung des Beitragssatzes der Gesetzlichen Krankenversicherung auf seine Stimmung. Die niedergelassenen Ärzte protestieren seit Monaten vehement dagegen. „Es betrifft die einzelnen Fachrichtungen sehr unterschiedlich. Das belastet die Kassenärztliche Vereinigung“, berichtet er.

Umsatzeinbußen von bis zu dreißig Prozent befürchten diejenigen Mitglieder, die viele Terminvermittlungen angenommen haben. Der Hausarzt muss dafür einen „Übermittlungscode“ auf der Überweisung angeben. Fachärzte, die Patienten mit einem solchen Code behandelt haben, erhielten bisher einen Bonus – der jetzt gestrichen werden soll. Das betrifft besonders Hals-Nasen-Ohrenärzte, Kardiologen und Pulmologen. „Ich bin schon lange dabei“, kommentiert Mark Barjenbruch. „Aber ich habe mich bisher bei keinem Gesetz so aufgeregt.“ Denn gleichzeitig plant die Bundesregierung, ein Primärarztmodell einzuführen, in dem Überweisungen durch den Hausarzt wahrscheinlich eine zentrale Rolle spielen werden. „Das System, das jetzt zerstört wird, muss dann wieder neu aufgebaut werden“, kritisiert Barjenbruch.

Zwei Tabletts mit Kantinenessen und Softdrinks. Auf einem liegt ein Notizblock mit der Aufschrift: "Praxen nicht kaputtsparen".
Unschwer zu erraten, welches das Tablett von Mark Barjenbruch ist. | Foto: Beelte-Altwig

Der Jurist arbeitet schon seit 1996 für die KVN. 2011 wurde er Vorstandsvorsitzender – trotz oder vielleicht sogar wegen seiner Bewerbungsrede, in der er einen Arztwitz platzierte: Da ruft jemand in die ehrfürchtige Stille des Konzerthauses hinein nach einem Arzt. Als sich ein Mediziner meldet, fragt die Stimme aus der Dunkelheit begeistert: „Ach, Herr Kollege, ist das nicht ein herrliches Konzert?“ „Ärzte und Juristen sind manchmal wie Hund und Katze“, meint Barjenbruch. Ärzte wollen heilen, Erfolge sehen – und Juristen finden das Haar in der Suppe: den Kunstfehler, die drohende Klage. „Vielleicht ergänzen wir uns deswegen ganz gut“, überlegt der Vorsitzende.

Nach der Sommerpause haben die Kassenärzte noch das Notdienstgesetz „vor der Brust“, erzählt Barjenbruch. Er versteht nicht, warum sich der Bund nicht ein Beispiel an dem Kassenärztlichen Bereitschaftsdienst nimmt, den Niedersachsen 2025 erfolgreich reformiert hat. „Wir waren selbst überrascht, dass achtzig Prozent der Notfälle per Videosprechstunde behandelt werden können“, berichtet er. Stattdessen plane der Bund aber, Doppelstrukturen aufzubauen: Telemedizin auf der einen, mobiler Bereitschaftsdienst auf der anderen Seite. „Ich zeige dann immer ein Foto von unserer Garage und sage dazu: Schauen Sie, wir haben hier keine zusätzlichen Ärzte geparkt“, seufzt Barjenbruch.

Die meisten Menschen, die ein Gulasch bestellen (auch wenn es ein vegetarisches ist), hoffen wahrscheinlich auf etwas Proteinhaltiges in Streifen oder Stücken. Diese Hoffnung erfüllt sich hier nicht: Was in Streifen geschnitten wurde, und zwar nicht solche der mundgerechten Art, ist nur die Paprika. Das Ganze wird als eine Art Eintopf serviert, was es schwierig zu essen macht. Der Dip schmeckt eher pflanzlich als milchig und ist besser gewürzt als das „Gulasch“. Mark Barjenbruch hat sich für die Frühlingsrolle entschieden und bleibt ein höflicher Gast. Der Reis mit untergerührten Möhrenscheiben und Kaiserschoten, der der Reporterin etwas matschig erscheint, könnte so eine Art Sushi-Reis sein, überlegt er. Die Reporterin bohrt nach: Die Soße? „Sehr salzig.“ Das Hähnchen in der Frühlingsrolle? „Das hatte ich schon wieder vergessen.“

  • Mitarbeitercasino der Ärztekammer Niedersachsen, Berliner Allee 20, 30175 Hannover. Geöffnet Montag bis Freitag 7.00-15.00 Uhr.


  • Fazit: Okay, aber keine Offenbarung. Mehr Auswahl in vegan und vegetarisch wäre schön. Bei der Ärztekammer hätte man mehr Fokus auf gesunde Ernährung (salzarm, proteinreich) erwartet. Das Ambiente in dem 2024 eröffneten Neubau ist überraschend unspektakulär.

Anne Beelte-Altwig
AutorinAnne Beelte-Altwig

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