
Nach der Tarifeinigung in der Stahlindustrie kann sich die Branche wieder auf wichtigere Aufgaben konzentrieren. „Wir müssen jetzt mit allem, was wir haben, daran arbeiten, den CO2-Ausstoß runter zu kriegen“, sagt Alexander Becker. Der Vorstandsvorsitzende der Georgsmarienhütte Holding GmbH (GMH) versichert, dass die Industrieunternehmen in Deutschland den Klimawandel endlich ernst nehmen, was vor einigen Jahren noch nicht der Fall gewesen sei. „Wir haben damals zwar auch immer gesagt: Wir arbeiten nachhaltig, Sustainability ist wichtig. Aber meistens haben wir uns nur angestrengt, wenn die Auditoren kamen. Dann haben wir die Poster an die Wand gehängt und das war’s dann mehr oder weniger“, verriet der GMH-Chef kürzlich bei einer Diskussionsrunde der IG Metall zur Energiewende.
Vor ein paar Jahren noch habe sich die gesamte Industrie kaum für die Dekarbonisierung interessiert – er übrigens auch nicht, räumte Becker selbstkritisch ein. „Das hat sich aber seit zwei bis drei Jahren wirklich gewandelt“, beteuerte der frühere Continental- und Thyssenkrupp-Manager, der seit einem Jahr die Geschicke des traditionsreichen Stahlkonzerns südlich von Osnabrück leitet. Auch bei BASF, e.on oder RWE habe ein Umdenken stattgefunden. „Wir haben alle gemerkt, so können wir in der Welt nicht mehr weitermachen“, sagte der 45-Jährige, dem seine Frau nach der Geburt der ersten Tochter ins Gewissen redete. „Sie hat zu mir gesagt: Schatz, du arbeitest jetzt seit fast 20 Jahren in der Automobilindustrie, verkaufst immer nur Motorteile, Bremsteile – wann machst du eigentlich mal was Ordentliches? Wann machst du mal was Gutes für diesen Planeten?“

Das Stahl- und Schmiedeunternehmen aus Georgsmarienhütte ist den Mitbewerbern bei der Nachhaltigkeit einen Schritt voraus. „Ich bin auch nur zur GMH gewechselt, weil sie das grünste Stahlwerk in Deutschland ist. Wir haben den ersten Schritt der Transformation schon hinter uns, weil wir bereits Elektroöfen haben“, sagte Becker. Nur die Schmelzöfen der Gießerei Harz Guss Zorge GmbH im Südharz werden noch mit Kohle statt mit Strom betrieben. „Da sind wir aber dran“, versprach der Konzernchef. Allerdings gibt es dabei ein Problem: Um den neuen, 15 Millionen Euro teuren Elektroofen ans Stromnetz anzuschließen, benötigt der Standort eine neue Stromleitung, die laut Becker rund 20 Millionen Euro kosten soll und nach Ansicht des Netzbetreibers von der Harz Guss Zorge GmbH bezahlt werden müsste.
„Das würde sofort dazu führen, dass das Unternehmen am Ende ist“, meinte der Konzernchef. Eine solche Investition sei für die Harzer Gießerei, die rund 500 Mitarbeiter beschäftigt und einen Jahresumsatz von etwa 100 Millionen Euro macht, nicht zu stemmen. Schon die Beschaffung des Elektroofens sei ohne eine 30-prozentige, öffentliche Förderung kaum möglich gewesen. Becker forderte daher: „Alles, was an Infrastruktur erforderlich ist, um in die erneuerbaren Energien zu kommen, muss der Staat zur Verfügung stellen. Das können Unternehmen nicht leisten – vor allem nicht die Mittelstandsunternehmen.“

„Die Elektrostahlroute verbraucht fünfmal weniger CO2 als die Hochofenroute“, rechnete der CEO vor. Der Konzern aus Georgsmarienhütte habe den Kohlendioxidausstoß pro Tonne Stahl bereits von 2 Tonnen CO2 auf 0,4 Tonnen zurückgefahren. Durch den Einsatz wäre laut Becker sogar eine zusätzliche Reduzierung auf 0,1 Tonnen möglich – wenn denn so viel grüner Strom verfügbar wäre. „Wir haben als GMH-Gruppe einen Stromverbrauch von einer Terrawattstunde pro Jahr“, berichtete Becker. Damit liege der Konzern verbrauchsmäßig zwischen der 165.000-Einwohner-Stadt Osnabrück (0,85 TWh/a) und dem VW-Werk Wolfsburg (1,6 TWh/a). Für die Unternehmensgruppe sei es deswegen auch sinnvoll, zumindest teilweise zum Eigenversorger von grünem Strom zu werden.
„Wir werden in den nächsten Jahren Stück für Stück alle Freiflächen, die wir haben, mit Photovoltaik-Anlagen ausstatten“, kündigte Becker an. Doch selbst wenn auf dem vier Millionen Quadratmeter großen Firmengelände an jeder möglichen Stelle eine PV-Anlage stünde, würde das nur 5 Prozent des Strombedarfs decken. „Wir brauchen die Windkraft, wir müssen sie so schnell wie möglich in Deutschland vorantreiben“, betonte der CEO und ärgerte sich über die hohen Genehmigungshürden. „Wir haben jetzt die Chance gehabt, 20 Windkrafträder vor unserem Stahlwerk zu bauen.“ Das sei auf dem ehemaligen Bundeswehrgelände aber nicht möglich, weil es als Waldvorranggebiet eingestuft wurde. „So werden wir nicht vorankommen“, kritisierte Becker.

Die Salzgitter AG ist bei der Dekarbonisierung noch nicht ganz so weit wie der Mitbewerber aus Georgsmarienhütte. Doch Deutschlands zweitgrößter Stahlkonzern nach Thyssenkrupp möchte zügig aufholen. „Salzgitter steht für ein Prozent der deutschen CO2-Emmissionen. Das kann so nicht bleiben“, sagte Konzernchef Gunnar Groebler und bekräftigte das Ziel, den Konzern bis Ende 2033 so gut wie klimaneutral zu machen. „Wir müssen unsere Industrie anders denken. Dass wir dabei den Strom aus erneuerbaren Quellen beziehen, ist selbstverständlich“, sagte der Konzernchef. Bisher erzeugt das Unternehmen seinen Strom weitgehend selbst, die Energie kommt von den Kuppelgasen der Hochöfen. Durch den Abschied von der Kohle werde die Salzgitter AG allerdings „von einem Eigenversorger zu einem Beschaffer von grünem Strom“.
Die neuen Energieformen wird das Unternehmen in riesigen Mengen importieren müssen. „Ist das ein Problem? Für mich grundsätzlich erstmal nicht, denn auch heute kaufen wir Kohle und Gas auf dem Weltmarkt“, sagte Groebler. Die größte Schwierigkeit sieht er darin, einen Leitmarkt für grünen Wasserstoff zu schaffen. „Wir werden am Anfang aufgrund des hohen Wasserstoffpreises etwas teurer in der Produktion sein als die graue Route. Wenn wir aber grünen Stahl wollen, dann müssen wir dieses Delta ausgleichen“, sagte der Salzgitter-Chef und nannte Klimaschutzverträge als einen Baustein, um das Markthochlaufen zu ermöglichen. Letztlich müssten aber auch die Kunden mitspielen. Groebler: „Wir sehen heute ein Interesse an grünem Stahl. Wir sehen auch eine gewisse Bereitschaft, mehr dafür zu bezahlen als für grauen Stahl, weil die Unternehmen das bei ihren eigenen Kunden als Qualitätselement preislich umsetzen können.“

Umwelt- und Energieminister Olaf Lies (SPD) zeigte sich den Forderungen der Stahlunternehmer gegenüber aufgeschlossen. „Es kommt bei dieser Transformation auch auf Geschwindigkeit an. Die neue Deutschlandgeschwindigkeit muss zur Gewohnheit und nicht zur Ausnahme werden“, sagte Lies mit Blick auf die neuen LNG-Terminals an der Nordsee, die laut seiner Rechnung achtmal schneller als in einem gewöhnlichen Planungsverfahren entstehen werden. Als Gegenbeispiel führt er die Stromautobahn Südlink an, die selbst nur mit Schneckentempo vorankommt. „Das hat auch etwas mit dem Wohlfühlgefühl im Land zu tun. Veränderungen sind nicht so beliebt“, meinte Lies und sagte sehr deutlich: „Wir brauchen eine breite Mehrheit mit hörbarer Stimme und nicht eine laute Minderheit, die immer gegen alles ist. Wir können nicht gegen alles sein, was notwendig ist.“
Auch die Forderung Beckers, den „Strompreis dringend wieder einzufangen“, unterstützte der Energieminister. „Wir müssen beim Strompreis runter, ansonsten wird sich der Markt andere Standorte suchen, die nicht Deutschland sind“, bestätigte Lies. Spielraum sieht er bei der Stromsteuer. Die Einführung eines nationalen Industriestrompreises bewertete er allerdings als „ein bisschen schwierig“.
Laut dem niedersächsischen EU-Abgeordneten Bernd Lange (SPD) hat nicht nur in der Stahlindustrie, sondern auch in Europa ein Umdenken stattgefunden – „weg von der nationalen Energiepolitik zur europäischen“. Der Vorsitzende des Handelsausschusses im Europäischen Parlament freut sich auf neue regulative Möglichkeiten zum Eingriff in die Preisgestaltung und den Einkauf von Energie, die durch das Gesetzespaket „Fit for 55“ und den „Repower-EU-Plan“ geschaffen werden sollen. „Es ist eine absurde Situation, dass wir bisher Energieverträge nationalstaatlich organisiert und damit die ökonomische Macht der Europäischen Union gar nicht ausgespielt haben“, sagte Lange. Zudem werde durch die Neuregelungen die Dynamik für die Errichtung von erneuerbaren Energieträgern deutlich erhöht. In diesem Zusammenhang bemängelte der SPD-Politiker die nationale Gesetzgebung der Bundesrepublik.

„Man kann sich in Europa umgucken: Da ist Deutschland wirklich im Bremserhäuschen, was Genehmigungsverfahren betrifft“, sagte Lange und belegte seine Schelte mit folgendem Beispiel: „Jüngst hat das Oberverwaltungsgericht Lüneburg den Bau von drei Windkraftanlagen verboten, weil sie angeblich den Blick auf eine historische Windmühle verdecken würden. So absurd kann man Fortschritt verhindern, deswegen müssen wir da ran.“ Um die deutschen Stahlhersteller bei der Transformation zu unterstützen, kann sich der EU-Politiker vorstellen, dass etwa beim Autobau ein Mindestanteil von grünem Stahl vorgeschrieben wird. Zudem forderte Lange eine Änderung des EU-Beihilferechts, um punktgenaue Investitionen zu ermöglichen. Lange: „Die Investitionen müssen dort geschaffen werden, wo die industriellen Kerne sind. Und es darf nicht – wie bisher – nur in Regionen investiert werden, die wirtschaftlich besonders schwach sind.“


