5. Juni 2026 · 
TagesKolumne

Von New York nach Uplengen

Vom Parkett der Weltpolitik direkt nach Ostfriesland: Warum das Berliner Kanzleramt seine Prioritäten nach den jüngsten Pleiten jetzt ganz neu sortieren muss.

Es war eine harte Bruchlandung für Bundeskanzler Friedrich Merz und Außenminister Johann Wadephul (beide CDU). In New York fiel Deutschland bei der Wahl zum UN-Sicherheitsrat gleich im ersten Wahlgang gegen Österreich und Portugal durch, was man als das diplomatische Äquivalent zum Vorrunden-Aus bei einer Fußballweltmeisterschaft werten kann. Doch wer als Kanzler lieber im Bundestag den Haushalt debattiert, statt zur UN nach New York zu fliegen, und das Völkerrecht achselzuckend zum „Dilemma“ erklärt, darf sich über die Quittung nicht wundern. Die UN-Diplomaten stimmten am Ende für den Wiener Schmäh und portugiesische Gelassenheit statt für Berliner Belehrungen. Man kann es ihnen nicht einmal übelnehmen.

Fast zeitgleich vollzog sich ein bedeutungsschwerer Abstieg an der Börse: Die Porsche SE wurde aus der ersten Aktienliga – auch bekannt als Dax – nach unten in den MDax durchgereicht. Ein Unternehmenssprecher beeilte sich zwar sofort zu betonen, dass der Index-Abstieg ja gar nichts über die „fundamentale Stärke eines Unternehmens“ aussage. Doch da hätten die Stuttgarter auch gleich das Statement veröffentlichen können: „Wir haben zwar fast eine Milliarde Verlust gemacht, aber der Lack glänzt noch.“ Für die Sportwagenikone rückt der Baukonzern Hochtief nach, der gerade vom Rechenzentren- und Rüstungsgüter-Boom profitiert. Die Neunelfer, einst Höhepunkt deutscher Automobilbaukunst, werden nun schon von Serverschränken auf der linken Spur überholt.

Und während Deutschland global und ökonomisch schrumpft, sucht man in Niedersachsen das Heil im Regionalen. An der Oberschule Uplengen (Landkreis Leer) wird Plattdeutsch jetzt reguläre zweite Fremdsprache statt Französisch oder Spanisch. Kultusministerin Julia Hamburg feiert das als Meilenstein „zur Pflege der Sprachenvielfalt im Land“. Man kann es auch anders sehen: Wenn uns auf der Weltbühne ohnehin keiner mehr zuhört, ist es auch egal, ob wir Französisch oder Friesisch schnacken. Konsequenterweise könnte man die deutsche Außenpolitik künftig auch gleich im Kreishaus Leer miterledigen lassen. Friedrich Merz und Johann Wadephul sollten jedenfalls schon mal Vokabeln büffeln. Für das, was die beiden in New York abgeliefert haben, gibt es auf Plattdeutsch nämlich ein wunderbar präzises Wort: Schietkram.

Deutsche Außenpolitik könnte eigentlich auch im Kreishaus Leer gemacht werden – nur für den Parkraum wäre das eher ungünstig. | Foto: Landkreis Leer/mit KI bearbeitet

Doch auch diesseits von New York und Uplengen mangelt es nicht an Diskussionsstoff. Im heutigen Rundblick berichten wir über:

  • Demo mit Behördensegen: Am 12. Juni soll es in Hannover eine große Schüler-Demonstration geben. Als Mitveranstalter tritt die Stadt Hannover auf - und es ist fraglich, ob das überhaupt zulässig ist.


  • Das Erbe der Pandemie: Das "Covid-19-Forschungsnetzwerk Niedersachsen" stellt in einem Symposium seine Ergebnisse vor. Forscher aus Göttingen und Hannover beobachten ein "anhaltendes Verlusterleben".


  • Der Streit ums Image: Zwischen Drogenkriminalität und Karstadt-Leerstand streiten die OB-Kandidaten beim Arbeitgeberforum in Hannover über Sicherheit, Standortmarketing und den Weg aus dem Mittelmaß.


  • 110 Prozent gegen den Ausfall: Nicht 100 Prozent Unterrichtsversorgung solle das Ziel sein - sondern 110 Prozent. Nur so könne jeder Ausfall wirklich abgefedert werden, meint der Verband der Schuldirektoren.

Kaamt Se goot dör'n Dag – un maakt Se keen Schietkram!
Ihr Christian Wilhelm Link

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #103.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

Artikel teilen

Teilen via Facebook
Teilen via LinkedIn
Teilen via X
Teilen via E-Mail
Von New York nach Uplengen