Vor der Übung erklären die "Attentäter"-Darsteller, was gleich passieren wird. Die Polizisten kennen das Szenario nicht. Foto: Christian[/caption]
Mittlerweile trainieren Niedersachsens Polizisten überwiegend in Szenarien, die ihnen auch im Alltag begegnen. Das beginnt bei einem Streit mit dem Nachbarn, geht über einen Einsatz, in dessen Verlauf plötzlich jemand ein Messer zieht, und endet bei außergewöhnlichen Situationen wie einem Amoklauf oder einem Anschlag. Damit die Simulation möglichst real erscheint, kommen Geräusche und Übungsmunition zum Einsatz, etwa eine Art Platzpatronen oder Farbmunition. Diese Munition ist zudem so beschaffen, dass der Beamte diese auch durch die Uniform spürt, wenn er getroffen wurde. Systemisches Einsatztraining lautet der Fachbegriff für diese Art des Trainings. Ziel ist es, den Beamten nicht nur die notwendigen Fähigkeiten, sondern auch ein Gefühl für die Situation zu vermitteln. „Jeder einzelne Beamte soll verinnerlicht haben, wie er in einer solchen Situation reagieren muss“, sagt der im Landespolizeipräsidium für die Aus- und Fortbildung zuständige Sachbearbeiter, Jörg Franke.
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Die Statisten der Übung - Attentäter und Opfer - werden von angehenden Polizisten gemimt. Foto: Christian[/caption]
Selbstverständlich ist das nicht. Denn die Szenarien zur Terrorabwehr basieren auf den Übungen zu Amokläufen und Geiselnahmen. Und vor gut zehn Jahren war es noch üblich, das Gebäude mit den Tätern zuerst zu umstellen, auf Spezialkräfte zu warten und eine Kommunikationshierarchie aufzubauen, bevor man gegen die Angreifer vorging. Das ist längst anders. „Wer zuerst am Tatort ankommt, hat den Hut auf, denn er hat die meisten Informationen“, erklärt ein Bundespolizist, der die Übung im Hauptbahnhof begleitet. „Wie man in dem Szenario sieht, ist einfach keine Zeit, um erst mal Vorgesetzte zu verständigen und auf Anweisungen zu warten. Denn da s ermöglicht den Attentätern nur, weitere Menschen zu töten.“ Und so müssen einfache Streifenpolizisten lernen, die unübersichtliche Situation einzuschätzen, Wichtiges (die Attentäter kampfunfähig zu machen) von weniger Wichtigem (die Verletzten versorgen) zu trennen und die Verstärkung zu koordinieren, während sie gegen die Täter vorgehen.
Mindestens 40 Stunden Training innerhalb von zwei Jahren
Großangelegte Übungen wie die im Hauptbahnhof mit verschiedenen Akteuren wie Feuerwehr und Rettungsdienst kommen nicht häufig vor, das Thema Terror ist jedoch fester Bestandteil des regelmäßigen systemischen Einsatztrainings. Jeder Streifenbeamte muss innerhalb von zwei Jahren mindestens 40 Stunden Training absolvieren, das systemische Einsatztraining stellt den größten Teil dar. In allen Polizeidirektionen gibt es mehrere Standorte, an denen Situationen geübt werden, in die Polizisten kommen. Doch viele der Liegenschaften, wie etwa die Gebäude am Grünen Ring in Braunschweig, sind in schlechtem Zustand und die rund 8 Millionen Euro jährlich aus dem Landeshaushalt haben nicht ausgereicht, um den Sanierungsstau abzubauen. Deshalb wurde die Summe im vergangenen und im laufenden Jahr schon auf 15 Millionen Euro erhöht. [caption id="attachment_33686" align="alignnone" width="780"]
In der mobilen Waffenkammer tauschen die Beamten ihre echten Dienstpistolen gegen die Übungswaffen. Foto: Christian[/caption]
Allerdings plant das Innenministerium, das Problem der Trainingsstätten langfristig anders zu lösen. Erst vor zwei Monaten hat das Land ein leerstehendes Fabrikgelände in Oldenburg gekauft und lässt dort nun die fünf Industriehallen zu einem Trainingszentrum umbauen. Dort sollen künftig die Studenten des Akademiestandorts Oldenburg, die dort zukünftig stationierte Teileinheit des Spezialeinsatzkommandos (SEK), die Einheiten der Bereitschaftspolizei und die Streifendienstbeamten aus dem Raum Oldenburg trainieren. Aus Sicht des Innenministeriums bietet ein Trainingszentrum mehrere Vorteile vor einzelnen Standorten. Der wichtigste Faktor sind die Besitzrechte. Denn einige Übungsgebäude sind derzeit nur angemietet, nicht überall darf mit Farbmunition geschossen werden, und die sanitären Anlagen sind, wenn überhaupt vorhanden, teilweise in schlechtem Zustand. „In Oldenburg kann sich die Polizei künftig optimal zum Beispiel auf die Bewältigung von lebensbedrohlichen Einsatzlagen vorbereiten und wetterunabhängig nach ihren Bedürfnissen trainieren“, so Jörg Franke. Zudem böten die Hallen auch den Platz, ganze Häuserzeilen aufzubauen, mit Wohnungen und Gaststätten, um sowohl einen Angriff auf offener Straße wie auch einen Familienstreit oder eine Kneipenschlägerei zu simulieren.


