10. Juni 2026 · 
TagesKolumne

Tief im Osten, wo die Sonne verstaubt

Beim Wasserstoff-Deal von EWE und Salzgitter wird es überraschend lyrisch. Eine neue Hymne mit Grönemeyer-Potenzial ist geboren.

Kaum hat Niedersachsen seinen neuen Landesslogan „Das ist groß“ enthüllt, folgt in Berlin bereits die nächste Sneak-Preview: Die Parlamentarische Staatssekretärin Gitta Connemann hat gestern Teile der neuen Salzgitter-Hymne durchsickern lassen.

Eigentlich ging es bei der Veranstaltung am Dienstag in Berlin um den Wasserstoff-Liefervertrag zwischen EWE und der Salzgitter AG – ein bundesweit bislang einzigartiges Projekt, das Connemann offenbar lyrisch inspirierte. Während die beiden Vorstandschefs und der Ministerpräsident über Elektrolyseure, Leitungsnetze und Förderbedingungen sprachen, klang die CDU-Politikerin zeitweise so, als hätte sie heimlich an der niedersächsischen Antwort auf Herbert Grönemeyers „Bochum“ geschrieben.

Wo es bei Grönemeyer um die Stadt „tief im Westen“ geht, widmete sich Connemann einer Region, die „durch Stahl geprägt wurde“. Salzgitter charakterisierte sie als „hart, stark und verlässlich“. „Auch ein schweres Metall kann den Weg in die Leichtigkeit finden“, dichtete die gebürtige Ostfriesin und legte im Refrain nach: „Wer gelernt hat, aus Erz Stahl zu formen, der kann auch aus Veränderung Zukunft machen.“

Die Salcos-Baustelle auf dem Gelände von Salzgitter Flachstahl: Hier soll ab Mitte 2027 grüner Stahl hergestellt werden. | Foto: Salzgitter AG

„Dein Grubengold hat uns wieder hochgeholt“, singt Grönemeyer über Bochum. Connemann äußerte die Hoffnung, dass Salzgitter und Emden durch den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft Ähnliches gelingt. Wasserstoff könne schließlich einen wertvollen Beitrag für mehr Unabhängigkeit und Sicherheit bei der deutschen Energieversorgung leisten. Oder wie es Connemann formulierte: „Wasserstoff ist das kleinste Element im Periodensystem und das größte Versprechen unserer industriellen Zukunft.“ Das reimt sich zwar noch nicht, bietet aber schon mal ein gutes rhythmisches Gerüst.

Sogar der Bundeswirtschaftsministerin widmete Connemann eine Liedzeile: „Katherina Reiche ist mit Wasserstoff groß geworden und weiß um die Kraft der Moleküle.“ Ein schöner Gedanke – auch wenn sich auf „Moleküle“ am Ende wohl nur noch „Subventionsgefühle“ reimt.

Und zum Finale wurde es dann ganz groß. „Der Stahl von Salzgitter wird weitergehen“, verkündete Connemann. Wer dabei nicht kurz an „Bochum, ich komm aus dir“ denken musste, hat vermutlich noch nie Radio gehört. Es fehlte eigentlich nur noch ein Publikum, das begeistert mitklatscht. Aber das findet man dann auch eher in der Kulturscheune Salzgitter-Lebenstedt als in der EWE-Repräsentanz in Berlin.

Einen kräftigen Applaus verdient übrigens auch die heutige Rundblick-Ausgabe. Wir haben folgende Themen für Sie:

  • Verwaltungsdigitalisierung: Die Landesregierung geht verstärkt auf Kommunen zu, damit dort die Digitalisierung rascher voranschreitet. Für nächstes Jahr sind weitere Haushaltsmittel angemeldet.


  • Tierschutz: Die Bundesregierung wollte auch Tierheime bei Investitionen unterstützen – fühlt sich jetzt aber doch nicht zuständig. Niedersachsens Landesregierung setzt da andere Prioritäten.


  • LNVG-Jubiläum: Seit 30 Jahren plant die LNVG den Nahverkehr in Niedersachsen. Das Jubiläum bringt neben neuen Rekorden auch eine Debatte um marode Netze und verkrustete Strukturen.

Vor Arbeit ganz grau verabschiedet sich
Ihr Christian Wilhelm Link

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #106.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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