Es ist ziemlich genau fünf Monate her, da stand im Rundblick ein längerer Artikel mit der Überschrift: „Warum die Klosterkammer keinen Präsidenten hat, aber dringend einen braucht“. Das war im Januar, zur kalten Jahreszeit. Jetzt ist es Sommer, Mitte Juni, die Temperaturen gehen hoch – und die 160 Mitarbeiter der Klosterkammer wissen immer noch nicht, wie es weitergehen soll.

Seit nunmehr anderthalb Jahren ist die Landesbehörde führungslos, seit dem überraschenden Tod des Präsidenten Hans-Christian Biallas im Februar 2022. Heute nun, am 20. Juni 2023, soll das Kabinett die Personalie entscheiden. Neue Präsidentin soll die 55-jährige Thela Wernstedt aus Hannover werden. Viele fragen sich: Warum nur hat es so unendlich lange gedauert? Hier sieben Thesen als ein Erklärungsversuch dafür.
Seit langem galt die SPD-Landtagsabgeordnete Thela Wernstedt aus Hannover-Linden, promovierte Ärztin, Philosophin und ewig in Gremien der evangelisch-lutherischen Landeskirche aktiv, als bestens geeignet für das Amt. Man hätte sich schnell für sie entscheiden können. Aber Wernstedt ist bekannt dafür, dass sie ihren eigenen Kopf hat und sich nicht unbedingt von Parteigremien steuern lässt. Die Klosterkammer als Landesbehörde - für 17 Klöster und Stifte, 43 Kirchen, 40.000 Hektar Grundbesitz, viel Wald und 16.000 Erbpacht-Verträge mit Hauseigentümer, außerdem 800 Denkmale – ist aber recht eigenständig in ihrem Wirken.

Seit vielen Jahren scheitern immer wieder Versuche, sie an die Landesregierung oder gar den Landtag enger anzubinden. Viele sehen die Gefahr, dass unter der Leitung von Wernstedt die Einflussnahme der Politik kaum möglich sein wird. Das steigerte auch in der rot-grünen Koalition die Vorbehalte gegenüber Wernstedt. Und es verzögerte die Entscheidungsfindung.
Zweimal wurde Thela Wernstedt bei Führungsentscheidungen übergangen. Im November wurde nicht sie neue Landtagspräsidentin, sondern Hanna Naber aus Oldenburg. Dabei hätten ihr im Landtag viele das Amt zugetraut. Im Januar, als das Sozialministerium neu besetzt wurde, hätte Wernstedt als sozialpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion gefragt werden müssen. Sie wurde von Ministerpräsident Stephan Weil offenbar nicht gefragt. Diese Umstände kamen ihr in den zurückliegenden Wochen nicht zugute, sie luden parteiinterne Kritiker dazu ein, quer zu schießen und an ihrer Eignung zu zweifeln.
Außerdem ist Wernstedt schon vor längerer Zeit in eine hannoversche SPD-Intrige geraten. Sie, die Tochter von Alt-Landtagspräsident Rolf Wernstedt, setzte sich vor der Landtagswahl 2013 und 2017 bei der Wahlkreisaufstellung jeweils intern durch gegen Philipp Schmalstieg, den Sohn von Alt-Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg. Nicht nur beide Familien entzweite dieser Konflikt, sondern auch die hannoversche SPD. So erklärt sich die vehemente Gegnerschaft gegenüber Wernstedt, die in einigen Teilen der Partei herrscht. So erklären sich auch Rücksichtnahmen. Gegenüber Herbert Schmalstieg empfindet Ministerpräsident Stephan Weil im Übrigen eine besondere Nähe, bei einem Geburtstagsempfang nannte Weil ihn vor wenigen Tagen „Chef“.
Als vor gut einem Jahr Yasmin Fahimi zur neuen DGB-Vorsitzenden gewählt wurde und ihr Bundestagsmandat abgab, war das SPD-Kerngebiet Hannover-Linden plötzlich ohne Vertretung im Bundestag – aus Sicht traditioneller Sozialdemokraten ein schwer erträglicher Zustand. Falls nun Wernstedt Klosterkammerpräsidentin würde, müsste auch die gewählte Landtags-Wahlkreisabgeordnete ihr Mandat aufgeben, dann wäre Linden auch ohne MdL von der SPD. Dies wurde in den vergangenen Wochen in der SPD erzählt, offenbar auch in der Absicht, Wernstedt in der Klosterkammer zu verhindern. Einige meinten wohl, die Ärztin dürfe aus Loyalität zur SPD ihr Landtagsmandat nicht aufgeben.
Eine andere Lesart besagt, dass Kritiker in der rot-grünen Koalition nicht etwa Wernstedt verhindern wollten, sondern die erste Nachrückerin im Landtag für den Fall, dass Wernstedt aus dem Landtag ausscheiden müsste. Das wäre bisher die Lüneburger Sozialdemokratin Andrea Schröder-Ehlers gewesen, die sowohl bei Sozialdemokraten wie auch bei Grünen nicht nur Freunde hat.

Da seit wenigen Tagen klar ist, dass Schröder-Ehlers neue Vizepräsidentin des Landesrechnungshofs werden soll und damit für den Landtag nicht mehr in Betracht kommt, haben sich diese Befürchtungen nun erledigt. Aus dieser Sicht war nun seit wenigen Tagen der Weg für eine Klosterkammerpräsidentin Wernstedt frei. Ihr Nachrücker im Landtag wird Jan Henner Putzier aus Uelzen, ein in der Arbeiterwohlfahrt stark engagierter SPD-Mann. Also hat auch die Arbeiterwohlfahrt etwas von den jetzt anstehenden Veränderungen.
Ein Grund für das quälend lange Auswahlverfahren dürfte auch die Tatsache sein, dass die koalitionsinterne Abstimmung schwer fiel: Da das Amt des Klosterkammerpräsidenten mit Macht, Ansehen und viel Entscheidungsfreiheit verknüpft ist, war es logisch, dass die SPD als größter Koalitionspartner die Sache nicht für sich entscheiden konnte.
Bei den Grünen jedoch stellt sich das Problem, dass es zu wenige überzeugende und wirklich gute Bewerber für zu viele zu besetzende Posten gibt. Gut möglich ist, dass die Grünen keinen eigenen Namen nennen konnten, aber Bedingungen an Bewerber aus den Reihen der SPD gestellt hatten. Etwa dergestalt: Wir stimmen Wernstedt zu, wenn Schröder-Ehlers nicht in den Landtag kommt.

Vor allem die evangelische Landeskirche Hannovers hat viel mit der Klosterkammer zu tun – es gibt viele Berührungspunkte und Überschneidungen, ein enger Kontakt ergibt sich zwangsläufig. Nun hat Wernstedt aber auch in der Kirche, wie in der SPD, sowohl Fans wie auch solche, die ihr skeptisch gegenüberstehen. Unstrittig ist aber, dass sie die Kirche, ihre Strukturen und Entscheidungsabläufe so gut kennt wie kaum eine andere Sozialdemokratin. Das mag am Ende auch ein wichtiger Grund für ihre Auswahl gewesen sein.
Sehr spät, nämlich erst im Frühjahr 2023, begann die Ausschreibung der Stelle. Die Formulierung war nicht so angelegt, dass man hätte behaupten können, sie wäre auf Wernstedt zugeschnitten. Seither wurde gerätselt: Geschieht das alles, um neue, überzeugende Bewerber zu finden – in der Not, bisher keine befriedigende Lösung zu haben und Wernstedt vielleicht verhindern zu wollen? Oder ist die Ausschreibung nur ein Schritt, die Gemüter zu besänftigen und zu signalisieren, dass eben nicht schon alles auf Wernstedt hinausgelaufen war?
Auf jeden Fall ermöglichte dieses Verfahren dem federführenden Wissenschaftsministerium eine zeitliche Streckung – mit dem Effekt, dass die Entscheidung jetzt auf den allerletzten Metern fällt, nämlich in der Kabinettssitzung am 20. Juni. Selten wohl ist über eine wichtige Personalentscheidung der Landesregierung so lange und intensiv gebrütet worden.


