Darum geht es: 15 Frauen haben in der vergangenen Woche der britischen Zeitung „The Guardian“ von sexuellem Missbrauch und Repressalien im Hauptquartier der Vereinten Nationen berichtet. Damit bekommt die Debatte über Belästigungen und Übergriffen eine neue Wendung. Dazu ein Kommentar von Isabel Christian.
Der Hashtag #MeToo ist mehr als das Symbol einer Diskussion, die die Gesellschaften der westlichen Welt beschäftigt. Er steht für einen Befreiungsschlag. Seit zahlreiche Schauspielerinnen ihre Missbrauchserfahrungen mit dem Hollywood-Regisseur Harvey Weinstein öffentlich gemacht haben, trauen sich immer mehr Frauen und Männer, von sexuellen Belästigungen, Übergriffen oder gar Vergewaltigungen zu berichten, die sie überwiegend am Arbeitsplatz erlebt haben. Auch 15 Frauen, die in einer der mächtigsten Behörden der Welt arbeiten, haben sich ein Herz gefasst und ihre Missbrauchserlebnisse bei den UN, den Vereinten Nationen, geschildert. Ihre Geschichten sind deshalb so schockierend, weil sie nicht nur von sexueller Gewalt handeln. Es geht auch um Machtmissbrauch, Stigmatisierung und Bedrohung – und das in einem Maße, wie es nicht nur unwürdig für eine Organisation wie den UN ist, sondern für eine ganze Gesellschaft.
Verlor sich die MeToo-Debatte zuletzt in philosophischen Diskursen, wann aus einem Flirt sexuelle Belästigung wird, holt die Beichte der UN-Frauen das Thema hart auf den Boden der Tatsachen zurück. Es geht hier nicht um Befindlichkeiten, sondern um Menschen, die in einem Abhängigkeitsverhältnis Opfer von Übergriffen wurden und dann auch noch dafür bestraft werden, während der Täter ob seines hierarchischen Ranges unbehelligt bleibt. Und das im 21. Jahrhundert. Das darf unsere Gesellschaft nicht länger hinnehmen!
Es wäre blauäugig, davon auszugehen, dass es sich bei den Geschehnissen bei den Vereinten Nationen um Einzelfälle handelt. Schon immer haben einige Mächtige ihre Positionen ausgenutzt, um von Schwächeren eine Gefälligkeit zu erpressen. Es betrifft Anwälte, Manager, Politiker, Prominente – um nur ein paar Beispiele zu nennen – unter denen so mancher längst die Bodenhaftung verloren hat. Die Welt da draußen liegt ihnen zu Füßen, warum sollte es in diesem Büro anders sein? Ein schlichtes Nein kann doch nicht für jemanden gelten, der gerade im Gerichtssaal die Auffassung von Gerechtigkeit aus den Angeln gehoben hat, oder für jemanden, der in einem Jahr 650.000 Euro Provision erwirtschaftet hat. Größenwahn, Geltungsdrang und Machtgier können eine fatale Mischung sein.
Das beste Druckmittel dabei ist immer der Ruf des Opfers: „Sagst du was, ist deine Karriere vorbei!“ Auch die Frauen bei den UN haben diesen Satz zu hören bekommen. Sieben haben sich trotzdem getraut, die Übergriffe zu melden. Und mussten erfahren, dass die Drohung wahr ist. Drei sind mit Kündigung bedroht worden oder haben ihren Job sogar verloren. Aussicht auf einen Aufstieg in der Organisation dürfte keine von ihnen mehr haben. Und kein Vertrauen mehr in die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers. Solche Fälle ereignen sich auch in Deutschland. Hier muss dringend gehandelt werden, auch auf politischer Seite.
Es muss Betroffenen leichter gemacht werden, Vertrauen, Gehör und Unterstützung zu finden. Schweigeabkommen und Kungelei zum Nachteil von Opfern müssen durchbrochen werden. Eine Möglichkeit wären unabhängige Stellen in Behörden und großen Unternehmen, die Hinweisen auf Missbrauch unvoreingenommen nachgehen müssen. Eine andere Variante ist, mehr Frauen in die Hierarchie und an die Spitze zu holen. Frauen vertrauen sich eher Frauen an - und diese wiederum haben nicht sofort Zweifel an der Glaubhaftigkeit des Erzählten. Natürlich kommt es auch vor, dass Untergebene einen sexuellen Missbrauch erfinden, um jemanden in Misskredit zu bringen. Aber eine solche Gefahr zum Anlass zu nehmen, sich bei der Opferhilfe zurückzuhalten, ist der falsche Weg. Damit schützt man nicht die Unschuldigen, sondern die Täter.
Mail an die Autorin dieses KommentarsDieser Artikel erschien in Ausgabe #13.