„So nun, völlig außerhalb von jeder literarischen Absicht und ohne einen Gedanken daran, fühlte ich manchmal meine Aufmerksamkeit plötzlich gefangen von einem Dach, einem Sonnenreflex auf einem Stein, dem Geruch eines Weges…“ Leider ist das nicht von mir, sondern von Marcel Proust. Sorry. Aber ich fühle es. Schon als Teenager, wenn ich in Freistunden durch Braunschweigs Passagen streifte und das Gefühl hatte, dabei ziemlich tiefe Gedanken zu denken. Diese Passagen gibt es inzwischen nicht mehr. Dort, wo früher die „Burgpassage“ und der „Welfenhof“ waren, klaffen Löcher wie riesige Zahnlücken in der Innenstadt.
Passagen sind so 20. Jahrhundert. Flaneuren wie Walter Benjamin oder Marcel Prousts traurigen Helden schienen die überdachten Ladenzeilen in Paris vor hundert Jahren als der Inbegriff der Moderne. Hier sammelten sie Inspirationen, ließen sich treiben und versuchten, aus kleinen Beobachtungen ihre Gedanken zum Großen und Ganzen herauszufiltern. Aber Flaneure und Passantes, wie ihre weiblichen Gegenstücke heißen, sind rar geworden. Wer heute die Zeit und die Mittel hätte, sinnlos umherzustreifen, der lässt sich das lieber nicht anmerken.

Um so schöner, wenn man gelegentlich mal aus Recherchegründen umherstreifen darf. So wie für unsere Serie zur Kommunalwahl. Für die heutige Folge war Klaus Wallbaum in meiner Heimatstadt Braunschweig. Bis 2031, hat er erfahren, sollen dort, wo früher die Burgpassage war, die „Stiftshöfe“ entstehen. „Höfe“ sind so ungefähr das Gegenteil von „Passagen“: Bodenständig, nützlich, überschaubar. In Höfen wird gelebt und gearbeitet, aber nicht flaniert.
Die Zukunft der Innenstädte ist ein großes Thema im Wahlkampf, das habe ich auch in Lüneburg festgestellt. Während der Braunschweiger Oberbürgermeister Thorsten Kornblum (SPD) an den kulturellen Leuchttürmen baut, konzentriert sich Claudia Kalisch (Grüne) in Lüneburg auf Begegnungsorte und Nahbarkeit der Stadtverwaltung. Die Herausforderer denken mehr an das Große und Ganze: Sie wollen die Wirtschaft flottmachen und Baugebiete erschließen. Das sagt sich leichter aus der Opposition heraus als gegen Ende einer Amtszeit in komplizierten Zeiten, wenn man sich nach seiner Bilanz fragen lassen muss.
Wenn Sie uns nach den Themen des Tages fragen, dann antworten wir:
Falls Sie heute Gelegenheit zum Flanieren finden, nutzen Sie sie! Ich verrate es keinem.
Ihre Anne Beelte-Altwig


