1. Juli 2026 · 
TagesKolumne

Schluss mit Flanieren!

Passagen sind so 20. Jahrhundert. Aus der "Burgpassage" in Braunschweig werden die "Stiftshöfe". Die TagesKolumne findet das ein bisschen schade.

„So nun, völlig außerhalb von jeder literarischen Absicht und ohne einen Gedanken daran, fühlte ich manchmal meine Aufmerksamkeit plötzlich gefangen von einem Dach, einem Sonnenreflex auf einem Stein, dem Geruch eines Weges…“ Leider ist das nicht von mir, sondern von Marcel Proust. Sorry. Aber ich fühle es. Schon als Teenager, wenn ich in Freistunden durch Braunschweigs Passagen streifte und das Gefühl hatte, dabei ziemlich tiefe Gedanken zu denken. Diese Passagen gibt es inzwischen nicht mehr. Dort, wo früher die „Burgpassage“ und der „Welfenhof“ waren, klaffen Löcher wie riesige Zahnlücken in der Innenstadt.

Passagen sind so 20. Jahrhundert. Flaneuren wie Walter Benjamin oder Marcel Prousts traurigen Helden schienen die überdachten Ladenzeilen in Paris vor hundert Jahren als der Inbegriff der Moderne. Hier sammelten sie Inspirationen, ließen sich treiben und versuchten, aus kleinen Beobachtungen ihre Gedanken zum Großen und Ganzen herauszufiltern. Aber Flaneure und Passantes, wie ihre weiblichen Gegenstücke heißen, sind rar geworden. Wer heute die Zeit und die Mittel hätte, sinnlos umherzustreifen, der lässt sich das lieber nicht anmerken.

Blick in ein rundes Gebäude mit einer Glaskuppel
Okay, das ist nicht Braunschweig. Die Galerie Colbert ist eine Pariser Passage von 1827. Heute gehört sie der Nationalbibliothek. | Foto: Antoine2K via GettyImages

Um so schöner, wenn man gelegentlich mal aus Recherchegründen umherstreifen darf. So wie für unsere Serie zur Kommunalwahl. Für die heutige Folge war Klaus Wallbaum in meiner Heimatstadt Braunschweig. Bis 2031, hat er erfahren, sollen dort, wo früher die Burgpassage war, die „Stiftshöfe“ entstehen. „Höfe“ sind so ungefähr das Gegenteil von „Passagen“: Bodenständig, nützlich, überschaubar. In Höfen wird gelebt und gearbeitet, aber nicht flaniert.

Die Zukunft der Innenstädte ist ein großes Thema im Wahlkampf, das habe ich auch in Lüneburg festgestellt. Während der Braunschweiger Oberbürgermeister Thorsten Kornblum (SPD) an den kulturellen Leuchttürmen baut, konzentriert sich Claudia Kalisch (Grüne) in Lüneburg auf Begegnungsorte und Nahbarkeit der Stadtverwaltung. Die Herausforderer denken mehr an das Große und Ganze: Sie wollen die Wirtschaft flottmachen und Baugebiete erschließen. Das sagt sich leichter aus der Opposition heraus als gegen Ende einer Amtszeit in komplizierten Zeiten, wenn man sich nach seiner Bilanz fragen lassen muss.

Wenn Sie uns nach den Themen des Tages fragen, dann antworten wir:

  • Bluttat in Stade: Der Täter hatte Wochen vor der Tat erhebliche Konflikte mit dem Jugendamt – und mit Ärzten, die sein Kind behandelten. Auch das Amtsgericht musste urteilen.


  • „Abzocke“ beim Gasnetzrückbau? Einige Versorger im Land fordern fünfstellige Summen. Die Verbraucherzentrale kontert mit Klagen. Die Politik will die Praxis nun untersagen.


  • Serie „Niedersachsen vor der Wahl“: Die Oberbürgermeisterwahl in Braunschweig könnte für Amtsinhaber Thorsten Kornblum ein Sprungbrett für Höheres werden. Doch ihm bläst durchaus auch Gegenwind ins Gesicht.


  • Außerdem: Lob für den Haushalts- und den Wolfsmanagementplan und ein neuer Job für Eric Felber

Falls Sie heute Gelegenheit zum Flanieren finden, nutzen Sie sie! Ich verrate es keinem.

Ihre Anne Beelte-Altwig

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #122.
Anne Beelte-Altwig
AutorinAnne Beelte-Altwig

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