16. Sept. 2026 · 
TagesKolumne

Respekt!

"Wer hilft, verdient Respekt", fordert eine neue Kampagne. Beschäftigte im Gesundheitswesen verdienen aber noch mehr, meint die TagesKolumne. Und: Muss man Respekt erst verdienen?

Der Mann hat gerade einen Energydrink geleert. Trotzdem reicht seine Energie offenbar nicht, um die leere Dose zur nächsten Mülleimer zu tragen. Er lässt sie einfach an der Ampel fallen. In dem Moment rauscht ein Cabriolet vorbei. „Aufheben!“, bellt der Fahrer. Die Antworten des Energy-Mannes möchte ich hier lieber nicht wiedergeben. Stellen Sie sich einen menschlichen Unterleib vor und was man damit machen kann, dann liegen Sie ungefähr richtig. Als der Mann fertig war mit seiner Schimpftirade, bemerkte er mich auf meinem Fahrrad. Ich setzte den tadelnden Blick auf, den ich als Tochter einer Grundschullehrerin ganz passabel beherrsche. „Er hat recht“, sagte ich streng und meinte den Cabriofahrer. Dann war ich froh, dass die Ampel auf Grün wechselte. Der Energy-Mann grummelte etwas von „kein Respekt“ und „so muss man doch nicht mit Leuten reden“. Und dann hob er tatsächlich die Dose wieder auf.

Manchmal ist es einfach. Es hätte auch anders laufen können in einer Situation, in der die Zündschnur kurz ist. Es ist schon kurios, Respekt von anderen einzufordern in einem Moment, in dem man sich selbst danebenbenommen hat. Aber andererseits: Respekt wünscht sich schließlich jeder. Jemand, den alle anderen gerade für einen Vollpfosten halten, wahrscheinlich sehnlicher denn je. Höflich sein kostet nichts. Aber andererseits: Wenn der Cabriofahrer nicht so geradeheraus gewesen wäre, hätte ich mich ganz sicher nicht getraut, etwas zu sagen.

Drei Plakatmotive mit Personen in Arbeitskleidung. Über ihrer Brust steht der Schriftzug: "Wer hilft, verdient Respekt."
Die Plakatkampagne soll Menschen zum Nachdenken bringen, bevor sie im Gesundheitswesen aggressiv werden. | Grafik: MS

Die Plakat-Kampagne, die Gesundheitsminister Philippi am Mittwoch vorgestellt hat, fordert Respekt ein für eine Berufsgruppe, die vor nicht allzu langer Zeit noch als „Götter in Weiß“ tituliert wurde. Inzwischen häufigen sich verbale und körperliche Angriffe auf Ärzte und noch mehr auf Pflegekräfte und Medizinische Fachangestellte. Täter sind keineswegs nur zugedröhnte Halbstarke. Das Phänomen geht offenbar quer durch die Gesellschaftsschichten.

Die Kampagne ist ein Zeichen der Solidarität mit den Menschen, die das Gesundheitswesen am Laufen halten. Aber diese Menschen verdienen noch mehr als Respekt und Solidarität. Sie verdienen Arbeitsbedingungen, unter denen sie ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden können, und eine Bezahlung, die dem gesellschaftlichen Stellenwert ihrer Arbeit entspricht. Stattdessen schwebt die Drohung des GKV-Sparpakets über Kliniken und Praxen. Die Botschaft aus der Politik ist widersprüchlich. Solange der Druck auf dem Gesundheitssystem nicht nachlässt, wird es das Blatt nicht wenden, an die Frustrationstoleranz der Patienten zu appellieren.

Wir haben heute folgende Themen für Sie:

  • Verdächtig: Das Agieren der Staatsanwaltschaft Hannover wirft Fragen auf: War es nötig, gegen Steffen Krach und Peter Karst kurz vor Wahlen zu ermitteln? Im Landtag mehren sich Zweifel.


  • Verstörend: Zunehmend rücksichtsloser versuchen Menschen im Gesundheitswesen, ihre Anliegen durchzusetzen. Ein Bündnis will gegensteuern.


  • Vergebens: Berlin ist die Entscheidung für die Trasse „Pink“ gefallen. Während SPD und CDU in Hannover weiter auf einen Sofortausbau pochen, begrüßen die Grünen den Beschluss.


  • Verschuldet: Heftige Kritik am Etatentwurf der rot-grünen Landesregierung für 2027 und 2028 übt der Landesrechnungshof. Ein Konzept, auf die steigenden Ausgaben zu reagieren, fehle immer noch.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Donnerstag und Respekt für uns alle.

Ihre Anne Beelte-Altwig

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #161.
Anne Beelte-Altwig
AutorinAnne Beelte-Altwig
Respekt!