7. Sept. 2026
MeldungWirtschaft

Raketen statt Cabrios: VW übergibt Werk in Osnabrück an israelische Rüstungsfirma

Zeitenwende in Osnabrück: VW gibt sein Werk an Aurelius und das Land ab. Statt Autos fertigen die Beschäftigten dort künftig Rüstungsteile für „Iron Dome“-Hersteller Rafael.

In Osnabrück hat VW bisher vor allem seine Cabrios gefertigt. Doch der Standort wird nun für Militärtechnik umgebaut. | Foto: Volkswagen AG

Wo bisher Cabrios und Spezialfahrzeuge montiert wurden, sollen künftig Teile für die europäische Luftverteidigung entstehen: Der Volkswagen-Konzern verabschiedet sich am Traditionsstandort Osnabrück aus der Autoproduktion und verkauft die Werkshallen an den israelischen Finanzinvestor Aurelius Capital. Gemeinsam mit dem Land Niedersachsen übernimmt Aurelius die Werksgesellschaft, um dort im Auftrag des ebenfalls israelischen Rüstungskonzerns Rafael – bekannt für das Abwehrsystem „Iron Dome“ – Komponenten für Militärtechnik herzustellen. „Unsere Sicherheitslage hat sich grundlegend verändert. Deutschland und Europa müssen ihre Fähigkeiten in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie stärken und unabhängiger werden. Mit dieser Vereinbarung eröffnen wir Osnabrück eine echte industrielle Chance“, kommentierte Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) den Umbau des früheren Karmann-Werks.

Rafael will in Osnabrück nach offiziellen Angaben Systeme und Komponenten für die Luftverteidigung herstellen. Nach früheren Medienberichten gehören dazu Abschussvorrichtungen, Stromgeneratoren und schwere Lastwagen für das Raketenabwehrsystem „Iron Dome“, die Abfangraketen selbst sollen andernorts produziert werden. Perspektivisch könnte der Standort auch Teile für weitere Systeme wie die laserbasierte Abwehr „Iron Beam“ fertigen. „Heute bauen wir eine langfristige industrielle Beziehung mit unseren deutschen Partnern auf, mit der Idee, dass die Technologie vollständig in Deutschland produziert werden wird, um Deutschland und Europa zu schützen“, sagte Rafael-Chef Yoav Tourgeman.

Rafael ist vor allem für das Raketenabwehrsystem „Iron Dome“ bekannt, das feindliche Luftangriffe unterbindet. | Foto: ArkadiyYarmolenko via Getty Images

Der Eigentümerwechsel ist die Konsequenz aus der tiefen Krise und dem harten Sparkurs bei Volkswagen. Die Konzernspitze in Wolfsburg hatte bereits entschieden, die Montage der bisherigen Modelle im Sommer 2027 ersatzlos auslaufen zu lassen. Neue Automodelle wollte der Vorstand mangels Auslastung nicht mehr nach Osnabrück vergeben. Der Einstieg der Rüstungsindustrie ermöglicht dem Autobauer nun den Ausstieg ohne Gesichtsverlust: VW löst damit alten Zusagen aus Tarifverhandlungen zur Beschäftigungssicherung ein, ohne weiterhin eigenes Geld in unrentable Fahrzeugprojekte vor Ort stecken zu müssen. „Mit der heutigen Vereinbarung gehen wir einen wichtigen Schritt, um dem Standort eine neue industrielle Zukunft zu eröffnen“, sagte VW-Chef Oliver Blume.

Der Osnabrücker Betriebsratschef Jürgen Placke bezeichnete die Übernahme als einen „ersten großen Erfolg“. „Als Arbeitnehmervertreter haben wir erreicht, dass auch in Zukunft die Tarifbindung innerhalb der Metall- und Elektroindustrie für unsere Kollegen erhalten bleibt. Darüber hinaus gibt die Beschäftigungssicherung bis einschließlich 2029 ein gutes Stück weit Sicherheit und Planbarkeit“, sagte Placke. Von den derzeit rund 1800 Beschäftigten erhalten knapp 1400 eine Wechseloption zur neuen Trägergesellschaft. Nach Abzug von Altersabgängen soll eine Stammbelegschaft von etwa 1200 Stellen entstehen. „Es handelt sich dabei um die erste Beschäftigungssicherung am Standort seit der Karmann-Insolvenz und der Übernahme durch Volkswagen vor rund 16 Jahren“, heißt es in der Pressemitteilung des Betriebsrats.

Ungeklärt bleibt allerdings die Perspektive für die VW-Angestellten, die nicht unter den Metalltarif fallen – etwa aus dem Bereich der Technischen Entwicklung. Die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo mahnte daher Nachbesserungen an: „Über die jetzt vereinbarten Punkte hinaus arbeiten wir weiter an einer Lösung, um am Ende für die gesamte Stammbelegschaft eine Perspektive am Standort sicherzustellen.“ Für die Auszubildenden gibt es dagegen gute Nachrichten: Sie sollen bis zum Start der neuen Produktion im Jahr 2029 ebenso wie die Stammbelegschaft „für die zukünftigen Aufgaben qualifiziert werden“. Ab 2030 könnte das Ausbildungsangebot dann ausgeweitet werden.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #154.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link