„One Night in Bangkok makes a hard man humble“, dröhnte es 1984 aus den Transistorradios. Der Song aus dem Musical „Chess“ spielt während einer Schach-Weltmeisterschaft in Bangkok. Die Stadt erscheint darin als exotische, verführerische Weltmetropole – voller Neonlicht, Tempel und sexueller Verlockungen. Sänger Murray Head bleibt davon aber erstaunlich unbeeindruckt. Während alle anderen von Bangkok schwärmen, interessiert ihn nur eines: die nächste Schachpartie.
42 Jahre später landete die Crème de la Crème der Schachwelt in Hannover-Langenhagen. Naja, zumindest der deutschen Amateurschachszene. Wer den Songtext im Ohr hatte, während er am vergangenen Donnerstag im Maritim Airport Hotel eincheckte, dürfte einen kleinen Realitätsschock bekommen haben: Statt zwielichtiger Bars und Buddha-Statuen gab es hier nur Teppichboden in verschiedenen Blautönen, statt exotischer Tempel eine malerische Aussicht auf Parkhaus 1. Die einzige erotische Versuchung vor Ort dürfte für viele Teilnehmer das gut sortierte Buffet in der Spielpause gewesen sein.
Ob draußen die Tuk-Tuks durch Bangkok knattern oder die Buslinie 470 über die Flughafenstraße rumpelt, bekam im Turniersaal aber ohnehin niemand mit. Die 672 Teilnehmer waren für ein Wochenende in ihrer eigenen Welt gefangen – einer Welt aus 64 Feldern, in der die größte Gefahr nicht eine thailändische Nachtclub-Falle war, sondern ein Matt in wenigen Zügen durch den zehnjährigen Schach-AG-König aus Meppen.

Bangkok mag die exotischere Kulisse sein. Aber wie singt Murray Head: „One town's very like another / When your head's down over your pieces, brother.“ Übersetzt heißt das: Eine Stadt ist genau wie die andere, wenn man den Kopf über die Spielfiguren senkt.
Am Ende läuft es auf eine einfache Erkenntnis hinaus: Egal ob man in Bangkok sein Herz an die Stadt verliert oder in Langenhagen seinen Springer an den Schach-Vizekreismeister aus Wolfenbüttel – beides erledigt man am besten bei geschlossenen Vorhängen.
Wenn Sie also gerade nicht in eine spannende Schachpartie vertieft sind, empfehle ich Ihnen die Lektüre des heutigen Rundblicks. Wir haben folgende Themen für Sie:
Kommen Sie gut in die neue Woche. Der nächste Zug gehört Ihnen.
Ihr Christian Wilhelm Link


