25. Juni 2026 · 
TagesKolumne

Niedersachsen geht Open Source

Niedersachsen läuft ab jetzt offiziell im Beta-Modus. Die neue Imagekampagne liefert bewusst kein fertiges Produkt, sondern überlässt das Debugging den Bürgern.

Wer eine teure Imagekampagne für ein ganzes Bundesland in Auftrag gibt, erwartet üblicherweise ein hochglanzpoliertes, fertiges Endprodukt. Nicht so in Hannover. Die niedersächsische Staatskanzlei setzt da auf ein Konzept aus der Software-Entwicklung: „Open Source“. Gemeint ist ein frei zugängliches Grundgerüst, das von der weltweiten Community nach Belieben verändert und korrigiert werden darf.

„Niedersachsen. Das ist groß.“ ist in Wahrheit die erste Open-Source-Kampagne für das Standortmarketing. Während andere Bundesländer mehr oder weniger gelungen ein fertiges Image definieren, hat die Staatskanzlei nur ein semantisches Grundgerüst freigeschaltet. Die Hamburger PR-Schmiede „Scholz & Friends“ wirft Dennis Schröder, ein paar bunte KI-Bilder und das weltbekannte Pfeifen der Scorpions in den Raum und überlässt das eigentliche Debugging den Bürgern. Und weil das Wort „groß“ in seiner totalen Offenheit wie ein Systemfehler wirkt, laufen bereits überall im Land die ersten Modifikationen.

Das erste Update kam von Antenne Niedersachsen. Der Radiosender hatte den Slogan weitergedacht und das Wörtchen „groß“ passend zum Bildmotiv durch „holprig“, „lecker“ oder „standhaft“ ersetzt. Sportjugend und Landessportbund legten nach und überschrieben den Code, indem sie „spektakulär“, „eiskalt“ oder „schlagfertig“ einsetzten. Die Gewerkschaftsjugend wiederum hatte einen Patch mit den Attributen „fair“, „bezahlbar“ und „verlässlich“ eingespielt. Beim rot-grünen Abend am Dienstag überarbeiteten sogar die Mitglieder der Mehrheitsfraktionen den Landes-Slogan. „Rot-grün. Das ist GROßartig”, hieß es da.

Der neue Slogan macht die Niedersachsen kreativ. Da geht aber noch mehr. | Fotos: Instagram, Wallbaum

Dass die Community das System im laufenden Betrieb korrigiert, ist durchaus einkalkuliert. Regierungssprecher Christian Budde ließ bereits wissen, man müsse den Spruch eben nur in den richtigen Kontext stellen, dann könne daraus etwas richtig Gutes werden. Die Staatskanzlei hat also volles Vertrauen in die Schwarmintelligenz der Niedersachsen.

Das Image des Landes läuft ab jetzt offiziell im Beta-Modus. Wer hierherkommt, kriegt kein geschlossenes System vorgesetzt, sondern einen flexiblen Bausatz. „Niedersachsen. Das ist ...“ – die Fertigstellung übernimmt der Nutzer einfach im laufenden Betrieb. Oder wie man in der IT-Welt sagt: Es ist kein Fehler, es ist ein Feature.

Grafik: Rundblick

Ob das Prinzip „Fehlerbehebung im laufenden Betrieb“ auch in anderen Teilen der Landespolitik Schule macht, bleibt abzuwarten. Genug Baustellen für ein gründliches Debugging gäbe es jedenfalls. Und damit gehen wir direkt zum Systemcheck der heutigen Ausgabe über, in der es um folgende Themen geht:

  • Strafvollzug auf dem Prüfstand: Gibt es Schwachstellen in den Erlassen des Justizministeriums, die eine Flucht des Mörders Benjamin F. am 17. Juni erst möglich machten? Die Landtagsdebatte dazu verläuft heftig.


  • Streit um Social Media: Sollten Jugendliche erst mit 14 Jahren auf TikTok unterwegs sein? Der Landtag legt eine Position fest, während in Berlin die Expertenkommission ihre Ergebnisse präsentiert.


  • Kommunalwahl-Serie: In nur fünf der siebzehn Oberbürgermeisterämter regieren Frauen. Die Grüne Claudia Kalisch tritt in Lüneburg wieder an. Überraschend präsentierte die SPD eine neue Kandidatin.


  • Personen & Positionen: Olaf Lies, Hans-Martin Hauskeller, Jörg Lahner und Gerald Heere.

Soweit das Grundgerüst für heute. Drucken Sie gerne auch ein paar Seiten mit Rundblick-Logo aus, die Sie mit Ihren eigenen Gedanken füllen.
Ihr Christian Wilhelm Link

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #117.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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