Respektlosigkeiten und Herabwürdigungen gehören für viele Ärzte in Niedersachsen zum Arbeitsalltag. Dieses Bild zeichnet eine neue Studie der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, an der sich in Niedersachsen rund 1100 Ärzte beteiligt haben. Die Befunde ließen die Gewerkschaftsspitze erschrecken: „Wir haben es nicht mit Einzelfällen zu tun, sondern mit einem ernstzunehmenden Problem in unseren Kliniken“, erklärt Hans Martin Wollenberg, der Erste Vorsitzende des Marburger Bunds Niedersachsen. Fast jeder zweite Befragte gab an, im vergangenen Jahr mindestens einmal eine Form von Machtmissbrauch am Arbeitsplatz erlebt zu haben. Die meisten (82 Prozent) erlebten demnach einen respektlosen oder herablassenden Umgangston. Fast zwei Drittel berichteten davon, dass ihre eigene Person und Kompetenz ohne sachlichen Grund infrage gestellt worden sei. Knapp die Hälfte beklagte eine öffentliche Bloßstellung etwa vorm Team oder vor Patienten. Wer derartiger Schikane ausgesetzt war, sei davon in der Regel mehrfach betroffen gewesen. Die Hälfte von ihnen gab an, mehrmals im Jahr durch ärztliche Beschäftigte drangsaliert worden zu sein. Knapp ein Drittel erlebe derartiges gar mehrmals im Monat, jeder sechste mehrmals in der Woche.
In den selteneren Fällen gingen die Übergriffe von Kollegen aus, in der weit überwiegenden Zahl der Fälle waren es die ärztlichen Vorgesetzten. „Der Machtmissbrauch wird seitens des Chefarztes vorgelebt“, heißt es in einer Freitextantwort in der Befragung des Marburger Bunds. Dort macht man sich auch Sorgen über die Folgen eines solchen Fehlverhaltens. Die Befragten klagten über emotionale Erschöpfung oder anhaltende Anspannung sowie eine verminderte Arbeitsmotivation. Fast zwei Drittel der Betroffenen gaben an, die Abteilung oder die Klinik wechseln zu wollen. Immerhin 43 Prozent erklärten, über einen Ausstieg aus der stationären Versorgung nachzudenken. Dieser Wert liege in Niedersachsen deutlich über dem Bundesdurchschnitt, erklärte Andreas Hammerschmidt, der Zweite Vorsitzende des Marburger Bunds Niedersachsen. Woran das liegt, sei allerdings unklar. Überhaupt bliebe jenseits dieser anonymen Befragung vieles unter der Decke. Nur 29 Prozent der Befragten gaben an, Vorfälle gemeldet zu haben. Jeder Zweite meinte, eine Meldung hätte keine Konsequenzen gehabt. 80 Prozent erklärten, sie erwarteten nicht einmal eine wirksame Konsequenz. Immer noch 60 Prozent fürchten berufliche Konsequenzen, wenn sie einen Vorfall melden. Mehr als die Hälfte gab an, es fehle die vertrauliche und anonyme Meldestelle. Anderen Kollegen kämen viele Ärzte aus denselben Gründen nicht zu Hilfe. Jeweils ein Fünftel gab an, sich neutral verhalten beziehungsweise nichts getan zu haben. Immerhin fast jeder Zweite hat reagiert, wenn er Zeuge wurde, was gut der Hälfte der Befragten schon einmal passiert sei.
Eine noch schlimmere Verfehlung von Kollegen und Vorgesetzten erlebten deutlich weniger Ärzte in Niedersachsen. Elf Prozent der Befragten gaben an, in den zurückliegenden zwölf Monaten schon einmal sexuell belästigt worden zu sein. Die Spannweite reiche da von sexualisierten Kommentaren über unerwünschte Gespräche mit sexuellem Inhalt bis hin zu körperlichen Übergriffen. Immerhin 40 Prozent berichteten von unerwünschter körperlicher Nähe oder scheinbar zufälligen Berührungen. Auch in diesem Bereich sei eine Wiederholung die Regel. In über zwei Drittel der Fälle gehe der Übergriff vom Vorgesetzten aus, fast immer von einem Mann. Wie beim Machtmissbrauch werden auch diese Vorfälle selten gemeldet, häufig glauben die Betroffenen nicht an wirksame Konsequenzen oder scheuen persönliche Nachteile. „Ein System, das folgenloses Wegsehen zulässt, schützt die Täter, nicht die Betroffenen“, kritisiert Hammerschmidt. „Grenzüberschreitungen dürfen nicht mehr folgenlos bleiben. Wir fordern eine Verlängerung der gesetzlichen Meldefristen auf zwölf Monate und die Umsetzung der längst vorgeschriebenen niedrigschwelligen, anonymen Meldemöglichkeiten in jeder Klinik.“ Beim Marburger Bund kommt man zudem zu der Einsicht, dass besonders die hierarchischen Strukturen eines Krankenhauses den Machtmissbrauch begünstigen. Wollenberg regt daher an, auch über geteilte Chefarztposten nachzudenken. Beide Vertreter der Ärztegewerkschaft fordern einen Mentalitätswandel ein, der auch über Schulungen herbeigeführt werden könnte.


