16. Sept. 2026
TagesKolumne

My Deer Bambi!

Rehe waren den Amerikanern fremd. Also machten sie Bambi zum Hirsch. Wie viel Verwirrung aufkommen kann, wenn Unwissenheit auf Fremdes trifft.

Der wohl berühmteste Hirsch der Filmgeschichte war bekanntlich in Wirklichkeit gar keiner. Am Ende seines Leinwandlebens präsentierte sich Bambi zwar mit majestätischem Geweih und ließ keinen Zweifel daran, wer in dem Disney-Trickfilmklassiker aus dem Jahr 1942 der wahre König des Waldes sein muss. Dabei erblickte Bambi in der österreichischen Buchvorlage von 1922 noch als Rehkitz das Licht der Welt.

Felix Saltens fabelhafte „Lebensgeschichte aus dem Walde“ überstand den kulturellen Ausflug nach Hollywood jedoch nur mit Blessuren. Weil für die Nordamerikaner das Rehwild eine fremdländische und unbekannte Art gewesen ist, machten sie aus Bambi kurzerhand einen heimischen Weißwedelhirsch.

Ein Hirsch ist ein Hirsch und ein Reh ist ein Reh. | Foto: marc chesneau via Getty Images

Als „Bambi“ dann 1950 nach Weltkrieg und Wiederaufbau auch in Wirtschaftswunder-Deutschland gezeigt wird, war aus dem Hirschkalb sprachlich zwar wieder ein Rehkitz geworden. Sein Werdegang hatte aber doch noch recht rotwilde Züge. Die Verwirrung war perfekt und Generationen von Großstadtkindern wuchsen mit der waidmännischen Unwahrheit auf, Rehe seien der Nachwuchs der Hirsche.

Der aus solcher Verwirrung abzuleitenden Fehlannahme, zu viel kultureller Austausch sei etwas ganz und gar Schlechtes, kann immerhin mit Bildung begegnet werden. Aber wie verhält es sich mit der genetischen Resilienz im Tierreich tatsächlich? Es gibt verschiedene Wege, mit invasiven Arten umzugehen. Tigermücken können wir wohl nur beklagen, Nutria und Waschbären hingegen zünftig jagen. Bei der Katze wird die Sache schon komplizierter. Und wie sieht es mit nicht-heimischen Hirschen aus?

In mitteleuropäischen Wäldern fristet seit über einem Jahrhundert ein unfreiwilliger Einwanderer aus Fernost sein Dasein. Hätte das Studio Ghibli den Salten-Klassiker verfilmt, Bambi wäre wohl ein solcher Sikahirsch geworden. An Status hätte er damit sogar gewonnen, ist der vielfach gehörnte Shishigami in „Prinzessin Mononoke“ doch nicht nur König, sondern gleich Geist oder sogar Gott.



Die Europäische Kommission hingegen hält es mit dem Aufklärer Nietzsche und erklärt den japanischen Waldgott zumindest für todgeweiht. Ob Bambi also bald wieder allein auf der Lichtung steht? Antwortversuche auf diese und zahlreiche weitere Fragen lesen Sie heute im Rundblick:

  • Todgeweihte Tiere: Das Sikawild gilt neuerdings als invasive Art und soll deshalb zum Schutz des heimischen Rotwilds in der EU ausgerottet werden. Oder lässt sich das vielleicht doch noch abwenden?


  • Ausländische Studenten: Junge Migranten, die studieren wollen, sitzen zwischen vielen Stühlen. Ein Bundesprogramm hilft. Doch es soll Ende 2026 auslaufen. Die Caritas Hannover will das verhindern.


  • Transporter-Messe: Die Industrie liefert, der Markt blockiert. Während Niedersachsens Nutzfahrzeug-Riesen um den Hochlauf ringen, drängen Tesla und chinesische Angreifer auf den europäischen Markt.


  • Klimaanpassung: Hitzewellen und Starkregen haben den Sommer bestimmt. Ansätze dazu, wie Land und Kommunen sich dagegen wappnen können, stellt die Regierung turnusgemäß neu zusammen.


  • Personen und Positionen: Mehrdad Payandeh, Grant Hendrik Tonne, Bernd Lange, Julia Hamburg.

Begegnen Sie dem neuen Tag wie ein Rehkitz im Dickicht, das neugierig die Augen öffnet und auch im Skunk eine Blume entdeckt!

Ihr Niklas Kleinwächter

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #160.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter
My Deer Bambi! | Rundblick Niedersachsen