1. Okt. 2025 · 
TagesKolumne

Mit alles – außer Gerechtigkeit

Auf der Karte stand Döner, serviert wurde ein Strafmenü im Wert von 720 Euro. Währenddessen räumt die Schattenwirtschaft den Tisch ab.

die Göttin Justitia mag zwar blind sein, hat aber einen ausgesprochen guten Gaumen. Sonst wäre es kaum erklärbar, dass das Amtsgericht Hannover jüngst einen Mann verurteilte, weil er Jungbullenfleisch als „Lamm-Döner“ verkaufte. Gleich zweimal rückte die Stadt im Jahr 2023 zur Kontrolle an und stellte fest: Auf der Karte stand zwar Döner Kebab, auf dem Spieß aber keiner. Die Konsequenz war ein Strafbefehl von 40 Tagessätzen zu je 50 Euro – allerdings herabgestuft auf 18 Euro, weil der Angeklagte sein Gewerbe längst abgemeldet hat und inzwischen Bürgergeld bezieht.

Nanu!? Ein ehemaliger Imbissinhaber, der jetzt auf Bürgergeld angewiesen ist? Ist der Dönerbetrug etwa eine dermaßen brotlose Kunst, dass man damit unweigerlich in die Armut stürzt? Haben wir es hier mit dem tragischen Schicksal eines Imbissbetreibers in der Gastro-Krise zu tun? Oder sollte man statt der wortgetreuen Auslegung des Lebensmittel- und Futtergesetzbuches nicht besser die fragwürdigen Geschäftsmodelle dahinter kontrollieren?

Foto: GettyImages/Kalender

Denn wer sich in der Szene umhört, weiß: In vielen Lokalitäten wird mit Schwarzarbeit, Scheinrechnungen und Steuertricks gearbeitet. Dahinter stecken teils mafiöse Strukturen, seit Jahren bekannt, aber selten ernsthaft verfolgt. Eines von vielen Erfolgsrezepten aus der Gangsterküche: Der angebliche Minijobber arbeitet in Wahrheit Vollzeit, den Rest zahlt der Staat. Als Aufstockprämie kommt noch der eine oder andere Euro hinzu, der am Fiskus vorbeigeschleust wird. Und während der Bürgergeldempfänger seine 720 Euro Strafe an die Staatskasse überweist, floriert im Hintergrund die milliardenschwere Schattenwirtschaft.

Geschmacklose Betrügereien aufzudecken, ist offenbar ganz nach Justitias Gusto – doch bei den wirklich bitteren Zutaten im Gastrogewerbe vergeht ihr der Appetit. Die kleine Mogelpackung landet vor Gericht, die große Abzocke bleibt ungesühnt. Mir zumindest schmeckt das gar nicht.

Jetzt aber Schluss mit den Wortspielen. Dürüm geht es heute im Rundblick:

  • BdSt stellt Schwarzbuch vor: Die kommunalen Kassen sind leer. Förderprogramme kommen da gelegen. Doch häufig verleiten diese zu Fehlinvestitionen mit hohen Folgekosten, warnt der Steuerzahlerbund.


  • Opposition macht Druck: Soll der Landtag mit weitgehenden Mitteln den "Fall Friedland" aufklären? Die AfD will das, aber allein bringt sie nicht die Mehrheit für einen Untersuchungsausschuss auf.


  • Architekten fordern Umdenken: Teuer, überreguliert und zu kompliziert: In Hannover fordert die Wohnungsbranche einen Kurswechsel im Wohnungsbau – sonst bleibt bezahlbarer Wohnraum ein Wunschtraum.


  • Landesrechnungshof rügt Neubau: Was den Neubau des Ärztehauses der Ärztekammer in Hannover angeht, liegt jetzt ein neuer Prüfbericht vor. Er spricht von einer erheblichen Kostensteigerung – und fehlendem Bedarf.


  • Personen & Positionen: Sylvia Bruns, Felix Banaszak, Karl Bernqvist und Harald Wanger.

Eine appetitanregende Lektüre wünscht

Ihr Christian Wilhelm Link

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #172.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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