Die Rentenkommission, die die Bundesregierung eingesetzt hat, empfiehlt, Minijobs weitgehend abzuschaffen. Geringfügige Beschäftigungen sollen damit ebenso steuer- und sozialversicherungspflichtig werden wie andere Arbeitsverhältnisse. Ausnahmen soll es nur für Schüler geben. Eine gute Idee? Darüber diskutiert die Rundblick-Redaktion.
Anne Beelte-Altwig: Der Hotel- und Gastronomieverband Dehoga hat sich gerade vehement für den Erhalt von Minijobs ausgesprochen. Konnten sie dich überzeugen, Christian?
Christian Wilhelm Link: Wenn es um Hotels, Restaurants und Events geht, auf jeden Fall. Da gibt es einfach viele Jobs, die nur ein paar Stunden die Woche anfallen – abends, am Wochenende oder immer dann, wenn besonders viel los ist. Und für viele Leute ist das auch genau richtig: Die wollen gar keine feste Teilzeitstelle, sondern einfach einen Job, bei dem sie sich unkompliziert etwas dazuverdienen können, ohne sich gleich mit Steuerkram herumschlagen zu müssen. Natürlich darf daraus kein Ersatz für reguläre Stellen werden. Aber deswegen muss man ja nicht gleich das ganze Arbeitsmodell abschaffen. Oder siehst du schon den Minijob an sich als Problem?
Anne Beelte-Altwig: Ja, so würde ich das sagen. Ich denke, die Rentenkommission hat den zentralen Punkt angesprochen: Es ist für die meisten Minijobber ein Holzweg, der in die Altersarmut führt. Die Minijobs wurden im Zuge der Hartz-Reformen eingeführt als Brücken-Lösung: Sie sollten Menschen, die aus der Arbeitslosigkeit oder Familienphase kommen, den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt ermöglichen. Aber Studien zeigen, dass das nicht funktioniert hat: Ein Minijob führt fast nie in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Das wird in der Gastronomie nicht anders sein: Welcher Gastwirt kann seinen Aushilfen schon in Aussicht stellen, dass sie irgendwann feste Stellen bekommen?

Christian Wilhelm Link: Dass Minijobs ein schlechtes Vorsorgemodell sind, würde ich voll unterschreiben. Aber warum muss ein Minijob auch eine Brücke in eine feste Stelle sein? Der Student hinter der Theke, die Rentnerin an der Kasse oder die Hausfrau, die ein paar Stunden pro Woche in einem Büro mithilft, sie alle wollen ja vielleicht gar nicht mehr arbeiten. Die wollen einfach nur ein bisschen Geld dazuverdienen. Mit dem Minijob-Modell ist das aktuell sehr niedrigschwellig möglich. Wenn das Ziel der Politik eigentlich ist, möglichst viele Menschen überhaupt zum Arbeiten zu bringen und Arbeit attraktiv zu machen, verstehe ich nicht, warum man ausgerechnet so ein unkompliziertes Modell abschaffen will. Was wäre denn für diese Leute die bessere Alternative?
Anne Beelte-Altwig: Wir müssen sehen, dass unsere Gesellschaft altert und immer weniger Beschäftigte für immer mehr Rentner aufkommen müssen. Ab einem gewissen Alter, vielleicht etwa ab Mitte Zwanzig, sollte jeder Verantwortung für seine Altersvorsorge übernehmen – auch, wenn die Person vielleicht parallel noch studiert oder Sorgearbeit leistet. Die "Hausfrau", die du ansprichst, ist leider ein typisches Beispiel, denn gerade für Frauen sind Minijobs eine Armutsfalle. Sie begünstigen die ungerechte Verteilung von Sorgearbeit: Wenn ein Partner - in den meisten Fällen die Frau - "nur" einen Minijob macht, dann hat der andere Partner eine gute Ausrede, sich vor der Sorgearbeit zu drücken. Aber im Fall einer Trennung steht die Frau ohne Absicherung da.

Christian Wilhelm Link: Wenn am Ende einer Ehe nur einer Vermögen und Rentenansprüche aufgebaut hat, obwohl beide ihren Teil zum gemeinsamen Leben beigetragen haben, läuft etwas schief. Aber der Minijob ist dafür nicht die Ursache – und seine Abschaffung wird das Problem auch nicht lösen. Bei der Altersvorsorge verhält sich das aus meiner Sicht ganz ähnlich: Natürlich sollte jeder für später vorsorgen. Aber warum macht man private Vorsorge nicht einfacher und attraktiver, statt ein Arbeitsmodell abzuschaffen, das viele Menschen überhaupt in die Lage versetzt, überhaupt einer Beschäftigung nachzugehen? Wenn es in Deutschland ein Problem gibt, wird erst mal etwas verboten. Ansonsten könnte sich ja noch jemand für ein Lebensmodell entscheiden, das so nicht im Koalitionsvertrag vereinbart war. Und wenn Minijobs abgeschafft oder stärker belastet werden und am Ende der Friseur, der Bäcker oder andere Dienstleistungen noch teurer werden, ist den Menschen mit wenig Geld auch nicht geholfen.
Anne Beelte-Altwig: Da hast du Recht: Der Minijob ist nicht die Ursache des Problems. Aber seit er 2003 eingeführt wurde, hat sich die Gesellschaft verändert. Paare wünschen sich heute eine gerechtere Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit. In Bezug auf die Unternehmen würde ich behaupten: Wer seinen Beschäftigten keine soziale Sicherheit bieten kann, hat auch kein tragfähiges Geschäftsmodell. Beschäftigte, die jeden Tag im Unternehmen putzen oder jedes Wochenende im Service aushelfen, sind fester Bestandteil des Teams und sollten auch so behandelt werden.

Christian Wilhelm Link: Beim tragfähigen Geschäftsmodell gebe ich dir sogar ein Stück weit recht. Wenn ein Betrieb dauerhaft auf Minijobber angewiesen ist, ist das keine ideale Basis. Aber es kann eben auch nicht jeder Beschäftigungsbedingungen anbieten wie ein Dax-Konzern. Manchmal hängt es am Standort, an der Größe oder einfach daran, dass in der Branche einfach keine großen Margen zu machen sind. Wenn Minijobs wegfallen, steigen die Personalkosten. Dann macht im Zweifel das kleine Museumscafé zu oder der Kiosk um die Ecke, weil es sich nicht mehr rechnet. Eigentlich müssten viele Dienstleistungen heute schon teurer sein. Aber die Kunden sind eben auch nicht bereit oder in der Lage, jeden Preis mitzugehen. Man muss sich auch die Frage stellen: Ist ausgerechnet jetzt wirklich der richtige Zeitpunkt, um noch weiter an der Inflationsschraube zu drehen?
Anne Beelte-Altwig: Ja, ich finde es auch traurig, wenn kleine Geschäfte oder Gastro-Betriebe verschwinden. Aber es kann nicht die Lösung sein, sich selbst, Familienangehörige und Mitarbeiter auszubeuten, um ein Unternehmen am Leben zu halten, das eigentlich nicht überlebensfähig ist. Von den Kunden würde ich mir mehr Verständnis dafür wünschen, dass Qualität ihren Preis hat. Menschen sind nach wie vor bereit, für Urlaub und Events eine Menge Geld auszugeben. Ich verstehe nicht, warum viele meinen, dass ausgerechnet gutes Essen und guter Service billig sein müssen. Übrigens: Fällt dir etwas auf? Wir haben noch gar nicht über Bürokratie gesprochen.
Christian Wilhelm Link: Stimmt. Dabei ist das ein guter Grund für Minijobs: Sie sind unkompliziert. Gerade kleine Betriebe haben ja keine Personalabteilung, die sich mal eben so nebenbei durch Sozialversicherung und Abrechnung arbeitet. Wenn daraus normale Beschäftigungsverhältnisse werden, steigen nicht nur die Kosten, sondern auch der Aufwand. Davon haben wir in Deutschland nun wirklich genug. Oder siehst du ausgerechnet bei der Bürokratie einen Vorteil in der Abschaffung?
Anne Beelte-Altwig: Eher umgekehrt, würde ich sagen. Die Minijob-Zentrale bei der Knappschaft-Bahn-See hat vorgemacht, wie man Arbeitgeber unbürokratisch und serviceorientiert unterstützen kann. Hier ist es wirklich einfach, Beschäftigte anzumelden und Lohnnebenkosten abzuführen. Warum kann es nicht für alle Arbeitgeber so einfach sein? Aus den Erfahrungen der Minijob-Zentrale könnte man lernen, Bürokratie für alle abzubauen.
Christian Wilhelm Link: Aus Erfahrungen zu lernen, wie man Bürokratie abbaut, würde uns alle enorm voranbringen. Wenn wir es dann auch noch hinkriegen, für unterschiedliche Beschäftigungsmodelle unterschiedliche Lösungen zuzulassen, wäre schon viel gewonnen. Nicht jeder Job muss schließlich in dieselbe Schablone passen.


