
Valeriia Sydorova war 15 Jahre alt, als der Krieg in ihre Stadt kam. Aus der Ferne seien Explosionen zu hören gewesen an jenem Vormittag des 24. Februar 2022 im ukrainischen Nowa Kachowka. „Das ist der Krieg“, habe ihre Oma da zu ihr gesagt. In den Wochen davor habe sie mit Freunden noch Witze darüber gerissen, dass Russland doch wohl nicht tatsächlich einen Angriff auf die Ukraine starten werde. „Wir leben doch in einer zivilisierten Welt, haben wir gedacht. Ich wusste nicht, dass der Krieg so nah war.“ So erzählt es die heute 19-jährige Valeriia Sydorova dieser Tage immer wieder. Zwischen Auftritten in Washington und Prag machte sie am Mittwoch Halt in Hannover. Auf Einladung von Niedersachsens Landtagspräsidentin Hanna Naber (SPD) schilderte sie in der Portikushalle des Parlaments ihr Schicksal. Denn Valeriia Sydorova steht für tausende Kinder, die unter russischer Besatzung unterdrückt wurden und umerzogen werden sollten. Sie ist eine der wenigen, der es gelungen ist, aus der russischen Deportation zu entfliehen und ihren Weg in die freie Ukraine zu machen. Heute lebt sie in Kiew und steht kurz davor, ihre Ausbildung zur Medizinerin abzuschließen. Wenn alles vorbei ist, sagt sie, hat sie ein Ziel: Gemeinsam mit ihrem Freund möchte sie in ihre Heimat in der Oblast Cherson zurückkehren und wieder aufbauen, was die Russen dort zerstört haben. Doch bis dahin kämpft sie noch an der Seite von Olha Yerokhina. Die Kinderrechtsaktivistin setzt sich dafür ein, das Schicksal der entführten Kinder bekannt zu machen – und sie zu ihren Familien zurückzubringen.

Für Valeriia Sydorova begann das, was sie später als Entführung bezeichnen wird, mit einem scheinbar gutgemeinten Angebot, einer Rettung aus dem Chaos des Kriegs. Nachdem die Russen ihre Heimatstadt übernommen und die Verwaltung inklusive der Schulen mit regimetreuen Kräften besetzt hatten, versuchten sie systematisch, alles Ukrainische zu verbieten. In den Schulen sei die russische Nationalhymne gesungen worden, das russische Reich sei als Ort der vielen Möglichkeiten angepriesen worden. Es seien Falschmeldungen über den Fortgang des Kriegs verbreitet worden. Und auch die Geschichte haben die Besatzungsmächte neu erzählt: Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl sei gar nicht so schlimm gewesen, die Hungersnot Holodomor, die seitens der Ukraine als Völkermord bezeichnet wird, ebenfalls keine große Sache. Doch trotz zahlreicher Kollaborateure lief die geistige Übernahme so einfach nicht. Valeriia Sydorova beschreibt diese Zeit als chaotisch. Es gab Gegenoffensiven der ukrainischen Streitkräfte. Zeitweise sei die Lebensmittelversorgung zusammengebrochen. Eines Tages habe die Verwaltung die Kinder dann zu einem zweiwöchigen Camp auf die Krim bringen wollen, damit sie dort ungestört vom Krieg lernen können. Eine Wahl hatten sie aber nicht. Und aus den zwei Wochen wurden erst drei, dann vier. Irgendwann wurden die vertrauten Lehrer, die zuerst noch mitgekommen waren, wieder abgezogen. Valeriia Sydorova beschreibt das Camp als ein Repressionssystem mit strengen Zugangskontrollen, Kameraüberwachung und einer schlechten Gesundheitsversorgung, die viele Kinder krank machte. Mit Hilfe einer Verwandten gelang es ihr schließlich, das Lager auf der Krim wieder zu verlassen. Sie reisten zurück ins besetzte Gebiet. Aber Valeriia Sydorovas Reise ging noch weiter. Mit 17 Jahren führte sie ihr Weg über Mariupol entlang vieler Checkpoints ins russische Rostow und Belgorod und schließlich über einen improvisierten und verminten aber immerhin noch offenen Grenzübergang in die freie Ukraine zurück. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich bereits über Online-Portale für ein Studium in Kiew immatrikuliert – ein gefährlicher Weg in ein neues Leben.

Experten schätzen, dass mehr als 20.000 Kinder seit Beginn der russischen Vollinvasion entführt wurden. Bislang sei es staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren lediglich gelungen, 1600 bis 2000 Kinder wieder aus der Kontrolle der russischen Föderation zu befreien, berichtete die ukrainische Generalkonsulin in Hamburg, Iryna Tybinka, bei der Veranstaltung im niedersächsischen Landtag. „Das Schicksal der Kinder ist weitgehend unbekannt“, sagte sie. Um diesem Umstand entgegenzuwirken, hat Landtagspräsidentin Naber bereits im November die Unterstützung für die Kampagne „Bringt die Kinder zurück“ (Original: BringKidsBackUA) zugesagt, die seitens der Generalkonsulin initiiert wurde. „Dieses Thema kann keinen mitfühlenden Menschen unbeeindruckt zurücklassen“, sagte Naber am Mittwoch im Landtag und betonte die „unbedingte Solidarität mit den Opfern der Entführung“. Rund 210 Lager für deportierte Kinder soll Russland haben, darunter Waisenhäuser und Klöster aber auch Militäreinrichtungen. Ein Fünftel der Lager sei für die militärische Ausbildung vorgesehen, erklärte Naber.


